PEKING

Des Kaisers Uhrmacher aus Zug

Was macht ein frommer Zuger am chinesischen Hof? Als Jesuitenbruder reist Franz Ludwig Stadlin anno 1707 in den Fernen Osten und bietet dem Kaiser seine Dienste an. Einzig ein altes Dokument verrät uns etwas über den Zuger. Sein Grabstein existiert noch.
04.10.2017 | 07:50

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Vor knapp 100 Jahren wurde der Zuger Stadtpfarrer Franz Weiss (1877–1934) in einer Publikation zur Missionsgeschichte des Jesuitenordens auf einen Mann aus Zug namens Franz Ludwig Stadlin aufmerksam, der als Laienbruder anno 1740 im fernen Peking verstarb. Neugierig geworden, machte sich Franz Weiss auf die Suche nach Quellen, um Näheres über diesen mutmasslichen Jesuitenmissionar aus Zug zu erfahren. Der Stadtpfarrer wurde im Taufbuch fündig und widmete, nachdem er weitere Einzelheiten zusammengetragen hatte, jenem Stadlin einen Beitrag im Zuger Neujahrsblatt 1915.

Pfarrer Weiss fand heraus, dass Franz Ludwig Stadlin am 16. Juli 1658 (andernorts ist der 18. Juli genannt) in Zug geboren und als Franciscus Leontius getauft worden war. Den weiteren biografischen Abriss für den Werdegang Stadlins entnimmt Weiss dem Bericht eines Jesuitenpaters Augustin von Hallerstein aus Laibach, den dieser im November 1740 über jenen Stadlin aus Zug in Form eines Nachrufs verfasst hat – wir sehen an dieser Stelle, dass auch wir das Leben Stadlins nun über mehrere Quellen nachzuzeichnen versuchen. Hallerstein lebte ab 1735 mehrheitlich in China, wo die Jesuiten ab 1601 wirkten und bei den Chinesen – vor allem beim Kaiserhaus – wegen ihres grossen Wissens in Mathematik und Physik hohes Ansehen genossen. So rekapituliert Hallerstein das Leben seines im sehr hohen Alter von 82 Jahren verstorbenen Mitbruders Stadlin.

In eine fromme Zuger Familie hineingeboren, erlernte Stadlin – offenbar bei seinen Eltern – das Uhrmacherhandwerk, worin er sich als äusserst talentiert erwies. Bald verliess er seine Heimat und bot seine Dienste bei Meistern in Ulm, Wien, Prag, Danzig, Königsberg, Dresden und Berlin an. 1687 schliesslich verabschiedete sich der tiefgläubige Stadlin von seinem welt­lichen Leben, trat in Brünn in die böhmische Provinz des Jesuitenordens ein und lebte und arbeitete mehrere Jahre lang in verschiedenen Jesuiten-Niederlassungen. Von 1704 bis 1706 weilte Stadlin in Portugal, um die Sprache zu lernen.

Als der Münchner Jesuitenpater Caspar Castner, Präsident des mathematischen Instituts in Peking, nach Europa kam, um Brüder aus seinen Reihen für die Mission in China anzuwerben, zeigte sich Franz Ludwig Stadlin gewillt, seinen Aufgaben in der Ferne weiter nachzugehen und reiste im Jahre 1707 nach Peking – die Reise sei sehr beschwerlich gewesen, schreibt Hallerstein. Ohne je das strenge Ordensleben und seinen tiefen christlichen Glauben zu vernachlässigen, übte Stadlin auch in China sein ­ Uhr- und Instrumentenhandwerk fleissig aus. Er wurde für seine ausgeprägten Fertigkeiten allseits bewundert – von den Mitbrüdern gleichwohl wie von Kaiser Kangxi (1654–1722) persönlich, welcher Stadlin als kaiserlichen Hofuhrmacher beschäftigte. Der Herrscher galt als grosser Freund von Kunsthandwerk und Wissenschaften.

Hallerstein umschreibt Stadlin als einen Menschen, der sich stark der Nächstenliebe verpflichtet sah. So habe er das wenige, das er mit seinem Handwerk verdiente, nie dafür eingesetzt, sich selbst etwas Gutes zu tun, sondern den Armen gegeben. Auch hat Stadlin dem Anschein nach starke körperliche Beschwerden stoisch ertragen und seine Arbeit bis ins hohe Alter ausgeübt. In der Nacht auf den 14. April 1740, es war der Hohe Donnerstag, verstarb Franz Ludwig Stadlin. Das Begräbnis ging mit viel Pomp und Pracht vonstatten, wie es für angesehene Menschen in China üblich war. Die Trauergesellschaft war gross, setzte sich zusammen aus Franz Ludwig Stadlins Mitbrüdern, zahlreichen Mitchristen – und einem grossen Haufen Hof-Eunuchen, welche Stadlin im Uhrmacherhandwerk unterrichtet hatte. Auch der Nach-Nachfolger von Kaiser Kangxi, Kaiser ­Qiánlóng (1711–1799), schien Stadlin in grosser Ehre zu halten: Um die gebührende Bestattung finanzieren zu können, spendete der Kaiser eine grosse Menge Silber und feinste Seide.

Es ist davon auszugehen, dass Franz Ludwig Stadlin seine Heimatstadt Zug noch als sehr junger Mann verlassen hatte. Ob er danach jemals wieder auf Besuch zu Hause war, ist ungewiss. Aus den Aufzeichnungen Hallersteins geht hervor, dass Stadlin im Verlaufe der 33 Jahre, die er – wohl ununterbrochen – in China zugebracht hatte, seine Muttersprache weitgehend vergessen und ein eigenartiges Gemisch von Deutsch, Portugiesisch und Chinesisch gesprochen haben muss. Immerhin hat er noch einige Lieder auf Zugerdeutsch singen können, wie aus den Aufzeichnungen hervorgeht.

Franz Ludwig respektive Franz Leonz Stadlin ist heute in Zug weitestgehend vergessen. Immerhin findet sich mittlerweile ein Wikipedia-Eintrag über ihn mit einigen Angaben, welche sich ebenfalls auf die Recherchen von Stadtpfarrer Franz Weiss und somit auch auf Pater Augustin von Hallerstein beziehen. Erhalten geblieben ist der älteste christliche Friedhof Shalan in Peking. Hier liegen vor allem Jesuiten begraben, die zwischen 1610 und 1895 verstorben sind. Auch Stadlins Grab mitsamt Grabstein (Bild) hat die Zeit überdauert. Er trägt je eine Inschrift auf Lateinisch und Chinesisch. Aus Letzterer geht hervor, dass Stadlin «Meister Lin» genannt wurde und auch Jige, was für Franziskus steht. Ausserdem hatte er den Übernamen Yukan.

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