International
19.04.2017 09:19

Ein Putin-Kritiker trotzt dem Kreml

  • Der Bürgermeister von Jekaterinburg, Jewgeni Roisman, provoziert den Kreml.
    Der Bürgermeister von Jekaterinburg, Jewgeni Roisman, provoziert den Kreml. | Bild: Reuters
RUSSLAND ⋅ Schon einmal hat der Kreml den ambitionierten politischen Plänen Jewgeni Roismans einen Strich durch die Rechnung gemacht. Der Bürgermeister von Jekaterinburg will trotzdem Gouverneur werden.

Jewgeni Roisman ist der vielleicht sportlichste Bürgermeister Russlands. Der 54-Jährige ist Langstreckenschwimmer, Rallyepilot und Gewichtheber. 2015 lief er seinen ersten Marathon. Ein blauäugiger Hüne mit silbergrau meliertem Schopf, statt Anzug trägt er lieber verwaschene Jeans und T-Shirts, seine Taucheruhr aber glänzt golden. In Jekaterinburg ist er aber vor allem eines: ein Volksheld. Am Montag verkündete Roisman auf seiner Facebookseite, er wolle bei den Gouverneurswahlen in der Swerdlowsker Region im kommenden September kandidieren. «Ich habe hier nie eine Wahl verloren», sagt er. Roisman ist einer der wenigen oppositionellen Wahlsieger in Russland.

2003 gewann Roisman als unabhängiger Kandidat im Swerdlowsker Rajon Ordschonikidse ein Direktmandat für die Staatsduma. Seine Wiederwahl 2007 scheiterte daran, dass die Direktwahlkreise abgeschafft wurden. Und dass die Partei «Gerechtes Russland», für die Roisman antreten wollte, ihn überraschend von ihrer Liste strich – wohl auf Geheiss des Kremls. 2013 siegte er trotz einer massiven Anti-Roisman-Kampagne der Staatsmedien bei den Bürgermeisterwahlen in Jekaterinburg.

Vom Häftling zum Millionär und Politiker

Als Teenager landete Roisman wegen Diebstahls für zwei Jahre im Gefängnis. Darauf ist er stolz: «Jeder intelligente Russe sollte wenigstens einmal im Leben gesessen haben.» Roisman wurde als Juwelenhändler reich, berühmt wurde er aber als Kämpfer gegen das Rauschgift.

1999 gründete er mit einigen Jekaterinburger Gesinnungsgenossen die Stiftung «Stadt ohne Drogen». Sie richteten Entzugszentren mit drastischen Heilmethoden ein, Neuankömmlinge landeten dort hinter Gittern, statt Ersatzdrogen gab es Knoblauch.

Die Familien seiner Klienten unterstützen seine Rosskuren. Seine politisch oft unkorrekten Verbalattacken auf korrupte Polizisten oder Drogenhändler haben Roisman in Jekaterinburg nur noch populärer gemacht. Aber er protestiert auch gegen die Prozesse, die liberalen Putin-Gegnern gemacht werden.

Roisman gilt als Amtspopulist. Täglich empfängt er protestierende Fernfahrer, arbeitsuchende Väter, Kleinunternehmer oder HIV-Infizierte. Bei den Bürgermeisterwahlen holte er in der 1,5-Millionen-Stadt Jekaterinburg über 30 Prozent der Stimmen. Mit einem ähnlichen Ergebnis könnte er in der 4,3-Millionen-Region Swerdlowsk dem unpopulären Gouverneur Jewgeni Kuiwaschew Schwierigkeiten bereiten. «Auch wenn Roisman nicht gewinnt, bedeutet seine Teilnahme ein bis zum Ende knappes Rennen», sagt der Moskauer Politologe Jewgeni Winogradow.

Aber auch vor diesem Wahlkampf ist völlig unklar, ob die Behörden Roismans Kandidatur aus formalen Gründen verhindern werden. Abgesehen davon ist der Bürgermeister Roisman eine einsame Figur in Russland. Der Kreml und seine Gouverneure lieben keine selbstsicheren Stadtoberhäupter. Oppositionelle Rathauschefs landeten wie Jewgeni Urlaschow in Jaroslawl als mutmassliche Schmiergeldnehmer hinter Gittern. Oder scheiterten wie die Liberale Galina Schirschina in Petrosawodsk an Misstrauensvoten staatstragender Ratsmehrheiten.

 

Stefan Scholl, Moskau

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