International
09.05.2017 07:44

Mädchen-Befreiung ist nur ein Etappensieg

  • Dieses Bild ging vor rund drei Jahren um die Welt: Es zeigt einige der rund 200 entführten Mädchen aus Chibok. Nach langen Verhandlungen sollen Boko Haram nun Dutzende von ihnen freigelassen haben.
    Dieses Bild ging vor rund drei Jahren um die Welt: Es zeigt einige der rund 200 entführten Mädchen aus Chibok. Nach langen Verhandlungen sollen Boko Haram nun Dutzende von ihnen freigelassen haben. | KEYSTONE/AP Militant Video/AP PHOTO
NIGERIA ⋅ Vor drei Jahren entführte die islamistische Terrormiliz Boko Haram 276 Mädchen. Nun ist der Regierung ein erster Durchbruch gelungen, und einige junge Frauen kamen frei – dies hatte jedoch seinen Preis.

«Im Namen aller Nigerianer freue ich mich mit euch, euren Eltern, Verwandten und Freunden über eure neue Freiheit.» In seiner Villa in der Hauptstadt Abuja begrüsste Nigerias Präsident Muhammadu Buhari (74) jetzt die 82 Mädchen, die am Wochen­ende der islamistischen Terrorsekte Boko Haram entkommen waren. Doch deren bunte Kopftücher konnten nicht hinwegtäuschen über die leeren, traumatisierten Blicke der Mädchen, über die uniformierten Generäle im Raum und über die Herausforderung, die Nigeria bei der Terrorbekämpfung noch erwartet.

Er wollte sie verheiraten und zu Sklavinnen erziehen: Mit dieser schaurigen Botschaft hatte Abubakar Shekau, der Anführer der Boko Haram, für weltweite Schlagzeilen gesorgt. Im April 2014 hatten seine Gotteskrieger eine Schule in der nördlich gelegenen Stadt Chibok überfallen und 276 Mädchen in die angrenzenden Wälder verschleppt. Lang wurde es still um die «Chibok Girls». Einige Eltern hielten Bestattungen ab – symbolisch, denn die Särge waren leer.

Nach einigen vereinzelten Freilassungen ist Nigerias Regierung jetzt der erste grosse Durchbruch in dem Entführungsdrama gelungen – auch dank der Schweiz (siehe Box). Wie lokale Zeitungen berichten, kamen die jungen Frauen im Austausch gegen fünf gefangene Kommandeure der Boko Haram frei. Am Samstag wurden die Mädchen in die Obhut der Behörden übergeben, bevor Militärhelikopter sie aus dem abgelegenen Norden des Landes in ein Spital nach Abuja flogen.

Buhari sprach von einem «erfreulichen Geschenk» anlässlich seines zweiten Regierungsjubiläums. Er werde dafür sorgen, dass die geretteten Mädchen eine Bildung, Gesundheitsversorgung und Sicherheit erhielten. Tatsächlich hätte die Befreiung für den Präsidenten Nigerias zu keinem besseren Zeitpunkt passieren können. Bei den Wahlen 2015 hatte Buhari damit geworben, die altersschwache Armee zu reformieren und gegen die weitreichende Korruption vorzugehen.

Den Sieg bescherte ihm letztendlich das Versprechen, gegen die Gotteskrieger der Boko Haram durchzugreifen. Als ehemaliger Militärdiktator galt Buhari bereits vor seinem Amtsantritt als Terrorbezwinger. Doch der Erfolg blieb bislang aus.

Viele Mädchen bleiben verschwunden

Im Gegenteil, Opposition und Aktivisten werfen dem Staatsoberhaupt vor, wegen seiner fragilen Gesundheit nicht mehr die Regierungsgeschäfte leiten zu können. Fast zwei Monate hatte Buhari dieses Jahr für Behandlungen in London verbracht. Am Sonntag machte er sich erneut Richtung britische Hauptstadt auf.

Die Entführungssaga ist aber – trotz Durchbruch – auch drei Jahre später nicht vorbei. Über 100 der «Chibok-Mädchen» hat die Boko Haram nach wie vor in ihrer Gewalt. Viele seien Berichten zufolge von ihren Entführern geschwängert worden, während andere zu Selbstmordattentäterinnen rekrutiert worden sein sollen. Die Boko Haram, deren Name «Westliche Bildung ist verboten» bedeutet, kämpft für die Einführung der Scharia. Seit 2009 terrorisieren die Fundamentalisten das westafrikanische Nigeria. Immer häufiger greifen die selbsternannten Gotteskrieger jedoch auch Ziele in den Nachbarländern an, seit diese gemeinsam militärisch gegen die Extremisten vorgehen.

 

Markus Schönherr, Kapstadt

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