KUNST

Der Ägerer Maler und sein «Lac d’Emosson»

Meinrad Iten ist einer der bedeutendsten Schweizer Vertreter der Düsseldorfer Schule. Der Porträtist schuf auch einige Landschaftsgemälde. Bei diesen verzichtete er jedoch auf die hohe Detailhaftigkeit.
17.01.2018 | 08:18

In seiner Geschichte rühmt sich das Ägerital mit Meinrad Iten (1867–1932) eines der bedeutendsten Schweizer Porträtmalers des frühen 20. Jahrhunderts. In Unterägeri in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, lernte Iten schon früh das Zeichenhandwerk an der Stiftsschule Einsiedeln. Nach der Gymnasialzeit reiste er im Spätsommer 1885 nach München, um sich bei seinem Landsmann Josef Brandenberg auf die Aufnahme an der Kunstakademie vorzubereiten. Iten tendierte zur religiösen Malerei, wofür Brandenberg die Münchner Akademie jedoch als ungeeignet sah und dem zielstrebigen Unterägerer die Königlich-Preussische Kunstakademie in Düsseldorf empfahl. Bereits im Herbst 1885 schaffte Iten dort die Aufnahme. Der Ägerer war der erste ausländische Kunststudent, der vom preussischen Staat Stipendiengelder gesprochen bekam.

Nach seinem Studienabschluss arbeitete Meinrad Iten bis 1899 in Düsseldorf. Obschon er noch ein Kreuzigungsgemälde für die Kirche in Morgarten schaffen sollte, wandte er sich von seinem ursprünglichen Fokus der religiösen Malerei ab und konzentrierte sich primär auf die Porträtmalerei. Dies auf Anraten seines wichtigsten Düsseldorfer Mentors Hugo Crola. 1899 kehrte Iten zurück in seine Heimat, gründete eine Familie und führte namhafte Porträtaufträge für klerikale Würdenträger und einflussreiche Kaufleute aus. Zunehmend entstanden Porträtzeichnungen von Menschen aus allen Schichten des Ägeritals und der umliegenden Regionen. Iten wurde mit dem Porträtieren der Zuger Landammänner beauftragt. Der Zuger Regierungsrat und spätere Bundesrat Philipp Etter wurde Meinrad Itens wichtigster Mäzen.

Die Porträtmalerei blieb Meinrad Itens Haupttätigkeit – ob Rötel, Bleistift, Kohle, Feder, Pastell oder Öl. Dennoch schuf er auch mehrere Landschaftsgemälde. Eines davon zeigt unser Bild - den Blick vom Oberägeriberg über Hauptsee auf die Urner Alpenkulisse aus dem Jahre 1914. Das Ölgemälde auf Leinwand misst stattliche 95 mal 120 Zentimeter. Anhand dieses Bildes ist ersichtlich, wie sich Itens Arbeitsweise bei den Genres unterscheidet: Legt er beim Porträt grossen Wert auf eine naturalistische, hochdetaillierte Ausführung, so leben seine Landschaftsbilder stärker durch die Farbabstufungen und die dadurch erzeugten Stimmungen als durch eine feinteilige Umsetzung. Das lässt sich am hier gezeigten Bild sehr gut ablesen. Iten führt die Landschaft um Morgarten und Sattel im Mittelgrund ohne die in der Spätromantik übliche Genauigkeit aus, wie er sie in seinen Porträts nach wie vor anwendet. Während die Rigikette noch unschärfer umgesetzt ist, lässt Iten die zerklüfteten Urner Hochalpen hauptsächlich durch den Kontrast zum Vordergrund wirken. Die Spiegelungen im Ägerisee intensivieren die Ruhe, die von diesem Gemälde ausgeht.

Unbedeutend, aber delikat an dieser Stelle zu erwähnen ist die Tatsache, dass «unser» Gemälde vom Ägerisee im Jahre 2007 in einem Walliser Auktionshaus in Sion als «Meinrad Iten, Lac d’Emosson» verkauft worden ist – zu einem stattlichen Preis. Tatsächlich haben gewisse Perspektiven am Emosson eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Panorama am Ägerisee. Dass der Emosson-Stausee allerdings erst ab 1925 entstanden ist, Iten das Gemälde aber bereits 1914 gemalt hat, hätte den Experten des Auktionshauses auffallen sollen. Aber «Regionales» verkauft sich in kleineren Auktionshäusern nun mal besser.

Die Früchte des reichen Schaffens von Meinrad Iten befinden sich heute hauptsächlich in Privatbesitz, im Besitz der Bürgergemeinde Unterägeri, des Kantons Zug, der Burg Zug und auch des Kunsthauses. In den vergangenen Jahren sind bloss zwei Iten-Werke auf dem öffentlichen Kunstmarkt aufgetaucht. Das Gemälde vom Ägerisee war eines davon.

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

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