Kolumnen
16.04.2017 15:37

Einblicke

Meine Tattoos

Moderator Kurt Zurfluh über die Entrüstung der TV-Gemeinde. Der 67-Jährige war langjähriger Kolumnist unserer Zeitung. Am Samstag verstarb er während einer Reise auf Kuba an Herzversagen.

Köstlich amüsiert habe ich mich über die Geschichte mit der tätowierten TV-Modera­torin in der Sendung «Glanz und Gloria». Da erlaubte sich ein Teenager tatsächlich, im Gespräch mit Kulturminister Berset die bemalten Arme zu zeigen. Ein TV-Kritiker machte daraus eine Todsünde, was zu einem «Shitstorm» im Internet führte. Wie immer mit vielen einseitigen, engstirnigen, intoleranten und dummen Kommentaren.

Wie hatten wir Fernseh- und Radiomoderatoren doch vor 30 und mehr Jahren ein Herrenleben, als wir uns noch das eine oder andere Spässchen am Bildschirm und Mikrofon leisten konnten. Gut, einige – vor allem jene in den SRG-Direktionsetagen – fanden die Spässchen überhaupt nicht lustig. Ihnen ging zu weit, dass ich als 25-jähriger Schnösel nach einem Gespräch mit Skirennfahrerin Rösli Streiff der 80-Jährigen einen herzhaften Kuss auf die Wange – nicht auf die Lippen – drückte.

Mit den Tattoos der jungen Nachwuchsmoderatorin vergleichbar ist mein Auftritt in löchrigen Jeans in einer Sportsendung. Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass diese Art Hose vor 30 Jahren Mode war, und mittlerweile ja auch wieder sehr in ist. Zum Blazer mit Krawatte machte sich meines Erachtens die löchrige Jeans gar nicht so schlecht. Nur hatte ich nicht mit dem Kameramann gerechnet, der die Sendung genau auf meiner «durchlässigen» Hose und dem frei liegenden Knie anfing. Es gab keinen Sturm im Internet, da dieses noch gar nicht existierte, aber einige Zuschauer griffen doch zum Bleistift. Eine ältere Dame schickte mir ein Schokoherz mit der Bemerkung, dass ich wohl einen schweren Töff­unfall gehabt hätte ...

Kein Erbarmen hatte jener Herr aus Nidwalden, der es geschmacklos fand, «wenn ein Moderator unreflektiert den letzten Modeschrei mitmachen zu müssen glaubt». Es sei Zynismus, wenn man bedenke, wie viele Menschen, vorab in armen Ländern, nur in Lumpen gekleidet, ihr Leben fristen müssten.

Das gab von der Direktion eine erste Mahnung, für eine andere Bemerkung eine Verwarnung. Ich meinte, dass die russische Kugelstösserin wohl zuerst eine Bartrasur vornehmen müsse, bevor sie zur Siegerehrung käme. Man stelle sich solche Entgleisungen – rückblickend darf ich das ja sagen – heute vor. Die Entrüstung der TV-Gemein­de wäre gewiss, wenn schon ein paar Tattoos die ganze Schweiz erzittern lassen.

Kurt Zurfluh, Moderator

redaktion@zentralschweizamsonntag.ch

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