ZUG

Als man den Bossards ans Zimmer wollte

Das sogenannte braune Zimmer ist eines der Prunkstücke im Zurlaubenhof. Der Umsicht der Besitzerin ist es zu verdanken, dass der überaus kostbare und vollständig erhaltene Salon an seinem ursprünglichen Ort verblieben ist.
25.10.2017 | 06:42

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

«Château» pflegte Baron Beat Fidel Zurlauben das herrschaftliche Anwesen seiner Familie stets zu nennen. So abwegig war das freilich nicht: Der Zurlaubenhof ist ein Adelspalast, wie man ihn sich vorstellt. Zwischen 1597 und 1621 für Konrad Zurlauben erbaut, hat das Anwesen bis heute nichts von seiner aristokratischen Aura verloren. Auch die drei repräsentativsten Räume haben die Zeit überdauert: Neben dem prächtigen Festsaal im dritten Stock und dem Rokoko-Salon im rückseitigen Pächterhaus ist insbesondere das so- genannte braune Zimmer im zweiten Stock anzuführen.

Dieser Salon ist ein Bijou sondergleichen – ein unbezifferbar wertvolles Zeugnis feinster Wohnkultur wohlhabenden Landadels am Übergang von der Renaissance zum Barock. Das gemäss einer Inschrift am Fries im Jahre 1617 fertiggestellte Eckzimmer ist vollständig mit Holz ausgetäfelt. Als ausführender Künstler kann gemäss archivierten Schriftstücken ein Tischmacher namens Johann Caspar Knup angenommen werden. Den Farben und Maserungen zufolge hat er mehrere unterschiedliche Holzarten intarsierend verbaut. Der Raum dürfte in der Mitte des 18. Jahrhunderts im Zuge einer Restaurierung ein barockeres Erscheinungsbild erhalten haben. Aber spätestens seit dann ist an der hölzernen Ausstattung kaum mehr etwas verändert worden. Dem denkmalpflegerischen Sinn der Besitzerin des Zurlauben­hofes – seit 1843 die Familie Bossard – ist es zu verdanken, dass das braune Zimmer heute noch in einem Bestzustand ist. Man pflegt es, insbesondere bei Sonnenschein zumindest die westwärts ausgerichteten Fensterläden zu schliessen, um das wertvolle Holz am Ausbleichen zu hindern.

Das handwerklich wohl anspruchsvollste Element in dieser Stube dürfte das Buffet in der rückwärtigen Wand gewesen sein. Neben der reichen Gliederung mit Konsolen, Pilastern, Lisenen und Gesimse weist es in den Feldern über den Schrankfächern die eingelegten Allianzwappen der Zurlauben und Zürcher auf. In seinem Zentrum: ein klassisches zinnernes Wandbassin mit einem Fisch als Giessfass. Darüber eine Muschelnische. Als Besonderheit kann angesehen werden, dass sich die nicht minder aufwendig verarbeitete Kassettendecke mit vier grossen sternförmigen Feldern im Parkettboden «widerspiegelt». Selbst die Scharnierbeschläge sowie die Türklinken und -schlösser stammen aus der Erbauungszeit und sind besterhalten. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde der pompöse Turmofen aus grünglasierten Kacheln – teils mit biblischen Motiven – errichtet. Ein fast baugleiches Exemplar von 1647 steht in der Herrenstube von Schloss Wülf­lingen. Es dürfte dem Hersteller des Ofens im braunen Zimmer – die Zuger Hafnerei Keiser? – als Vorlage gedient haben. Dank den historisierenden Formen fügt sich der Ofen stilistisch bestens ein – auch dies war wohl einst dem Kunstsinn der Besitzerfamilie zu verdanken.

Das stärkste Zeichen für kunsthistorisches Verständnis aber setzten die Bossards seinerzeit, als mehrere repräsentative und bedeutende Interieurs der Schweiz ins neue Landesmuseum nach Zürich verbracht werden sollten. Damit die Räume in originalem Zustand gezeigt werden konnten, baute man das Museum um sie herum. Auch das braune Zimmer stand auf der Wunschliste des Landesmuseums. Doch lehnten die Bossards ab. So ist der prunkvolle Salon an seinem angestammten Ort geblieben und bis heute Teil des Wohnbereiches. Immerhin: Jeweils am Nationalfeiertag öffnet der Zurlaubenhof für interessierte Besucher seine Türen. Dann sind die repräsentativen Räume, darunter auch das braune Zimmer, zu besichtigen.

Leserkommentare
Weitere Artikel