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BEI MÖNCHEN

Auf dem japanischen Jakobsweg

Japan ist bekannt für seine Exportschlager Sushi, Mangas und Karaoke. Doch das Land hat auch eine reiche spirituelle Tradition. Unterwegs auf den Pilgerpfaden Honshus – auf den Klosterberg Koyasan und über die Wege des Kumano Kodo.
17.12.2017 | 04:38

Adrian Lobe

Dichter Nebel wabert über den Nadelwäldern, Regen prasselt auf die geschwungenen Tempeldächer, das Dorf Koyosan ist in grelles Licht getaucht. Im Kongobu-ji-Tempel rechen Mönche das Laub zusammen und treffen die ersten Vorbereitungen für die morgendliche Meditation. Der Klosterberg Koyasan ist das geistliche Zentrum des Shingon-Buddhismus. Seit über 1000 Jahren pilgern Gläubige auf den Spuren des buddhistischen Heiligen Kukai über Stock und Stein, durch sintflutarti- ge Monsunregen, klirrende Kälte und flirrende Hitze.

Im Jahr 804 segelte der damals 30-jährige Mönch Kukai über das stür-mische ostchinesische Meer nach Chang’an, die Hauptstadt der Tang-Dynastie und damals eine der prosperierendsten Städte weltweit, um den Shingon-Buddhismus zu studieren. In Chang’an fand er einen Lehrmeister. Nach acht Monaten eifrigen Studiums kehrte er nach Japan zurück und be-gründete die Shingo-Sekte, die Lehre des wahren Wortes. Als der Mönch spürte, dass ihn seine Lebensgeister allmählich verliessen, soll er sich der Legende nach in die abgelegene Bergregion des Koyasan in eine Höhle zurückgezogen haben. Der Meister Kôbô-daishi – der Ehrentitel wurde ihm erst nach seinem Ableben verliehen – habe darum gebeten, bei der Meditation nicht gestört zu werden, und so hat 1200 Jahre niemand die Höhle betreten. Im Glauben, der Jünger Kukai lebe ewig meditierend fort. Jeden Morgen und Mittag reichen ihm Mönche, die sich einem asketischen Lebenswandel verschrieben haben, Opfergaben dar.

Keine Toten, sondern nur wartende Geister

Kukai ist der Spiritus Rector des japanischen Buddhismus. Die Gläubigen wollen ihrer Leuchtgestalt nahe sein. Eine Million Pilger kommen jedes Jahr zu dem Wallfahrtsort. In Koyasan leben rund 4000 Menschen, darunter etwa 800 Mönche und Novizen. Zuweilen geht es hier recht betriebsam zu, zumal der 2004 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärte Klosterberg über eine Gebirgsstrasse für Reisebusse erreichbar ist. Über einen dichten Wald aus Zedern und Zypressen geht es durch den Okinoin-Tempel über einen zwei Kilometer langen Weg zum Mausoleum des Kôbô-daishi. Mit Moos bewachsene Grab­stelen säumen den Weg, Laternen verwandeln den Friedhof in einen mystischen Ort, der als Kulisse eines schaurigen Harry-Potter-Plots dienen könnte. Der Okinoin-Tempel ist eine riesige Friedhofsanalage. Auch Angehörige der Firmendynastien von Nikon und Panasonic haben auf dem heiligen Berg ihre Gräber, und im fahlen Schein der Laternen wirken die Grabstätten besonders weihevoll. Wobei es im Glauben der Shingon-Buddhisten gar keine Toten in Okinoin gibt, sondern nur wartende Geister. Etwas unheimlich ist es schon, wenn man nachts durch dieses verschlungene Wegenetz wandert. Weckt man vielleicht doch die bösen Geister? Das Grab des Kôbô-daishi befindet sich hinter der Halle aus 10000 Laternen, die dem Pilgervater Licht spenden sollen und von denen zwei angeblich schon seit 900 Jahren leuchten. Ob die Menschen hier auch eine Erleuchtung erfahren, erschliesst sich dem Beobachter nicht, doch Buddha eröffnet den Gläubigen einen Weg der Vergeistigung und Verinnerlichung.

Erschöpften Pilgern bietet sich eine Rast in der Tempel-Lodge des Fukuchi-in Shukubo. Solche Temple-Stays erfreuen sich seit geraumer Zeit wachsender Beliebtheit, doch hier ist das Kloster­leben noch authentisch und nicht folkloristisch verflacht wie andernorts. Novizen bereiten auf den Tatami-Matten die Bettstatt, Mönche servieren ein traditionell japanisches Mahl mit Miso-Suppe, Wasabi und Shiitake-Pilzen, um neun Uhr herrscht Bettruhe. Um sechs Uhr morgens beginnt bereits die Morgenmeditation. Ein Gong ertönt, und die Mönche rezitieren in einem monotonen Choral in Sanskrit geschriebene Mantras und verneigen sich in der weihrauchgeschwängerten Luft vor der vergoldeten Buddha-Statue.

Auf Pfaden, wo schon der Kaiser und Samurai wanderten

Von Koyasan geht es weiter zum Kumano Kodo, einem 1000 Jahre alten Netz aus Pilgerpfaden, auf denen auch schon der japanische Kaiser, Mitglieder der kaiserlichen Familie und Samurai wanderten. Der Fussmarsch dient schon seit alters als Reinigungsritus, man sagt, dass die Seele während des Pilgerns gereinigt wird und man am Ende ein zweites Leben hat. Myriaden von Wassertropfen fallen aus den hohen Baumwipfeln, Krebse kreuzen den Weg, am Wegrand steht eine kunstvolle Statue von Ochsen und Kind, als hätte sie ihr Erschaffer vergessen und bei der man sich fragt, warum sie nicht schon längst in einem Museum steht.

Die Pilgerpfade führen durch uralte Zedernhaine, vorbei an Aussichtsplattformen, die einen herrlichen Panoramablick auf die Berge freigeben. Das Kii-Gebirge ist eine raue Schönheit, mit ­zerklüfteten Felsen, Sturzbächen, Gingko­bäumen, Bambus- und Zedernwäldern, deren Hölzer so kerzengerade wachsen, als hätte sie jemand mit dem Lineal gezogen. Die mystische Landschaft stand Pate für die Naturreligion des Shintoismus, die schon lange vor der Einführung des Buddhismus in Japan existierte und mit diesem friedlich koexistiert. Wie an einer Perlenkette reihen sich pittoreske Shinto-Schreine und buddhistische Tempel entlang der Pilgerroute. Die meisten Japaner fühlen sich sowohl dem Shintoismus als auch dem Buddhismus zugehörig. Beide gehen eine harmonische Verbindung ein. Ein Sprichwort sagt, dass die Japaner bei der Geburt shintoistisch und beim Tod buddhistisch sind.

Kooperation zwischen Tanabe und Santiago de Compostela

2015 haben die spanische Stadt Santiago de Compostela, deren Kathe­dra­le das Ziel des Jakobswegs ist und eben-falls zum Unesco-Weltkulturerbe zählt, und das Fremdenverkehrsamt der Stadt Tanabe eine Kooperation vereinbart. Seitdem gibt es eine doppelte Pilgerschaft. Wer mindestens 100 Kilometer zu Fuss oder 200 Kilometer mit dem Velo unterwegs war und eine Teilroute des Kumano Kodo abgelaufen hat, darf sich ein zertifizierter Pilger nennen und zur Ehre eine Anstecknadel mit dem Abzeichen beider Wege ans Revers ­heften.

Wer weiss, vielleicht macht sich Kukai auf seiner ewigen Wallfahrt dereinst auch noch auf zum Jakobsweg.

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