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GIFTANSCHLAG

Russische Diplomaten verlassen London

Wegen des Giftanschlags auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal haben 23 Diplomaten die russische Botschaft in London verlassen müssen. Sie verabschiedeten sich am Dienstag voneinander und fuhren im mehreren Fahrzeugen davon.
20.03.2018 | 14:05
Aktualisiert:  20.03.2018, 16:20

Die britische Regierung hatte am vergangenen Mittwoch die russischen Diplomaten des Landes verwiesen. Sie gab ihnen eine Woche Zeit zur Ausreise. Russland ordnete am Wochenende als Gegenmassnahme die Ausweisung von 23 britischen Diplomaten an.

Nach Angaben des russischen Botschafters in London, Alexander Jakowenko, sind inklusive der Angehörigen etwa 80 Personen von der Ausweisung betroffen. Er sprach von einer Anti-Russen-Kampagne.

London bezichtigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als direkten Drahtzieher des Attentats auf Skripal und seine Tochter Julia. Auch am Dienstag wiederholte der britische Aussenminister Boris Johnson in Interviews diese Aussage. Skripal und seine Tochter Julia waren am 4. März in Salisbury südwestlich von London vergiftet worden.

Experte bestreitet Russlands Einmischung

Ein russischer Experte und angeblicher Mitentwickler des Nervengiftes Nowitschok zweifelte derweil britische Vorwürfe gegen Russland im Fall Skripal an.

Das Gift, das für den Anschlag auf Skripal in Grossbritannien verwendet wurde, könne auch ausserhalb Russlands hergestellt worden sein, sagte der Chemiker Leonid Rink der staatlichen russischen Agentur Ria Nowosti am Dienstag. Auch in Grossbritannien gebe es Spezialisten, die dies hätten machen können.

Rink sagte, wäre die russische Regierung wirklich für den Anschlag verantwortlich, dann wären Skripal und seine Tochter jetzt tot. "Sie leben noch. Das bedeutet, dass es entweder überhaupt nicht das Nowitschok-System war, oder es war schlecht zusammengestellt, nachlässig angewandt."

"Keine russische Technologie"

Ob Skripal mit Nowitschok vergiftet wurde, sei leicht zu bestimmen. Jedes Mittel habe eine Art Handschrift von der Herstellung, sagte Rink. Und: "Es wird sich sofort herausstellen, dass dies keine russische Technologie war." Daher habe Russland bislang von Grossbritannien noch keine Proben bekommen, spekulierte er.

Die Agentur präsentierte Rink als Wissenschaftler, der in der Sowjetunion an der Entwicklung von Nowitschok beteiligt gewesen war. Er habe damals auch in seiner Doktorarbeit darüber geschrieben, sagte er. Seine Angaben konnten nicht unabhängig überprüft werden. Die russische Regierung hatte zuletzt dementiert, dass es in der Sowjetunion ein Forschungsprogramm unter dem Namen Nowitschok gab.

Nowitschok sei kein einzelnes Mittel, sondern ein ganzes System chemischer Waffen, sagte Rink. Er zog Aussagen eines anderen Wissenschaftlers namens Wil Mirsajanow in Zweifel. Dieser hatte die Existenz des Nowitschok-Programms 1992 enthüllt und war in den vergangenen Tagen von westlichen Medien dazu interviewt worden. Er emigrierte 1994 in die USA.

Empörung in Prag

Für Empörung sorgten russische Andeutungen unterdessen in Prag. Der tschechische Aussenminister Martin Stropnicky bestellte für Mittwoch den russischen Botschafter Alexander Smejewski ein. Er solle die "lügnerische Aussage der russischen Seite" erklären, das bei dem Anschlag verwendete Nervengift Nowitschok könne aus Tschechien stammen, hiess es am Dienstag.

Die tschechischen Aussen- und Verteidigungsministerien hatte diese Behauptung bereits am Wochenende als absurd zurückgewiesen. Ein Vorstoss der konservativen Opposition, den Disput mit Moskau im Abgeordnetenhaus in Prag zu erörtern, scheiterte an den Stimmen der populistischen Regierungspartei ANO, der Kommunisten und der rechten SPD (Freiheit und direkte Demokratie). (sda/afp/dpa)

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