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11.11.2015 00:00

Wo liegt Zugs neue Altstadt?

  • Alles Gelbe ist weg: Die Luftaufnahme von 1919 demonstriert den Verlust an Bausubstanz in der Zuger Neustadt.
    Alles Gelbe ist weg: Die Luftaufnahme von 1919 demonstriert den Verlust an Bausubstanz in der Zuger Neustadt. | PD
STADTENTWICKLUNG ⋅ Die verlorene Bausubstanz ist eingefärbt: Eine historische Fotografie zeigt eindrücklich, wie sich Zugs Neustadt in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Auf einer faltbaren Doppelseite in der neusten Ausgabe des «Tugium» ist diese Fotografie (Bild rechts) zu sehen. Aufgenommen worden ist sie im Jahre 1919 aus einer Flughöhe von rund 300 Metern. Urheber ist Walter Mittelholzer (1894–1937), der seinerzeit eine Vielzahl solcher Aufnahmen gemacht hat. Auf den ersten Blick ist erkennbar (gelb eingefärbt), dass ein Grossteil der Gebäude in der Zuger Neustadt schon lange nicht mehr existiert. Der abgebildete Stadtteil hat sich nach der verheerenden Vorstadtkatastrophe im Jahre 1887 schnell und stark entwickelt. Mit dem Bau des zweiten Bahnhofes von 1897 – derjenige am heutigen Standort – entstanden die umliegenden Quartiere. Die Einfärbung zeigt, dass das meiste dieser Stadterweiterung keine 100 Jahre alt geworden und bereits durch Neubauten ersetzt worden ist.

Über diese Entwicklung der Zuger Neustadt schreibt Reto Nussbaumer, Kunsthistoriker und Denkmalpfleger des Kantons Aargau, ausführlich und detailliert im «Tugium» 2015. Anschaulich beschreibt er auch, was dem Passanten nicht unbedingt auffällt, wenn er sich durch die Zuger Neustadt bewegt: nämlich dass sich hier in den letzten Jahrzehnten eine Art neue Altstadt gebildet hat. Sie ist auf der Fotografie deutlich auszumachen: Die Gebäude im engeren Neustadtquartier (Gotthard-/Pilatus-/Erlen-/Alpenstrasse) gehören bis auf das Geschäftshaus der Zürich Versicherungen zur Erstbebauung des Quartiers. Die markantesten Bauten sind die reformierte Kirche, das Neustadtschulhaus und die ehemalige Firma Brandenberg & Cie., nachmals Nussbaumer Elektro AG. Reto Nussbaumer kommt in seinem Beitrag im «Tugium» zum Fazit, dass die lebendige Nutzung für Wohnen und Kleingewerbe in dieser neuen Altstadt der ursprünglichen Bewohner- und Nutzungsstruktur entspricht und diesem erhaltenswerten Quartier Sorge getragen werden muss.

Die Zuger Neustadt und ihre Geschichte ist aber nicht etwa ein Sonderfall in der Schweiz, das war auch in anderen Städten zu beobachten, wie Reto Nussbaumer weiss. «Speziell die Gebiete um Bahnhöfe, welche sich in diesen Jahren meist als neue Stadtzentren etablierten, haben solche rasanten Entwicklungen durchgemacht.» In einem besonderen Punkt aber unterscheidet sich Zug zu vielen anderen Schweizer Städten und deren Entwicklung, fährt Nussbaumer fort, nämlich dass der sehr begrenzte Zuger Boden eine enorme Preissteigerung erfahren hat. «Dadurch ist dieser Boden für Neubebauungen zusätzlich lukrativer geworden.» Diese starke Wertsteigerung hat also ihren Tribut gefordert – in Form des Verlustes alter Bausubstanz.

Doch auch aus denkmalpflegerischer Sicht haben sich die Zeiten gewandelt, und einiges, das vor drei, vier Jahrzehnten noch lukrativeren Neuerungen geopfert worden ist, würde heute wohl nicht mehr einfach so abgebrochen werden können. Reto Nussbaumer nennt als Beispiel die Villa Weber, welche an Stelle des jetzigen Coop City gestanden hat. «Ihr Abbruch könnte heute nicht mehr so leicht durchgesetzt werden wie damals in den 1970er-Jahren», ist Nussbaumer überzeugt. «Auch vielen weiteren Gebäuden, die auf der alten Fotografie noch existieren, würde heute sicher ein Denkmalwert zugesprochen.»

Auf die Frage, welchen von den gelb eingefärbten Verlusten auf unserer Fotografie er am meisten bedauert, nennt Reto Nussbaumer den weitläufigen Gebäudekomplex der Metallwarenfabrik an der Baarerstrasse, an dessen Stelle Mitte 1980er-Jahre das heutige Metalli-Center entstanden ist. Nussbaumer wertet den Einkaufskomplex und auch den UBS-Bankneubau zwar als gewichtiges neues Stadtquartier. «Aber es ist aus meiner persönlichen Sicht sehr schade», fährt er fort, «dass damals nicht die Fabrikbauten entlang der Baarerstrasse erhalten und mit Neubauten im hinteren Bereich ergänzt und verschränkt worden sind, so, wie dies heute vielerorts erfolgreich gemacht wird.» Hier sei ein wichtiger Zeuge der Industriekultur der Stadt Zug vollständig verschwunden – und nur noch Leuchtreklamen und eine Bushaltestelle erinnerten an die Geschichte. «Aus meiner Sicht ist dies zu wenig», so Reto Nussbaumer.

Umso wichtiger erscheint es unter diesem Aspekt, dass die neue Altstadt an der Gotthard-/Pilatus-/Erlen-/Al­pen­strasse als geschlossenes Überbleibsel und historisches Zeugnis der Zuger Industrialisierung erhalten bleibt – und nicht dereinst ebenfalls gelb eingefärbt werden muss.

Andreas Faessler

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