MURI

Steinernes «Unikat» aus einer Zuger Werkstätte

Leontius von Muri ist einer von zahlreichen Katakombenheiligen. Der Zuger Barockbildhauer Johann Baptist Wickart schuf eine Leontius-Figur für einen gleichnamigen Brunnen. Sie ist eine Besonderheit im reichen Schaffen des Künstlers.
23.08.2017 | 08:00

Beschäftigt man sich mit der Schweizer Geschichte der Bildhauerei, so begegnet einem sehr bald die Familie Wickart aus Zug. Es handelt sich um eine der schaffenskräftigsten Bildhauerdynastien der Zentralschweiz, gegründet in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Michael Wickart (1600–1682). Er schuf einen enormen Reichtum an Altären, Kanzeln, Tabernakeln ... und sakralem Figurenschmuck. Als Michael Wickart den Betrieb in die Hände seines Sohnes Johann Baptist übergab, erlebte der Zuger Bildhauerbetrieb seine Hochblüte. Johann Baptist Wickart zeichnete verantwortlich für bedeutende Ausstattungsgegenstände zahlreicher Stifts-, Kloster- und Pfarrkirchen in der Zentralschweiz und dar­über hinaus. Als sein Hauptwerk wird die monumentale Altargruppe der alten Michaelskirche in Zug angesehen. Die Altäre stehen heute in der Dreifaltigkeitskirche zu Konstanz («Hingeschaut» vom 19. Februar 2014).

Johann Baptist Wickart war auch für die Klosterkirche Muri tätig. Von ihm stammen hier der Marienaltar, die Leontius-Statue am Leontius-Altar sowie eine weitere Figur des heiligen Leontius am gleichnamigen Brunnen in unmittelbarer Nähe des Klosters. Die Besonderheit hier besteht darin, dass es sich bei Letzterem nach aktuellem Wissensstand um die einzig bekannte Steinplastik des schaffenskräftigen Zuger Bildhauers handelt. Dessen ganzes umfangreiches Werk besteht ansonsten aus Holz – zumindest im Kern. Umso bemerkenswerter ist es also, dass uns ein singuläres Kunstwerk aus Stein von Johann Baptist Wickart erhalten geblieben ist. Die Brunnenfigur aus Sandstein ist eine Art Pendant zu Wickarts Leontius-Statue aus Holz am nördlichen Seitenaltar in der Klosterkirche. Seine Erscheinung ist dieselbe – Stiefel, Umhang, langes Haar, Vollbart –, nur die Haltung ist etwas anders. Die barocke Brunnenanlage vor der heutigen Filiale der Aargauer Kantonalbank entstand um 1681 unter Abt Hieronymus Troger, dessen Wappen den Brunnen krönt. Im Jahre 1683 lieferte Johann Baptist Wickart die Leon­tius-Figur für den Brunnenstock.

Nachdem der Name Leon­tius nun mehrmals gefallen ist, seien diesem Heiligen hiermit noch ein paar Zeilen gewidmet. Seine vollständige Bezeichnung ist Leontius von Muri, was bereits verrät, dass es sich um einen primär lokal verehrten Heiligen handelt. Leontius ist einer von zahlreichen sogenannten Katakombenheiligen. Bei ihnen handelt es sich um nicht näher bekannte Verstorbene, die in den ersten Jahrhunderten nach Christus in den Nekropolen Roms bestattet worden waren. Sie werden als frühe Vertreter respektive mutmassliche Märtyrer des Christentums verehrt. Ihre Gebeine gelangten im 16. und im 17. Jahrhundert in die katholischen Gotteshäuser Europas, entweder um Ersatz für im Bildersturm verlorengegangene Reliquien zu beschaffen oder aber um als Gotteshaus zusätzliche Bedeutung zu erlangen. So kamen aus der Calixtus-Katakombe in Rom im Jahre 1647 Reliquien, die zu einem christlichen Märtyrer namens Leontius gehören sollen, durch den in päpstlichen Diensten stehenden Leutnant Johann Rudolf Pfyffer von Altishofen nach Muri. Biografisch ist über Leontius freilich nichts überliefert, auch kennt man weder seine genauen Lebensdaten noch die Art des Martyriums. Eine Nachweisbarkeit der Identität des Verehrten stand nicht im Vordergrund, da es keinen Einfluss auf die florierende barocke Volksfrömmigkeit hatte – die mutmasslichen Heiligenreliquien aus Rom machten Muri schlagartig auch zu einem Wallfahrtsort. Der von Leontius abgeleitete Vorname Leonz ist im Umkreis der einstigen Benediktinerabtei heute noch anzutreffen.

In einem Schrein in der Klosterkirche werden die Gebeine von Leontius aufbewahrt. Dar­über steht Wickarts heiliger Leontius in Holz. Ausserhalb der Klosterkirche zeugt indes also Wickarts Statue aus Sandstein von der lokalen Verehrung dieses an sich unbekannten Heiligen.

 

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

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