SKULPTUR

Zugs kleine Reminiszenz an Brüssel

Hinter dem Trinkbrunnen auf dem Bahnhofplatz steht ein illustrer Name. Dennoch kriegt das Kunstwerk kaum die Beachtung, die ihm gebührt – ganz im Gegensatz zu seinem «Vorbild».
31.01.2018 | 08:07

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Er wirkt fast verloren, ja gar unscheinbar inmitten der ausladenden Betonfläche vor der monumentalen Bahnhofsfassade. Und das war von Anfang an das Problem dieses weissen Monoliths in Form eines Trinkbrunnens, bei dem es sich immerhin um ein Kunstwerk von hohem Rang handelt, angefertigt aus feinstem Carrara-Marmor. Man hastet höchstens an ihm vorbei, während man kurz einen Blick auf die eindrucksvolle Glasfront des Bahnhofsgebäudes wirft und dabei aufpasst, dass man den hier wendenden Bussen nicht im Weg steht.

 

Am 28. November 2003 wurde der Brunnen im Zuge der Eröffnung des neuen Bahnhofplatzes aufgestellt und ein­geweiht – in Anwesenheit der ­Urheber; des ukrainischen Künstlerpaars Ilya und Emilia Kabakov. Die in Künstlerkreisen weltweit bekannten Kabakovs pflegen seit Jahren einen engen Draht zur Stadt Zug, haben hier wiederholt grosse Kunstprojekte umgesetzt und sind mit einem beachtlichen Bestand an Werken in der Sammlung des Kunsthauses vertreten. Der Standort des Brunnens – er war ein Geschenk der Wasserwerke Zug an die Stadt – hatte im Vorfeld für einige Debatten gesorgt. Die SBB zweifelten an der Wirkungsentfaltung im Zentrum des Betonplatzes, sie hätten einen Standort am östlichen Rand des Platzes bevorzugt, weil die Fussgänger vornehmlich dort verkehrten. Aber die Kabakovs bestanden darauf, dass ihr Brunnen in der Mitte platziert wird. Nachdem Kunsthausdirektor Matthias Haldemann und der damalige Stadtpräsident Christoph Luchsinger sich für die Forderung der Kabakovs stark gemacht hatten, willigten die SBB schliesslich ein.

Der prominente Standort des «Drinking Fountain» geht tatsächlich auf Kosten der Wahrnehmung und Beachtung. Als zu klein und unauffällig wird er empfunden. Daran ändern auch seine Hochwertigkeit und die bedeutenden Namen dahinter wenig. Auch seine Funktion fällt insofern in den Hintergrund, als die wenigsten den «gefährlichen» Weg ins Zentrum des Platzes auf sich nehmen, um einen Schluck Wasser zu trinken. Auch der Brunnen selbst ist an seinem Standort gewissen Risiken ausgesetzt: Ende 2016 ist er beschädigt worden, vermutlich durch einen unvorsichtigen Lastwagenlenker.

Dennoch lässt sich dem Trinkbrunnen nichts an Ästhetik absprechen. Auf einer leicht erhöhten Betonplattform stehend, setzen seine glattpolierte Oberfläche und die geschmeidigen Rundungen einen starken Gegenakzent zur streng gegliederten Bahnhofsfront. Eine kleine, spitz zulaufende Rasenfläche auf der Rückseite des Brunnens zeigt Richtung See, die Plattform wird dadurch tropfenförmig. Mit ein wenig Vorstellungsvermögen lässt sich erahnen, was der Brunnen darstellen soll: Anlehnend an das Manneken Pis in Brüssel interpretieren die Kabakovs das weltbekannte belgische Wahrzeichen auf moderne Weise neu. So ist ihr Trinkbrunnen als Unterleib eines Mannes zu verstehen, dessen Hinterteil zum See zeigt. Ergo ist selbsterklärend, was der Wasserspender auf der zum Bahnhof hin ausgerichteten Brunnenseite darstellt. Unterhalb der halbrunden Schale deutet eine feine, senkrecht verlaufende Vertiefung die Beine an.

Hinweis

Mit «Hingeschaut» gehen wir Details mit kulturellem Hintergrund und Zuger Bezug nach. Frühere Beiträge finden Sie online unter www.zugerzeitung.ch/hingeschaut.

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