International
07.11.2017 06:42

Stalin ist tot, es lebe Putin

  • Eine Handvoll Oppositioneller demonstrierte gestern auf Moskaus Strassen. Die Polizei löste den Protest auf.
    Eine Handvoll Oppositioneller demonstrierte gestern auf Moskaus Strassen. Die Polizei löste den Protest auf. | Bild: Anatoly Maltsev/EPA
OKTOBERREVOLUTION ⋅ Der heutige 100. Jahrestag der bolschewistischen Revolution droht klanglos an Russland vorbeizuziehen. Der Kommunismus als Ideologie ist in Putins Russland tot. Aber die Mentalität der Sowjetzeit scheint unsterblich.

Stefan Scholl, Moskau

Nicht, dass es keine Revolutio­näre mehr gäbe. Am Sonntag ­wurden in Moskau und anderen Städten über 400 mutmassliche Extremisten festgenommen, Sympathisanten des anarchistischen Videobloggers Andrei Malzew, aber auch etliche Passanten, die mit Rucksäcken und Taschen im Moskauer Stadtzentrum unterwegs waren. Der selbst nach Frankreich emigrierte Malzew hatte seine Anhänger aufgefordert, auf die Strasse zu gehen. Allerdings suchten Journalisten in Moskau vergeblich nach oppositionellen Demonstrationen.

Moskau plant keine Massnahmen zum heutigen 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. «Was gibt es denn da zu feiern?», fragte Kremlsprecher Dmitri Peskow rhetorisch. Es gibt eine Parade auf dem Roten Platz – aber zum 76. Jahrestag der Schlacht um Moskau 1941. Auch eine Kundgebung plant die Kommunistische Partei der Russi­schen Föderation (KPRF). Aber von der erwartet niemand etwas Revolutionäres.

Kommunisten halten sich an Kreml-Spielregeln

Am 7. November 1917 ergriffen in Russland die Bolschewisten die Macht und errichteten die Sowjetunion, ein Experiment, das die ganze Welt in ein kommunistisches Paradies verwandeln sollte, nach verschiedenen Schätzungen aber 12 bis 60 Millionen Menschen das Leben kostete. 1991 zerfiel die Sowjetunion, eines ihrer wenigen organisatorischen Überbleibsel ist die KPRF. Aber die Kommunisten riskieren heute keine politischen Randale, die Masse ihrer Landsleute auch nicht. Die Sowjetunion ist untergegangen, aber ihre Mentalität scheint unausrottbar. Auch deshalb, weil Russland nie ernsthaft Anstalten unternommen hat, die Vergangenheit zu begraben.

Die KPRF ist nur noch eine ­linientreue Partei in Putins Russland. Sie gibt sich oppositionell, hält sich aber an die Spielregeln des Kremls. Bei den Duma-Wahlen holt sie noch immer zweistellige Ergebnisse, 2016 stimmten über sieben Millionen Russen kommunistisch. «Es ist vor allem die Partei der Rentner, denen sie als Ideologie mythologisierte Sowjetvergangenheit anbietet», sagt der Politologe Juri Korgonjuk. Der Kommunismus als irdische Heilsidee ist praktisch tot. 84 Prozent der Russen glauben jetzt an Gott, 7 Prozent bezeichnen sich als atheistisch. Putin verurteilte kürzlich die Repressalien der Sowjetzeit: «Für diese Verbrechen gibt es keine Entschuldigung.» Aber das sei kein Grund, jetzt zur Abrechnung aufzurufen.

Die meisten Hinterbliebenen kennen die Namen der Sicherheitsmänner nicht, die ihre Eltern oder Grosseltern liquidiert haben. Und viele wollen sie auch nicht kennen. Nach dem Zerfall der Sowjetunion hat der KGB als FSB weitergemacht, wurde nie entmachtet. «Dazu kommt das Staatsfernsehen, das die Repressalien und ihre Opfer systematisch kleinredet», sagt der Menschenrechtler Lew Ponomarjow. «Und nach dem wirtschaftlichen Schock der 90er-Jahre flüchten sich die Menschen in die Erinnerung an die Stabilität der Sowjetzeit. Unsere Gesellschaft ist traumatisiert.» Wie Putin, der sein KPdSU-Parteibuch bis heute aufbewahrt und sowjetische Fibeln für Jungkommunisten mit der Bibel vergleicht, orientiert sich die Masse der Russen moralisch an der Vergangenheit.

«Heute leben wir in verschiedenen Staaten, sprechen verschiedene Sprachen, aber wir sind unverwechselbar. Man erkennt uns auf Anhieb», schreibt die weissrussische Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch über die Sowjetmenschen und ihre nicht totzukriegende Mentalität. «Wir alle, die Menschen aus dem Sozialismus, ähneln einander und sind anders als andere Menschen.» Eigene Vorstellungen von Gut und Böse, von Helden und Märtyrern, ein besonderes Verhältnis zum Tod.

Russland feiert sich als Alleinretter der Welt

Man klammert sich an sowjetische Kinderbücher, Komödien und Schlager, dreht reihenweise neue Filme über den «grossen vaterländischen» Sieg im 2. Weltkrieg. Alljährlich feiert sich Russland als Alleinretter der Welt vor Hitler. Eine Geschichtsdebatte, die Stalins Terrorherrschaft in die Nähe des Naziregimes stellen könnte, vermeidet man schon deshalb mit allen Kräften. Gesellschaftliche Harmonie ist wie in der UdSSR wichtiger als Fakten. Konsumfreiheit und Privateigentum gelten in Russland inzwischen als Selbstverständlichkeit. Aber noch immer arbeiten 40 Prozent der russischen Arbeitnehmer als Staatsangestellte, Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gilt weiter als Selbstverständlichkeit. 34 Prozent der Russen halten Putin für den bedeutendsten Mann der Weltgeschichte, 38 Prozent aber Josef Stalin.

Der Inlandgeheimdienst FSB erklärte nach den Festnahmen am Wochenende, im Gebiet Moskau hätten Extremisten geplant, Verwaltungsgebäude in Brand zu stecken und Polizisten anzugreifen. Wie das sowjetische Innenministerium unter Stalin haben die Sicherheitsorgane wieder begonnen, wirklichen oder potenziellen Oppositionellen als blutrünstigen Verschwörern den Prozess zu machen. «Wie damals werden Menschen ohne Beweise verhaftet», sagt der Oppositionspolitiker und Historiker Wladimir Ryschkow. Aber es sei tröstlich, dass die Opfer heute nicht mehr erschossen würden.

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