BAAR

Fehlt nur noch das Heu an der Dachrinne

Das auffällige Wandbild gegenüber der Pfarrkirche ist das Frühwerk eines Baarers. Der abgebildete Heilige brachte dem Künstler während der Entstehung fast Pech – oder vielleicht doch eher Glück im Unglück?
16.08.2017 | 07:40

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Kommt man vom Baarer Dorfzentrum her Richtung Zug, ist er nach der Kurve vor der Kirche prominent zu sehen: der Reiter mit erhobenem Schwert an der hellen Hauswand der Zugerstrasse Nummer 6. Selbstverständlich ist er nicht etwa im Begriffe, dem auf dem Boden Knienden den Kopf abzuschlagen – es handelt sich um den heiligen Martin von Tours (316–397), Kirchenpatron von Baar und eine der populärsten Heiligenfiguren der katholischen Kirche. Gemäss Überlieferung stand Martin um 334 in Amiens in kaiserlichen Diensten. An einem kalten Wintertag ­begegnete er am Stadttor von Amiens einem unbekleideten, frierenden Bettler. Martin trug zu dem Zeitpunkt einzig seine Waffe und seinen Dienstmantel auf sich. So teilte Martin seinen Mantel mit dem Schwert in zwei Hälften und gab eine davon dem armen Mann. Diese berühmte Szene ist an der Baarer Hauswand dargestellt.

Die Signatur rechts des hinteren Pferdehufs verrät denn auch Urheber und Entstehungsjahr: Der Künstler Elso Schiavo schuf den heiligen Martin im Jahre 1955. Der heute 83-jährige Baarer wird primär mit sei- nen farbintensiven charakteristischen Fabelwesen in Verbindung gebracht, mit Kreaturen etwa wie der «Rindsforelle», einem anderen Kunstwerk im öffentlichen Raum Baars, an der Hauswand der Langgasse 4. Der heilige Martin hoch zu Ross aber ist augenscheinlich ganz anderer Natur und Machart. «Ich war damals noch an der Kunstgewerbeschule als Grafiker», erinnert sich Schiavo. Als der Baarer Maler Baur das Haus Zugerstrasse 6 gekauft hatte, sei dieser auf ihn zugekommen und habe ihn beauftragt, die leere Nordfassade des Gebäudes mit einem Kunstwerk zu beleben. Der heilige Martin habe sich geradezu anerboten, stehe er doch so Angesicht zu Angesicht mit der ihm geweihten Pfarrkirche. «Ich habe mich darauf mit dem Heiligen und seiner Geschichte auseinandergesetzt, bevor ich mich ans Werk gemacht habe», sagt er.

Es handelt sich um Sgraffito-Technik, für die der junge Elso Schiavo zuvor bei keinem Geringeren als Hans Potthof um Rat gesucht hatte. Die Vorlage hatte Schiavo in Originalgrösse fein säuberlich aus Karton geschnitten und an der Wand befestigt. Die dunkle Farbe wurde mit einem Kohlebeutel aufgetragen. Fast hätte St. Martin den Künstler Kopf und Kragen gekostet. «Während ich das Sgraffito ausführte, wurde das Haus renoviert und war eingerüstet», so Schiavo. Als er seine Arbeit am Abend ruhen liess, um am nächsten Morgen weiterzumachen, habe plötzlich unerwartet ein Teil des Gerüstes gefehlt, was er aber nicht gemerkt habe. Um ein Haar sei er abgestürzt.

Als das Kunstwerk fertig war und es Auftraggeber Baur sah, kam dieser aufgelöst angerannt und schimpfte, erinnert sich Elso Schiavo. «Nicht weil ihm der heilige Martin nicht gefiel, sondern weil er fand, dass dieser und sein Pferd zu nahe am Fassadenrand standen», schildert Schiavo. «Jetzt müsse man nur noch Heu an den Dachkänel› klemmen, dann könnte es das Pferd fressen», zitiert Schiavo den Auftraggeber amüsiert. Er habe sich dann aber schnell beruhigt. Schiavos St. Martin trägt in seiner vergleichsweise strengen Linienführung die typischen Eigenheiten der Grafik der 1950er-Jahre, wie sie damals dem Zeitgeist entsprach.

Es war allerdings nicht seine erste Arbeit in Sgraffito-Technik, sondern die zweite. Sein erstes Sgraffito hatte Schiavo im Inneren des ehemaligen, spä- ter abgebrochenen Gasthauses Ochsen ausgeführt, das etwas versetzt auf der anderen Strassenseite gestanden hatte. «Mein Auftraggeber hierfür war Architekt Müller», weiss Schiavo noch. Als Honorar habe er von ihm eine Lambretta erhalten. Mit einem Freund habe er daraufhin auf dem Motorroller Korsika umrundet. «Als ich wieder in Baar ankam, war das Ding hinüber.»

So sind das Gasthaus Ochsen mitsamt Sgraffito sowie der Lambretta Geschichte, aber St. Martin ist geblieben und setzt als Frühwerk des heute 83-jährigen Künstlers noch immer ein sichtbares Zeichen in Baar.

Hinweis

Mit «Hingeschaut» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

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