Reisen-Freizeit
05.11.2017 09:17

Die Aurora-Jäger von Tromsø

  • Das Polarlicht ist eine Diva, die ihre Lichtershow erst preisgibt, wenn sie es für richtig hält: Wer das Himmelsspektakel sehen will, braucht Geduld. (© Bild: Daniel Osterkamp/Getty)
    Das Polarlicht ist eine Diva, die ihre Lichtershow erst preisgibt, wenn sie es für richtig hält: Wer das Himmelsspektakel sehen will, braucht Geduld. | Bild: Daniel Osterkamp/Getty
  • Morgenidylle am Malangenfjord eine Stunde ausserhalb von Tromsø. (© Christoph Zweili)
    Morgenidylle am Malangenfjord eine Stunde ausserhalb von Tromsø. | Christoph Zweili
  • Lohnenswert: Die atemberaubende Landschaft mit Schneeschuhen erkunden. (© Christoph Zweili)
    Lohnenswert: Die atemberaubende Landschaft mit Schneeschuhen erkunden. | Christoph Zweili
  • Im «Paris des Nordens» sind die Trottoirs elektrisch beheizt. (© Christoph Zweili)
    Im «Paris des Nordens» sind die Trottoirs elektrisch beheizt. | Christoph Zweili
  • Übernachten in modernen Fischerhütten: Unterkünfte am Fjord. (© Christoph Zweili)
    Übernachten in modernen Fischerhütten: Unterkünfte am Fjord. | Christoph Zweili
NORWEGEN ⋅ Das Nordlicht ist hier, am Tor zum Eismeer, die Trumpfkarte. Fast alle verdienen im Norden von Norwegen mit der launischen Diva ihr Geld.

Text und Bilder: Christoph Zweili

Von 27. November bis zum 14. Januar steigt die Sonne im norwegischen Tromsø nie mehr richtig über den Horizont, die Nacht hat die Stadt drei Breitengrade über dem Polarkreis fest im Griff, auf den Strassen liegt zentimeterdickes Eis. Während der zwei Monate ist Mørketid, Dunkelzeit, wie die Norweger hier sagen. Für die Einheimischen ist es aber die Zeit der vielen Kerzen und Lichter und des geselligen Beisammenseins – sie ist «koselig», also gemütlich. Von Winterblues keine Spur, obwohl wir hier auf dem gleichen Breitengrad wie im Norden von Schottland, Island, Kanada, Alaska, Grönland oder Sibirien sind – nur ist es in Tromsø wegen des Golfstroms wärmer.

Torsten Aslaksen, ehemaliger Professor für Geophysik und Nordlichter an der Universität Tromsø, zieht sich im März dennoch warm an. Zu Recht, denn auf dem Storsteinen, dem Hausberg Tromsøs, bläst ein eiskalter Wind. Der Blick auf das Lichtermeer auf der winzigen Insel zu unseren Füssen lohnt sich aber doch. Tromsø, die achtgrösste Stadt Norwegens, liegt zur Hälfte auf dem Festland und zur Hälfte auf einer Insel. Eigentlich aber warten wir auf das «Nordlys»-Spektakel, diese meist grünen, manchmal auch roten oder lilafarbenen Lichtschlieren, die mit teils erstaunlicher Geschwindigkeit über den Nordhimmel wabern und dann in feine Fäden zerfliessen. Aslaksen ist der Optimist in Person, trotz verhangenen Himmels – «kein Nordlicht zu sehen? Kein Problem, wir fahren 75 Kilometer Richtung Süden in die nächste Wetterzone.»

Unsichtbares mit Fotochip aufzeichnen

Unterwegs herrscht dichtes Schneetreiben. «Ein gutes Zeichen», behauptet der Experte. Nach einer Stunde Fahrt ist aber Schluss: Füsse vertreten, Glieder strecken, da ist nichts zu sehen – dennoch werden mit der Digitalkamera Bilder vom Nachthimmel gemacht. Denn manchmal zeichnet der Chip Nordlichter auf, die wir von Auge nicht sehen. Dafür hat der Physikprofessor eine Kamera entwickelt, die auch quasi Unsichtbares erkennen kann. Diesmal nutzt der Griff in die Technik-Trickkiste aber nichts: Von den geheimnisumwitterten Lichterspielen gibt es weit und breit keine Spur. Am nächsten Tag sind Temperaturen von minus 7 Grad angesagt: «Bleiben Sie in Tromsø», rät der Experte. «Der Vollmond wird alles überstrahlen.» Wir ­machen es umgekehrt: Mit einem somalischen Busfahrer fahren wir an einen kleinen Fjord mit kleinen Buchten, eine Autostunde von Tromsø entfernt. Der Polarlicht-Alarm von SRF-Meteorologe Christoph Siegrist zeigt, dass wir gute Chancen haben, das Nordlicht zu sehen, auch wenn es 100000 Mal schwächer ist als der Vollmond.

Mit Spikes unterwegs in der Stadt der Superlative

Und tatsächlich: Hier – mitten im Nirgendwo – glimmt kaum sichtbar ein Hauch von Grün am Himmel auf. Die Schlieren am Himmel verdichten sich – erst kaum sichtbar – zu einem magischen Band, das uns mit all jenen zu einer ­verschworenen Gemeinschaft macht, die die «Aurora borealis», wie das Naturphänomen des Polarlichts wissenschaftlich heisst, ebenfalls gesehen haben. In diesem winzigen Moment trennt sich die Spreu vom Weizen: Es gibt nur noch die, die die Aurora schon gesehen haben, und die, die sie unbedingt noch sehen wollen. Die grüne Färbung, so haben wir von Aslaksen gelernt, entsteht durch die Reaktion geladener Teilchen des Sonnenwindes, eingefangen vom Erdmagnetfeld, mit Sauerstoffatomen in 100 Kilometern Höhe. Trotz des Hochgefühls gibt es keinen Grund, auszuflippen: ­Wegen der hohen Empfindlichkeit des Auges für grünes Licht und der relativ hohen Konzentration von Sauerstoff werden grüne Polarlichter am häufigsten beobachtet.

Auch Laura ist mit ihrem Freund Ramon nach Tromsø, der grössten Stadt oberhalb des Polarkreises, gereist. Die 25-Jährige hört beim Fjord-Ausflug nicht auf zu schwärmen: In São Paulo plant sie den Mengeneinkauf im grössten fleischverarbeitenden Betrieb Brasiliens, dafür ist sie während des Studiums täglich zweieinhalb Stunden vom einen Stadtende zum andern zur öffentlichen Universität gefahren. Hier im Norden sagt sie: «Ich habe noch nie so eine Landschaft gesehen, diese Weite – unglaublich!» Mit im Kleinbus geniesst auch ein Paar aus Frankreich die Fahrt auf der Fernstrasse Fylkesvei 862 über die Tromsøbrua südwestlich Richtung ­Atlantik. Alle Autos und Busse sind mit Spikes ausgerüstet. Wir fahren quer übers Land zum Nordfjord und weiter nach Bremsholmen. Die Fahrt führt auf einer zeitweise schmalen kurvenreichen Strasse durch eine monoton-unberührte Landschaft. Kahle, raue Bergregionen wechseln sich ab mit überraschend lieblichen Tälern. Abgesehen von Hundeschlitten, Tourenskiläufern, die den Berg hinaufsteigen, und einigen Langläufern gibt’s hier draussen im Winter nichts; nur unberührte Natur. Und Städter, die sich am Wochenende erholen wollen.

An den seltsamsten Orten liegen wie festgeklebt kleine bunte Fischerhäuser, auf Holzgestellen im Freien ist der Kabeljau unter den Netzen schon von weitem zu riechen. Wo ein Fluss in den Fjord fliesst, ist die Oberfläche gefroren, weil der Salzgehalt kleiner ist. Eigentlich sind wir zu spät in dieser «nördlichsten Metropole der Welt» angekommen, wie sich die Kleinstadt Tromsø nennt. «Es gibt die eine Aurora in Deinem Leben und die darfst Du nicht verpassen», sagt die Führerin. Das war vor zwei Tagen, bereits nach Mitternacht: Drei Minuten lang waberte eine Aurora mit allen Farben am Nachthimmel – gelb, pink, violett, rot. Diese Farbenvielfalt ist selten – sehr, sehr selten. Wir sind nicht die einzigen, die das Schauspiel verpasst haben: Minuten zuvor hatte das lokale TV-Team noch ­gefilmt, dann aber zu früh zusammengepackt. Pech!

Alle wollen sie hier in der nördlichsten Universitätsstadt der Welt das Polarlicht beobachten. Der Nordlicht-Gürtel trifft Nordnorwegen auf den Lofoten-Inseln und folgt der Küste bis hinauf zum Nordkap und weiter in den Norden. Kein Ort der Region ist besser als der andere. In der Tat beobachtet man oft dasselbe Nordlicht auf den Lofoten wie in Tromsø 500 Kilometer nördlich, nur aus einem anderen Blickwinkel. Hier sind allerdings die Temperaturen wegen des warmen Golfstroms selbst in den kältesten Wintermonaten Dezember und Januar gut erträglich. Daher kommen Touristen aus aller Welt nach Tromsø, vor allem aus Asien – darunter besonders viele junge Paare aus Japan. Denn: Unter dem Nordlicht gezeugte Kinder sollen besonders gescheit sein.

Die Brasilianerin Laura glaubt nicht an diese Geschichte, fühlt sich hier aber nicht minder wohl. In der Stadt der Superlative wohnen über 74000 Einwohner mit 3400 Touristenbetten, hier gibt’s die nördlichste Universität und Mack Øl – lange die nördlichste Bierbrauerei der Welt. Im ältesten Pub von Tromsø wird das Bier aus 67 Hähnen gezapft, das Wahrzeichen aber ist die nördlichste Kathedrale, die mit ihrer Gestalt an einen Eisberg erinnert. Und hier ist auch die nördlichste protestantische Kirche mit dem nördlichsten protestantischen Bischof der Welt zu finden.

Rentier-Meisterschaft auf der Hauptstrasse

Trotz der Rekorde wirkt Tromsø wie ein Dorf. Der Spitzname «Paris des Nordens» lässt allerdings das Gegenteil vermuten. Modebewusste Frauen sollen auf den elektrisch beheizten und daher schneefreien Trottoirs einst die neuste Mode aus Paris präsentiert haben. Heute sind hier die Bibliothek und das «Verdens Teatret» zu finden – die erste als Beste Norwegens ausgezeichnet, das zweite das älteste Filmtheater Norwegens von 1916. Auf der Hauptstrasse, wo nach zwei Monaten Polarnacht Mitte Januar zum ersten Mal wieder die Sonne scheint, wird heute die europäische Rentier-Meisterschaft abgehalten. Stadtführerin Susanne Kirchberger, halb griechisch, halb norwegisch, zog vor 18 Jahren wegen ihres Mannes nach Tromsø, «damals noch ein arktisches Kaff». Die Wandlung hin zum Mekka der Polarlichtjäger schreibt sie einem Dokumentarfilm einer Journalistin aus dem Jahr 2009 zu: «Joanna Lumley in the Land of the Northern Lights». «Seit der BBC-Film auf Youtube durch die Decke ging, kommen immer mehr Gäste. Das ist bis heute so», sagt Kirchberger beim Stadtrundgang. Die Einheimischen haben von den Fremden erst lernen müssen, dass Nordlichter etwas Besonderes sind. Und dass sich damit Geld verdienen lässt. Das gilt auch für die Samen, die einzige Urbevölkerung Europas, die hier im hohen Norden lebt. Wer sich für ihre Geschichte interessiert, wird im Museum der Universität Tromsøs fündig. Zu sehen gibt es eine ethnografische Sammlung sowie eine Ausstellung zum Thema der politischen und sozialen Stellung der Samen in Norwegen. Darin werden romantische Vorstellungen demontiert, die ein von Rentieren begleitetes Naturvolk in Europas letzter Wildnis erwarten. Die Realität ist anders: In der Begegnung mit den Touristen werden die gängigen Klischees im Verbund mit Nordlicht, Husky-Hunden und Rentierfütterung bedient. Dass aber nur zehn Prozent der Samen Rentiere züchten, wird gerne übersehen.

Die Logiernächte der Stadt haben sich von 2009 bis 2016 fast verdoppelt – von 425000 auf 818000 Übernachtungen. Doch obwohl hier überall neue Hotels entstehen, wirkt die Winterstadt mit ihren farbigen Holzhäusern direkt unter dem Nordlicht wie ein kleiner Flecken. Hektik? Die gibt’s hier nicht!

Die Reportage entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der Kontiki Reisen eingeladen hat.

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