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SYRIEN

Abgeschossener syrischer Jet: Gefährliche «Premieren» im Krieg um Ost-Syrien

Obwohl die Schlacht um Rakka noch nicht entschieden ist, hat der Kampf um Deir el-Sour bereits begonnen. Nach dem Abschuss eines syrischen Kampfjets durch ein US-Flugzeug verschärft sich der Ton zwischen Russland und den USA.
19.06.2017 | 11:59
Aktualisiert:  19.06.2017, 23:48

Noch ist die Schlacht um Rakka nicht entschieden. Wie im irakischen Mossul leistet die Terrormiliz auch in der «Hauptstadt» ihres Islamischen Staates (IS) hartnäckigen Widerstand. Es gilt aber als sicher, dass die ostsyrische Stadt in den kommenden Wochen von den Demokratischen Kräften Syriens (SDF), einem von den USA unterstützten Bündnis aus Kämpfern der kurdischen YPG und lokalen arabischen Milizen, eingenommen werden wird.

Entschieden ist der Kampf um den fruchtbaren und rohstoffreichen Osten von Syrien dann aber noch lange nicht. Die IS-Verbände werden versuchen, sich in ihren Hochburgen am Euphrat zu behaupten. Diese werden auch von der SDF sowie der regulären syrischen Armee beansprucht, die in den letzten Monaten von Aleppo aus bis etwa 40 Kilometer vor Rakka vorgestossen ist.

Erster US-Abschuss eines syrischen Kampfjets

Das Ziel der Assad-Truppen ist vorerst aber nicht Rakka, sondern Deir el-Sour. Wer die Grossstadt am Euphrat, in der 150000 Menschen seit mehr als zwei Jahren in einer vom IS belagerten Regierungsenklave ausharren, beherrscht, wird letztendlich auch Ost-Syrien kontrollieren.

Entsprechend hart wird um die Region um Deir el-Sour gerungen. Als ein Su-22-Jagdbomber der syrischen Luftwaffe am Sonntag Stellungen der SDF entlang der Strasse Rakka nach Deir el-Sour bombardierte, wurde er von einem F-18-Super Hornet der US-Luftwaffe abgeschossen. Es habe sich um einen «Akt der kollektiven Selbstverteidigung» gehandelt, verteidigte das Pentagon den ersten US-Abschuss eines syrischen Kampfjets im mehr als sechsjährigen Syrien-Krieg.

Tatsächlich geht es wohl um die Sicherung geostrategischer Interessen im Osten Syriens, um die sich auf amerikanischer Seite die überwiegend kurdische SDF bemüht. Ihnen gegenüber stehen die Truppen der syrischen Regierung, welche sich weiterhin als «legitime Vertretung des syrischen Volkes» betrachtet und als solche von Moskau und Teheran anerkannt und unterstützt wird. Direkte Konfrontationen wurden bislang meist vermieden. Mit dem Vorstoss der Assad-Armee nach Ost-Syrien könnte die berühmte Büchse der Pandora allerdings nun endgültig geöffnet worden sein.

Militärexperten fürchten nach dem Abschuss der syrischen SU-22 am Sonntag nicht nur neue Scharmützel zwischen der syrischen Armee und der US-gestützten SDF. Moskau kündigte an, den Kommunikationskanal zwischen russischem und amerikanischem Militär zur Vermeidung von Zwischenfällen zu kappen. Stattdessen werde das russische Militär Flugzeuge und Drohnen der US-geführten Koalition als potenzielle Ziele ins Visier nehmen, wenn sie westlich des Flusses Euphrat fliegen, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau gestern mit.

Verkompliziert wird das geostrategische Ringen um Ost-Syrien durch die Rolle Irans. Erklärte Absicht Teherans ist der Aufbau einer «sicheren Landbrücke» in den Irak, also einer Strassenverbindung für den Transport von Waffen und andere Güter vom Iran über Bagdad und Damaskus bis in den Libanon. Einen solchen Korridor zu verhindern, soll US-Präsident Trump bei seinem Besuch in Israel versprochen haben.

Wie weit das US-Militär dabei gehen will, bleibt abzuwarten. Mit dem am Sonntag erfolgten Abschuss mehrerer Mittelstreckenraketen auf IS-Stellungen bei Deir el-Sour demonstrierten die Iraner jedenfalls ihre Entschlossenheit, in der Region nicht klein beizugeben.

Was die Iraner nicht sagten: Der von iranischem Territorium erfolgte Einsatz von ballistischen Mittelstreckenraketen gegen Ziele in Syrien war der erste in der 38-jährigen Geschichte der Islamischen Republik überhaupt – eine weitere «gefährliche Premiere» im Stellvertreterkrieg um Syrien.

 

Michael Wrase, Doha

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