ZUG

Zum Wäschekochen vor die Stadt

Sogenannte Waschhäuser gab es in Städten einst mehrere. Auch in Zug mussten die Bewohner vor die Stadtmauer, um ihre Lumpen zu waschen – das hatte seine guten Gründe.
21.06.2017 | 04:39

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Viele Städte verzeichnen in ihrer Geschichte mindestens einen verheerenden Grossbrand. Feuer war eine der grössten Gefahren im Alltag der Menschen. Ein offener Herd, Kerzen, Öllampen ... Ein Moment der Unaufmerksamkeit oder auch ein ungünstiger Windstoss – schon konnte ein Feuer ausbrechen und sich durch die leicht brennbare Bausubstanz der mittelalterlichen Häuser fressen. Die Feuerwachen von einst verfügten über weit weniger effiziente Mittel, um der Brunst Herr zu werden.

Um das Risiko eines Stadtbrandes zu mindern, verbot man es der Bevölkerung, Wäsche im eigenen Haus aufzukochen. Deshalb wurden vielerorts ausserhalb der Kernzonen sogenannte Waschhäuser erbaut. Ihre Funktion war an sich ähnlich wie diejenige der heutigen Gemeinschaftswaschküchen in Wohnblöcken. Auch die Stadt Zug hatte keine Lust auf eine Brandkatastrophe und errichtete ausserhalb ihrer Befestigung Waschhäuser. Es existierte beispielsweise ein solches in der Nachbarschaft Antonsgasse, welches 1836 abgebrochen wurde. Weitere Waschhäuser baute man unter anderem in den Nachbarschaften Altstadt Untergasse unterhalb der «Taube» und Altstadt Obergasse südlich der Liebfrauenkirche. Diese sind die beiden einzigen in Zug heute noch existierenden. Die entsprechende Nachbarschaft hatte und hat für den Unterhalt ihrer Waschhäuser zu sorgen.

Wir schauen uns hier das Waschhaus in der Oberen Gasse zwischen Liebfrauenkirche und Casino etwas genauer an. Es wurde im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts – wohl um 1625 – errichtet und hat die neckische Bezeichnung «Im Löchli». Das ursprüngliche Häuschen bestand ziemlich genau 200 Jahre, ehe es um 1826 neu errichtet wurde, wie eine Jahreszahl am Türsturz verrät. 13 Jahre später wurde es vergrössert, wobei die damals noch existierende äussere Befestigungsmauer durchbrochen werden musste. Das Waschhaus erfüllte über Jahrhunderte seinen Zweck – 1959 stellte man eine automatische Waschmaschine auf, bald darauf eine zweite. Als um 1960 zusätzlich noch eine Nasszelle für die Körperhygiene hinzukam, wurde das Waschhaus gleichsam zum öffentlichen Badhaus. Für 40 Rappen erhielt man ein Tuch und ein Stück Seife. Mit diesen beiden Funktionen bestand das Wöschhüsli bei der Liebfrauenkirche bis 1995 und war somit auch sozialhistorisch bedeutend.

Als das Wöschhüsli als solches im Jahre 1995 aufgelassen wurde, war seine Zukunft ungewiss. Eine Nutzung als Kinderkrippe oder als Wohnatelier wurde unter anderem vorgeschlagen. Verhandlungen mit der Stadt blieben jedoch ohne Resultat. Ausserdem ist der Bau von 1826 – errichtet aus Naturstein – stark desolat geworden und bedurfte dringend einer Sanierung. Die Nachbarschaft Altstadt-Obergasse wollte das historisch bedeutende Bauwerk unbedingt erhalten und ernannte im April 2002 eine Baukommission für das Erarbeiten eines Sanierungskonzeptes. Im folgenden Frühling startete die Nachbarschaft eine Spendenaktion, an der sich Stadt, Bürgergemeinde, Korporation, zwei Zuger Stiftungen und selbst die Pro Patria beteiligten. Die nötigen 200 000 Franken konnten schliesslich aufgetrieben werden. Im Herbst 2003 begannen die Sanierungsarbeiten am Wösch­hüsli. Vor allem am Mauerwerk und am Dachgebälk waren Renovationsmassnahmen nötig. Der Kalkputz wurde ersetzt.

Als man im Zuge all dessen einen Entfeuchtungsgraben für das Waschhaus anlegte, kamen Reste einer Mauer zum Vorschein, welche offenbar einst Teil des Stadtgrabens war und vermutlich aus dem frühen 13. Jahrhundert stammt. Dieser überraschende und für die Stadtgeschichte bedeutende Fund wurde erhalten und konserviert. Im Herbst 2004 bezog die Zuger Mosaikkünstlerin Sile Beck mit ihrem Atelier die rund 50 Quadratmeter des frisch renovierten Waschhauses, dessen Erhaltung in der Tat ein Glücksfall ist. Mit seinem Abriss wäre der Stadt Zug ein wichtiger Zeitzeuge der eigenen Geschichte verloren gegangen.

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