Digital
05.03.2017 15:12

Rund 3 von 10 Kommentaren müssen gesperrt werden

ONLINE MEDIEN ⋅ Die Verfasser von Leserkommentaren stellen die Onlineredaktionen der Zeitungen vor Herausforderungen. Tausende Beiträge senden sie täglich ein - nicht selten gespickt mit Beleidigungen und Unflätigkeiten.
Die NZZ hat vor rund einem Monat reagiert und das Kommentarangebot auf der eigenen Webseite stark reduziert. Die Stimmung in der Kommentarspalte sei gehässiger geworden, begründete die Zeitung den Schritt. «Wo früher Leserinnen und Leser kontrovers miteinander diskutiert haben, beschimpfen sie sich immer öfter.»

Auch auf den Onlineforen anderer Zeitungen vergreifen sich die Leser regelmässig im Ton. Ein Viertel bis ein Drittel aller eingesandten Kommentare kann nicht freigeschaltet werden, wie eine Umfrage bei verschiedenen Medienunternehmen zeigt. Hauptgrund für die Sperren sind rassistische, ehrverletzende, beleidigende und sexistische Aussagen.

Doch auch die schiere Menge der eingehenden Kommentare macht den Redaktionen zu schaffen, sodass die Kommentarfunktion teilweise geschlossen werden muss. Bis zu 15'000 Leser wollen ihre Meinung täglich auf «20 Minuten» kund tun. Da es immer häufiger zu Kapazitätsengpässen bei der Freischaltung kommt, soll das Prüfteam von derzeit acht Teilzeitangestellten verdoppelt werden.

«Tages-Anzeiger/Newsnet» hat die Anzahl der kommentierbaren Artikel Mitte 2015 beschränkt. Dennoch gehen pro Tag immer noch rund 3200 Kommentare ein. Drei Personen kümmern sich im Wechsel rund um die Uhr um Kontrolle und Freischaltung. Rund 2000 Eingänge haben die Kontrolleure der «Blick»-Gruppe täglich zu bewältigen. Mehrere Westschweizer Medien haben die Moderation der Onlinekommentare an eine französische Firma ausgelagert.


Tierschutz und Asyl bewegt

Auch unter jenen Kommentaren, welche es auf die Online-Sites schaffen, sind viele der unfreundlicheren Art. «Was haben die Verantwortlichen geraucht?», fragt einer zu einem neuen Geschäftsmodell. Für einen Uhrendieb wird kurzum «Hand-Abhacken» gefordert. Besonders hoch gehen die Emotionen bei Themen wie Tierschutz, Feminismus und Asyl, sagt Lea Stahel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Institut der Universität Zürich. «Immer dann, wenn grundlegende Werte verhandelt werden.»

Den oft gehässigen Tonfall erklärt Stahel damit, dass das Internet «unpersönlich» ist. «Man sieht das Gegenüber nicht, das senkt die Hemmschwelle.» Zudem müssten Kommentierer, anders als im richtigen Leben, kaum mit Konsequenzen für unhöfliche Bemerkungen rechnen. «Man loggt sich einfach aus und ist weg.» Eine weitere Erklärung sieht Stahel in der sozialen Ansteckung. Wenn einige User bereits beleidigende Kommentare veröffentlicht hätten, fühlten sich andere ebenfalls dazu berechtigt.

«Aufklärung» als Motivation

Besonders aktiv auf den Online-Kommentarforen seien ältere, männliche Nutzer, und zwar aus allen Bildungsschichten, sagt Julia Metag, Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Freiburg. Die meisten würden nur einzelne Kommentare abgeben, die «Vielkommentierer» seien eine Ausnahme. Häufig handle es sich um Personen mit starken Überzeugungen, sagen Metag und Stahel übereinstimmend. «Sie wollen den eigenen Standpunkt aufzeigen, die Meinung anderer interessiert sie weniger», sagt Metag.

Laut Stahel fühlen viele Kommentarschreiber eine Verpflichtung, die Leser über «die Wahrheit» aufzuklären. Gerade wer sonst im öffentlichen Raum kaum Gehör finde und sich von der Politik im Stich gelassen fühle, suche sich im Internet sein Publikum.

Dabei betrachten sich die Schreiber gerne als Sprachrohr der übrigen Leser oder gar der Gesamtbevölkerung, wie eine Untersuchung der Freien Universität Berlin zeigt, die verschiedene Schweizer Online-Zeitungen unter die Lupe genommen hat. Die Studie widerlegt allerdings diese Selbstwahrnehmung. Denn die politische Einstellung der Schreiber ist gemäss der Erhebung nicht repräsentativ für die gesamte Leserschaft einer Online-Zeitung. Die Kommentarschreiber seien bei allen Plattformen deutlich weiter rechts positioniert als die Kommentarleser und tendierten eher zu Fremdenfeindlichkeit.

Dass sich vor allem bestimmte Gruppen auf den Onlineforen tummeln, führe zu einem verzerrten Meinungsbild, schreiben die Studienautoren. Dennoch bewerten sie die Kommentarfunktionen auch positiv: Dadurch erhielten Meinungen eine Plattform, welche durch die Redaktionen nicht vertreten seien.

Barbara Inglin / sda

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