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06.04.2016 06:56

Zwei Grosse in Bronze und Marmor

  • Der «Grosse Stehende» aus Bronze und die «Grosse Skulptur» aus Marmor im Garten des Kunsthauses erinnern an die Verbundenheit Wotrubas mit Zug.
    Der «Grosse Stehende» aus Bronze und die «Grosse Skulptur» aus Marmor im Garten des Kunsthauses erinnern an die Verbundenheit Wotrubas mit Zug. | Werner Schelbert / Neue ZZ
ZUG ⋅ Der versteckte Garten des Kunsthauses Zug birgt zwei eindrucksvolle Kunstwerke von Fritz Wotruba. Sie sind ganz verschieden – und doch sehr ähnlich.

Dem Burgbach entlang, die Holztreppe von Tadashi Kawamata hochsteigend, nähert man sich dem Portal in der historischen Umfassungsmauer. Diese zieht mit der modernen Wandmalerei von Platino farbenfroh die Blicke auf sich und vereint ganz beiläufig die Gegenwart mit der Vergangenheit. Anziehend und schützend zugleich, macht die Mauer neugierig auf das, was dahintersteckt: das Kunsthaus Zug – ein imposanter historischer Bau, der ebenso imposante zeitgenössische und moderne Kunst beherbergt. Und ganz unverhofft öffnet sich hinter dem Museum – zur Stadtmauer hin – ein kleiner, versteckter Garten, in dem Kunst und Geschichte eins werden und nur darauf warten, entdeckt zu werden.

Gemäss der im Portal in der Umfassungsmauer eingemeisselten Jahreszahl wurde das damalige Landgut 1527 in unmittelbarer Nähe der zwischen 1478 und 1528 fertiggestellten äusseren Stadtmauer errichtet. Das stattliche Gebäude baute man im Laufe der Zeit mehrfach um. Noch heute zeugen Konstruktionsteile und die Ausstattung – so etwa die weitgehend intakte Täferstube mit Felderdecke und Buffet aus dem 17. Jahrhundert sowie mit weiss-blauem Turmofen aus dem 18. Jahrhundert – von der reichen Baugeschichte. Das ungewöhnlich hohe Erdgeschoss wurde 1904 konzipiert, als der im Haus wohnhafte Weinhändler einen Keller für die Lagerung seiner Weinfässer benötigte. Von 1988 bis 1990 wurde das Haus erneut tief greifend umgebaut. Seither ist hier das Kunsthaus Zug untergebracht. Dessen grandiose Sammlung umfasst Werke der klassischen Moderne bis zur Gegenwartskunst; als Dauerleihgabe wird unter anderem auch die Sammlung Kamm gezeigt.

Hinter dem Museumöffnet sich ein begrünter Hof, der an die alte Stadtmauer grenzt. In diesem lauschigen Garten stehen sich zwei imposante Kunstwerke gegenüber: die «Grosse Skulptur» und der «Grosse Stehende» von Fritz Wotruba. Der in Wien geborene Künstler (1907–1975), der von 1938 bis 1945 hier im Exil lebte, war mit Zug sehr verbunden. Matthias Haldemann, Direktor des Kunsthauses Zug, erklärt: «Fritz Wotruba und seine Frau Marian pflegten eine enge Freundschaft mit dem Ehepaar Fritz und Editha Kamm in Zug.» Zeugnis dieser langen, tiefen Freundschaft sind die zahlreichen Werke in der Sammlung Kamm, die zum Grossteil mit Beratung von Wotruba erworben wurden. Auch die Zuger Kunstgesellschaft pflegte den Kontakt mit dem Künstler, kaufte Werke an und veranstaltete Ausstellungen mit ihm.

Die «Grosse Skulptur» im Hinterhof des Kunsthauses Zug ist eine Dauerleihgabe der Fritz-Wotruba-Privatstiftung, Wien. Wotruba schuf sie im Jahr 1972. Die Skulptur aus weissem Marmor steht in der Wiese auf einem flachen Sockel. Scheinbar aus dem Stein geschält, sind verschiedene Quader sichtbar. Diese variieren in Grösse und Form und stehen gerade oder abgekippt. Sie machen den Eindruck, als wären sie willkürlich aufeinandergetürmt worden und erinnern an ein architektonisches Gebilde. Die Bearbeitungsspuren sind lebendig sichtbar. So kann einerseits die bildhauerische Arbeit erahnt werden, andererseits bekommt das formklare, helle Objekt aus hartem Material einen weichen, skizzenhaften Charakter.

Gegenüber der «Grossen Skulptur» aus Marmor ist die Bronzeplastik «Grosser Stehender» platziert. Sie entstand 1974 und ist eine Schenkung der Foundation for the Promotion of Modern Sculpture, Vaduz. Die auf eine Untergrundplatte angehobene Plastik stellt in abstrahierter Art und Weise eine kraftvolle, stehende Männerfigur dar. Ein schlanker, taillierter Oberkörper sowie ein Stand- und Spielbein sind zu erkennen. Der Kopf ist gerade und die Haltung aufrecht, die Muskelspannung ist spürbar. Die Bearbeitungsspuren der zu Grunde liegenden Gussform aus modelliertem Ton sind gut sichtbar und verleihen der Plastik eine bewegte Oberfläche. Kontrastreich stehen sich die helle Skulptur aus Stein und die dunkle Plastik aus Bronze gegenüber. Hier eine Hommage an die Architektur, dort eine an die menschliche Figur. Ihnen gemeinsam ist die unverkennbare Handschrift Wotrubas, die um das Gleichgewicht von Fülle und Leere ringt und das Unvollkommene mit dem Vollkommenen vereint. Bei beiden Werken suchte Wotruba die Abstraktion, doch fand er von der geometrischen zu einer organischeren Formensprache zurück. Der «Grosse Stehende» ist sein letztes monumentales Werk.

Die beiden «Grossen» Wotrubas im verborgenen historischen Garten sind charakteristisch für das Kunsthaus Zug. Hier treffen sich ganz leise Geschichte und Gegenwart und verschmelzen zu einem Gesamten. Wer also die Gegenwart und die Vergangenheit nicht verpassen will: Der oder die gehe hinein und rundherum und wieder rundherum und weiter hinein.

Brigitte Moser, Kunsthistorikerin

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