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BEZIEHUNGEN

Die Zärtlichkeit ist weg – wir haben nur noch Stress

Ratgeber

(© © REMO INDERBITZIN)
Mein Mann und ich (59/53) sind seit 25 Jahren verheiratet, die Kinder sind ausgeflogen. Im Ehealltag hat sich eine miese Stimmung breitgemacht. Wir haben wegen Kleinigkeiten Streit, es fallen verletzende Worte. Die Intimität ist weg. Eine Ehetherapie hat nichts gebracht. Ich habe keine Hoffnung, dass es besser wird. Was soll ich tun?
07.12.2017 | 07:59

So wie Sie es beschreiben, ist Ihre Ehe in einer verfahrenen Situation. Auch trotz Ehetherapie scheint sich nichts zum Besseren gewendet zu haben. Die schlechte Stimmung auf der einen Seite führt zu Rückzug und Resignation auf der anderen. Da ich nicht weiss, was Sie in der Therapie besprochen und an Lösungsansätzen erwogen haben, fällt es mir schwer, Ihnen einen präzisen Rat zu geben.

Eines scheint mir aber klar: Es braucht mehr als eine kosmetische Korrektur in Ihrer Ehe. Es braucht die Bereitschaft, grundsätzlich anders zu denken und zu handeln. Beide, Sie wie Ihr Mann, müssten sich klar werden, unter welchen Bedingungen Sie Ihre Beziehung wieder näher und intimer ge­stalten wollen. Dies scheint im Moment allerdings leichter gesagt als getan. Ich empfehle Ihnen deshalb, sich je einmal intensiv mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen und sich der Frage zu stellen, was Sie sich vom Leben wünschen. Und in diesem Zusammenhang von der Paarbeziehung.

Eine Auszeit mit Distanz

Es könnte Sinn machen, sich für diese Fragen eine Auszeit zu nehmen. Das heisst, Sie beide suchen einige Zeit räumliche Distanz und überlegen sich eventuell unter Beizug eines Beraters, was ihnen persönlich wichtig ist und welche Minimalbedingungen beziehungsweise Minimalbedürfnisse Sie für ein Weiterführen Ihrer Beziehung haben. Dann kommunizieren Sie diese und leben wieder einige Zeit zusammen. Im Falle einer positiven Entwicklung können Sie sich Gedanken machen, was noch in der Beziehung weiterentwickelt werden kann.

Falls aber einer von Ihnen oder beide keine positive Entwicklung feststellen, ist es Zeit, sich die Frage nach einer Trennung zu stellen. Es könnte beiden vielleicht besser gehen, wenn Sie sich mehr in Ruhe lassen. Ob Auszeit oder Trennung: Ich empfehle Ihnen, sich ganz grundsätzliche Gedanken zu machen: Was muss sich ändern, damit ich in der Beziehung verbleibe und dies mit Freude tun kann? Wie müsste sich mein Partner, meine Partnerin verhalten, damit ich mich wohlfühle und «atmen» kann? Ich empfehle Ihnen, an diesen Fragen dranzubleiben. Aus­sitzen ist keine Option.

Was steigert Lebensfreude?

Eine Beratung könnte Ihnen helfen, die eigenen Gefühle zu klären. Sie können so die Konsequenzen einer Trennung oder des Zusammenbleibens besser erkennen. Wenn Sie sich für das Zusammenbleiben entscheiden, sollten Sie darauf achten, was Ihrer Lebenskraft und Ihrer Lebensfreude zuträglich ist. Dazu gehören auch Dinge ausserhalb der Beziehung.

Eine Trennung ist für beide Partner kein einfacher Weg. Sie ist mit seelischen Schmerzen verbunden. Und oft auch mit dem Gefühl, versagt zu haben. Je einvernehmlicher Sie aber die Trennung regeln, umso besser. Eine Paarberatung kann Sie auch darin unterstützen. Ich wünsche Ihnen Kraft und Klarheit auf Ihrem Weg, für welche Richtung auch immer Sie sich entscheiden.

Eugen Bütler, Luzern

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