International
21.04.2017 07:48

Der Abschied vom Savoir-vivre

  • «Voleur» – «Dieb» – schimpft ein Graffiti den konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon. Gegen Fillon läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Veruntreuung.
    «Voleur» – «Dieb» – schimpft ein Graffiti den konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon. Gegen Fillon läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Veruntreuung. | Bild: Ian Langsdon/EPA (Paris, 4. April 2017)
PRÄSIDENTSCHAFTSWAHL ⋅ Im turbulentesten Wahlkampf, den Frankreich wohl je erlebt hat, bleibt der Ausgang offen. Die Franzosen wissen nicht, was sie wollen, schwanken zwischen Revolution und Stillstand. Und zwischen den Extremen.

Stefan Brändle, Paris

Das Schlüsselwort des französischen Präsidentschaftswahlkampfes heisst «dégagisme». Die Neuschöpfung stammt vom Verb «dégager», zu Deutsch: entfernen, freilegen. Denn der «Hau-ab-ismus» grassiert in Frankreich erst seit letztem Herbst. Bei den Repu­blikanern wurden Kronfavorit Alain Juppé und Ex-Präsident Nicolas Sarkozy in den Primärwahlen fast über Nacht weggefegt, nachdem sie über ein Jahr lang ihr Comeback vorbereitet hatten. Bei den Sozialisten traf es Präsident François Hollande und Premier Manuel Valls.

«Dégagez!», schallt der Ruf durchs Land, voller Zorn über die unfähigen Politiker, die nichts ausrichten gegen die rekordhohe Arbeitslosigkeit und die explosive Banlieue-Misere.

«Unser Land ist krank, gegen die nötigen Reformen, wütend über seine politischen Eliten, aber anfällig für demagogische Wahlversprechen, die zu einer schrecklichen Vertrauenskrise führen», resümierte Juppé mit Grabesstimme die Lage der Nation, bevor er die Pariser Bühne verliess. Und Hollande kommentierte angesichts der populistischen Winde, die Frankreich umtreiben: «Diese Kampagne riecht sehr schlecht.»

Frankreichs Wähler rufen nach einer Erneuerung

Es ist unbestreitbar: Die Franzosen wollen Tabula rasa machen, sie wollen die Republik ausmisten. Die Fünfte Repu­blik erzittert in ihren Grundfesten. Die beiden Parteiblöcke, die sich seit 1958 an der Macht abgelöst hatten, sind gerade am Implodieren: Die seit der Mitterrand-Ära das Land prägenden Sozialisten laufen mit ihrem Kandidaten Benoît Hamon, der nach aktuellen Umfragen noch acht Prozent erzielt, nur noch unter «ferner liefen...» und fürchten die Spaltung; das gleiche Los wartet auf die Republikaner, falls es ihr Frontrunner François Fillon nicht in die Stichwahl schafft.

Fillon war im Kielwasser der Dégage-Welle an die Parteispitze gespült worden, ist aber längst selber in den Strudel geraten. Und das nicht nur wegen seiner Penelope-Affäre, sondern weil den Wählern aufgegangen ist, dass er als Ex-Premier Sarkozys auch nicht gerade einen Neuanfang verkörpert. Eigentlich genauso wenig wie Marine Le Pen, die auch nur ihren Vater Jean-Marie beerbt hat. Jean-Luc Mélenchon war schon unter Mitterrand Senator der Sozialisten, und der Eliteschulabsolvent Emmanuel Macron steht insofern für Kontinuität, als er die Wirtschaftspolitik Hollandes in vieler Hinsicht weiterführen will.

Kandidaten scheuen Angriff auf die Bürokratie

Darin liegt das Paradox dieser Wahl: Die Erneuerung ist nur eine scheinbare. Den eigentlichen Hemmschuh Frankreichs greift selbst Jungstar Macron nicht an: Der lähmende Zentralismus des überbordenden Staatsapparates, von einer Pariser Technokratenelite dirigiert, der auch Macron entstammt, widersteht den Programmen sämtlicher Kandidaten.

Frankreich bleibe wirtschaftspolitisch «festgefroren», meint der Ökonom Nicolas Baverez, laut dem die Nation «in der Falle des doppelten Defizits» steckt: Gegen innen setzen alle Kandidaten das seit vierzig Jahren dauernde Haushaltsdefizit fort, was die Staatsschuld auf fast 100 Prozent des Bruttoinlandproduktes anschwellen lässt; gegen aussen fährt die französische Wirtschaft seit über einem Jahrzehnt ein gewaltiges Handelsdefizit ein, weil die Unternehmen vor allem wegen der exorbitanten Steuer- und Abgabelast nicht mehr konkurrenzfähig sind und ganze Industriezweige an Billiglohnländer im Osten verlieren.

«Wir unterhalten den revolutionären Mythos, dass wir zum Umsturz bereit seien», meint Thierry Pech vom linken Thinktank Terra Nova. «Aber die Realität ist eine andere.» Sie besteht auch darin, dass Frankreich das sogenannte «Banlieue-Problem» nicht zu lösen vermag. Dabei bildet es nicht nur den Nährboden für Terrorideologien, sondern auch für xenophobe Ängste. Diese Einwandererzonen sind in Wahrheit wirtschaftliche Gettos, aus denen die junge Bevölkerung den Sprung kaum je schafft. Die Jugendarbeitslosigkeit erreicht dort teilweise bis zu 40 Prozent.

Jugendarbeitslosigkeit weit über EU-Schnitt

Landesweit liegt sie bei 24 Prozent, weit über dem EU-Schnitt. «Frankreich hat seine Jugend geopfert», urteilt François Lenglet, Journalist des Fernsehsenders France 2, in einem vielbeachteten Buch über den Preis, den die junge Generation heute dafür zahle, dass die Babyboom-Generation über ihren Verhältnissen gelebt habe. Sie habe das «Savoir-vivre» perfektioniert, indem sie ein hohes Lohnniveau, die 35-Stunden-Woche und einen rigorosen Kündigungsschutz durchgesetzt habe. Die jüngere Generation werde in Frankreich meist nur noch mit halbjährigen Kurzzeitverträgen angestellt. Wenn überhaupt. Statt in Lebenskunst übe sie sich darin, wirtschaftlich zu überleben, schreibt Lenglet.

Da muss man nicht lange fragen, für wen die jungen Franzosen am Sonntag stimmen werden: Ihre Gunst haben Rechts- und Linkspopulisten wie Le Pen und Mélenchon. Der Front National ist bei den unter 25-Jährigen heute mit 35 Prozent Stimmenanteil die stärkste Partei. Unangenehm ist das auch für Präsident Hollande, der bei seinem Amtsantritt 2012 erklärt hatte, sein Hauptziel sei es, dass es der französischen Jugend fünf Jahre später besser gehen werde. Heute geht es ihr noch schlechter.

Die Umfragewerte für den FN sind ein Sinnbild für den Zorn über den unausweichlichen Abschied vom französischen Sozialmodell, ja von einem Savoir-vivre. Es wäre den jungen Franzosen zu gönnen, dass sie einen Präsidenten erhalten, der die Dinge wirklich anpackt. Sonst verkommt die Comédie humaine dieser Frankreich-Wahl wirklich noch zu einem Drama.

Videos zum Artikel (1)

  • Rothenbühler: "Le Pen wird wahrscheinlich das beste Resultat machen"

Kommentare

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!

Meist gelesene Artikel

Christian Schwegler (links) wird von Sions Ermir Lenjani attackiert.
FUSSBALL

FCL-Trainer Babbel ist mit dem Punkt unzufrieden

BILDUNG

Jetzt startet eine neue Schul-Ära

Momentan läuft der Bau auf vollen Touren. Doch in der kalten Jahreszeit überwintern viele Bauarbeiter beim RAV.
SOZIALWERKE

Im Sommer auf den Bau, im Winter aufs RAV

Die Schule geht wieder los. Laut Bildungsdirektor Stephan Schleiss bieten die Zuger Schulen nach wie vor ein attraktives Arbeitsumfeld.
SCHULANFANG

Der Stellenmarkt der Lehrer «ist ausgetrocknet»

Stau auf der Zürichstrasse: Die grosse Mehrheit der Befragten ist mit der Verkehrssituation nicht zufrieden.
STADT LUZERN

Studie des Luzerner Gewerbes: Das Auto bleibt die Nummer eins

Nyali gilt als nobler Stadtteil Mombasas. Auf der Fahrt dorthin wurde offenbar ein Schweizer Touristenpaar getötet und in Tüchern gewickelt am Strassenrand liegengelassen. (Themenbild)
KRIMINALITÄT

Leichen am Strassenrand gefunden: Schweizer Paar in Kenia getötet

Fit genug für das Präsidialamt? Die demokratische Angeordnete Lofgren will Trump auf Anzeichen von Demenz hin prüfen lassen.
USA

Parlamentarierin fordert: Donald Trump soll zum Demenz-Test antreten

Sie prägten die Alpentöne 2017 (von oben links im Uhrzeigersinn): der Alphornbläser Arkady Shilkloper, der internationale Volksmusiknachwuchs Alpine Jamboree, Shootingstar Herbert Pixner, Akkordeonist Otto Lechner und die Brassformation Urknall.
ALTDORF

Der Erfolg der «Alpentöne» hat einen Haken

Polizeiauto der Kantonspolizei Uri.
URI

Autofahrer trifft die Ausfahrt nicht – Fahrerflucht

Der Hörbehindertensportler Kim Lenoir auf der Leichtathletikanlage in der Allmend in Luzern. Bild: Eveline Beerkircher/LZ 16. August 2017
NID-/OBWALDEN

Er hat Usain Bolt etwas voraus

Zur klassischen Ansicht wechseln