BAAR/MENZINGEN

Gästebuch aus alter Zeit

Die Lorzentobelbrücke ist zugleich ein Gästebuch aus alter Zeit: Viele Menschen haben sich hier einst beim Vorbeikommen im Holz verewigt. Auch wenn ihre Geschichten unerzählt bleiben, sind die Inschriften eine Art Zeitzeugen.
30.08.2017 | 08:02

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Für unser heutiges Fundstück mag es wenig Hintergründiges mit Hand und Fuss zu berichten geben. Manchmal aber sind Worte und Fakten eher sekundär, so bleibt Raum für das eigene kreative Vorstellungsvermögen. Etwa, wenn es um sichtbare Spuren geht, die unbekannte Menschen einst der Nachwelt hinterlassen haben. So zu finden an den alten Holzbalken der historischen Lorzentobelbrücke. Eine reiche Fülle an eingeritzten und auch aufgezeichneten Hinterlassenschaften von Leuten, die hier vorbeigekommen sind. Darunter wohl auch Pilger, wovon eine Zeichnung zeugt, die dem Anschein nach das Kloster Einsiedeln zeigt. Ganze Namen sind eingeritzt worden sowie auch Initialen. Ob es sich bei «K & M» vielleicht nicht um Reisende, sondern um ein Liebespaar handelt, das sich hier heimlich getroffen oder einfach anstatt an einem Baum an einem Balken der Holzbrücke seine Verbundenheit verewigt hat?

Den meisten Inschriften sieht man an, dass sie wohl aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen – mehrere von ihnen sind gar datiert. Die Gepflogenheit, sich an einer bestimmten Stelle zu verewigen, ist alt. Diese Art «Gästebuch» ist vor allem im Laufe des 19. Jahrhunderts aus einer romantischen Gesinnung heraus entstanden. Menschen fingen an, sich an Orten zu verewigen, die ihnen etwas bedeuteten, die sie mit einem prägenden Erlebnis verbanden. Ein illustres Beispiel sind etwa die alten Tische des Münchner Hofbräuhauses. Sie sind übersät mit zahllosen Kritzeleien aus den vergangenen 120 Jahren. Die Tische gelten als hausinternes Kulturgut. Freilich ist diese Art von Souvenirs heute nicht mehr gern gesehen, zumindest, wenn sie neu entstehen. So wehrt sich beispielsweise die Stadt Luzern mit deutlichen Hinweisen an der Kapellbrücke, dass man keine Inschriften hinterlassen soll. An der Lorzentobelbrücke sind solche Massnahmen ­weniger angezeigt, seit sie nicht mehr so frequentiert wird wie in alter Zeit, als die Inschriften entstanden sind, die von unbekannten Menschen wohl von nah und fern stammen – und bestimmt birgt jede Inschrift ihre eigene, unerzählte Geschichte.

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