International
17.07.2017 07:28

Gründungsmythos einer neuen Türkei

  • Mit Landesflaggen begehen Tausende Personen die Siegesfeiern zum Jahrestag des Putschversuches. (© Bild: Tolga Bozoglu/EPA (Istanbul, 15. Juli 17))
    Mit Landesflaggen begehen Tausende Personen die Siegesfeiern zum Jahrestag des Putschversuches. | Bild: Tolga Bozoglu/EPA (Istanbul, 15. Juli 17)
GEDENKFEIERN ⋅ Bei den monumentalen Feiern zum Sieg über die gescheiterten Putschisten vom 15. Juli 2016 präsentiert Präsident Recep Tayyip Erdogan erneut seine Helden- und Verräter-Legende. Kritiker werden mundtot gemacht.

Jürgen Gottschlich, Athen

Aus der Luft, eingefangen von TV-Kameras, sieht es aus, als würde ein nicht enden wollender Lavastrom auf ein Zentrum zustreben: die Hängebrücke, die früher einfach Bosporus-Brücke hiess und heute «Brücke der Märtyrer des 15. Juli» heisst. Der Strom an Menschen, der am Samstagabend über die Autobahn und die Zubringerstrassen auf die Brücke zustrebt, ist auf dem Weg zur grossen Siegesfeier. Gefeiert wird der Sieg über die Putschisten vom 15. Juli 2016.

Hier, an der Bosporus-Brücke, soll der Putschversuch, den Teile des Militärs in den frühen Abendstunden vor einem Jahr gestartet hatten, am Widerstand der Bevölkerung gescheitert sein, wie Präsident Recep Tayyip Erdogan es in seiner Ansprache, zwei Stunden vor Mitternacht wieder und wieder beschwört. Hier, so Erdogan, haben sich die Menschen im T-Shirt den Panzern entgegengestellt, haben mit blossen Händen schwer bewaffneten Soldaten getrotzt und so den Putsch verhindert. 36 Personen von den 250 Opfern, die offiziell als «Märtyrer des Putsches» beklagt werden, sind auf der Bosporus-Brücke gestorben. Wie viele Soldaten getötet wurden, wird offiziell nicht gezählt, sie sollen mit den Märtyrern nicht vermischt werden.

Erdogans Rede gleicht einem sakralen Ereignis

Oft mit Tränen in den Augen hängt das Publikum seinem Präsidenten an den Lippen. Es sind viele Gläubige darunter. Viele tragen weisse Käppis mit dem Aufdruck «15. Juli». Was am Nachmittag, als die Leute mit Bussen, Booten und U-Bahnen zu den Anfahrtsstrassen auf die Brücke gebracht wurden, noch wie ein Volksfest wirkte, wird, als Erdogan spricht, fast zu einem sakralen Ereignis.

Ein Lichtdom überhöht die Rednertribüne, die dort aufgebaut worden ist, an der vor einem Jahr die Panzer standen. Im Hintergrund ist das Denkmal für die «Märtyrer des 15. Juli» angestrahlt, ein grosser transparenter Kubus über einem Brunnen. Von Erdogan dazu aufgefordert, halten die Massen ihre leuchtenden Handys über ihre Köpfe. Bevor Erdogan die Bühne betreten hat, ist die Menge durch eine Koranrezitation eingestimmt worden.

Doch Erdogan will in dieser Nacht nicht nur einen Sieg feiern. Er sieht, nach wie vor, überall Feinde. Die Verräter seien noch nicht besiegt, ruft er. «Wir werden ihnen die Köpfe abreissen» verspricht er. Keine Gnade soll den Verantwortlichen hinter dem Putschversuch zuteilwerden. «Wenn das Parlament die Todesstrafe wieder einführt, werde ich das Gesetz sofort unterschreiben», sagt er zum wiederholten Mal. Die Verräter müssten gedemütigt werden, so wie die Gefangenen in Guantánamo. Das sind keine leeren Worte. Erst am Freitag waren per Erdogan-Dekret 7000 Angestellte aus dem öffentlichen Dienst als vermeintliche Anhänger der islamischen Gülen-Sekte, die für den Putschversuch nach einhelliger Auffassung verantwortlich ist, gefeuert worden.

Die Feierlichkeiten zum Gedenken an den niedergeschlagenen Putsch sind zu diesem Zeitpunkt schon seit Tagen in Gang. Bereits am Dienstag letzter Woche hatte Erdogan den ersten «Märtyrerfriedhof» besucht und in den folgenden Tagen im ganzen Land Denkmäler eingeweiht.

Oppositionsführer wird für Erdogan-Kritik bestraft

Am Samstagmittag hatte die offizielle Gedenkveranstaltung im Parlament in Ankara, das in der Putschnacht bombardiert worden war, stattgefunden. Das war der einzige Termin im Gedenkkalender, an dem Erdogan schwieg und die Opposition reden durfte. Mit steinerner Miene hörte er zu, wie Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu ihm in einer mutigen Rede vorhielt, er, Erdogan, hätte den Putsch genutzt, um Demokratie, Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit im Land abzuschaffen. Erdogan tue alles, um eine echte Aufklärung über die Hintergründe des Putsches zu verhindern.

Nach diesem Auftritt wird Kilicdaroglu von der Rednerliste für den feierlichen Akt, der am Sonntag früh im Lichthof des Parlaments als Höhepunkt der Gedenkwoche stattfindet, gestrichen. Wie zuvor auf der Bosporus-Brücke in Istanbul wird Erdogans Helden- und Verräter-Opus in den Morgenstunden deshalb von niemandem mehr widersprochen. Schon bei der Veranstaltung auf der Bosporus-Brücke war kein Hauch des Zweifels an der offiziellen Version der Ereignisse mehr zu spüren. Die Spaltung der Türkei zeigt sich daran erneut in dramatischer Weise. Von den Millionen Teilnehmern, die eine Woche zuvor zu Kilicda­roglus Abschlusskundgebung für den «Marsch für Gerechtigkeit» gekommen waren, ist wohl kaum jemand unter den Millionen Teilnehmern auf Erdogans Gedenkveranstaltung auf der Bosporus-Brücke.

Ermittlungsverfahren gegen 170000 Personen

Stattdessen geht unter Erdogan-Kritikern die Angst um. Nach offiziellen Angaben sind bislang 50510 Personen verhaftet worden, denen die Justiz vorwirft, direkt oder indirekt in den Putschversuch verwickelt zu sein. Gegen 169013 Personen insgesamt laufen Ermittlungsverfahren, knapp 150000 Angestellte aus dem öffentlichen Dienst, mehr als die Hälfte davon Lehrer, Dozenten und Professoren, wurden entlassen. Rund 150 Journalisten, darunter der deutsche Korrespondent Deniz Yücel sitzen im Gefängnis, über hundert Medien wurden geschlossen.

Für die Anhänger des Präsidenten sind sie alle Verräter, die ihr Schicksal verdient haben. Viele wollen die Todesstrafe für die Putschisten. Entsprechende Forderungen kochen erneut hoch, als im Anschluss an Erdogans Rede die Namen aller 250 Personen verlesen werden, die in der Putschnacht getötet wurden.

Zum Abschluss eröffnet Erdogan die Gedenkstätte für die «Märtyrer des 15. Juli». Der Tag wurde bereits zum Nationalfeiertag erklärt und stellt mittlerweile so etwas wie den Gründungs­mythos der neuen Türkei dar. Um 0.13 Uhr wird landesweit in 90000 Moscheen zum Totengedenken aufgerufen. Erdogan ist da bereits auf dem Weg nach Ankara, um im Morgengrauen seine Ansprache im Foyer des Parlaments zu halten und anschliessend vor dem Präsidentenpalast in Ankara ein weiteres Gedenkmonument zu enthüllen.

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