Kultur
20.04.2017 07:15

Luzerner Sinfonieorchester im Eldorado

  • Das Luzerner Sinfonieorchester im grossen Konzertsaal von Bogotá.
    Das Luzerner Sinfonieorchester im grossen Konzertsaal von Bogotá. | Bilder: LSO und Simon Bordier
  • Fast idyllisch wirken diese Häuserreihen in der hektischen Millionenstadt Bogotá. | Bilder: LSO und Simon Bordier
  • Osterstimmung zwischen Christentum und Karneval. | Bilder: LSO und Simon Bordier
TOURNEE ⋅ Das Luzerner Sinfonieorchester war in Bogotá zu Gast. Trotz etwas dünner Luft in 2640 Metern Höhe lief es vor dem kolumbianischen Publikum zur Hochform auf.

Simon Bordier, Bogotá

kultur@luzernerzeitung.ch

Es mag an der etwas geringen Sauerstoffzufuhr gelegen haben oder an den milden Temperaturen, die sich tagsüber konstant um die 20 Grad bewegten. Jedenfalls war die Stimmung letzte Woche in Bogotá, der kolumbianischen Hauptstadt in 2640 Metern über Meer, prächtig.

Fast ungläubig folgte man der Pressekonferenz, die zum Internationalen Klassikfestival von Bogotá stattfand. Da war etwa ein Musikkritiker aus Kalifornien, der nicht müde wurde zu betonen, wie sehr er sich freue, hier zu sein. Das Stimmungsbarometer stieg weiter, als der Co-Leiter des Festivals, Enrique Muknik, erklärte, wieso er als eines der wenigen ausländischen Gastorchester das Luzerner Sinfonieorchester eingeladen habe: Er habe das LSO bei einem Konzert gehört und sei zum Schluss gekommen, dass es sich um «eines der besten Orchester in Europa» handle.

Konzentriertes Publikum lässt sich begeistern

Besonders beeindrucke ihn, wie «aktiv und energisch» Chefdirigent James Gaffigan seine Musiker führe. Und er habe erfahren, dass sich das Orchester mit der Aufführung selten gespielter russischer Komponisten einen Namen gemacht habe. Dies passe perfekt zur dritten Ausgabe des Festivals, bei dem die russische Romantik in all ihren Facetten vorgestellt werden sollte.

Ähnlich heiter ging es im Konzertsaal weiter. Allein der Umstand, dass ein europäisches Orchester in die Metropole hoch in den Anden kommt, ist ein Grund zum Feiern. Das Publikum ist während des Konzerts konzentriert, bricht aber in umso grösseren Beifall aus, wenn das Stück oder auch nur ein Satz vorbei ist. Ob Musik von Tschaikowsky oder eines Komponisten aus der zweiten Reihe wie Anatoli Ljadow gespielt wird, ist zweitrangig: Beides scheint neu und aufregend zu sein.

Mit einzelnen Gratiskonzerten, der Einbindung von kolumbianischen Jugend- und Profi­orchestern sowie Ticketpreisen ab 10000 Pesos (rund 3 Franken) wird die Eintrittsschwelle niedrig gehalten. Die Stimmung im Foyer und in den Festzelten direkt neben dem neuen Opernhaus, dem Teatro Mayor, erinnert denn auch mehr an ein eidgenössisches Musikfest als an eine klassische Konzertgala.

Das LSO setzte gleich bei seinem ersten Konzert mit Ljadows «Polonaise» Op. 49 ein Ausrufezeichen. Die Erfahrung, die sich das LSO in den letzten Jahren mit der Aufführung russischer Musik erarbeitet hat: Hier war sie vom ersten Takt an in einer ausgefeilten Technik und einem fast überbordenden Gestaltungswillen spürbar. Das hinterliess nicht nur beim Publikum mächtig Eindruck – der kalifornische Kritiker machte seiner Begeisterung mit hochgestreckten Daumen und einem «Here weg go!» Luft.

«Das Beste, was ich beim Festival gehört habe»

Zu einem Höhepunkt des Festivals geriet Tschaikowskys Violinkonzert. Das LSO hatte das Werk kurz zuvor im KKL mit dem Solisten Ning Feng gespielt. Solist in Bogotá war der in Litauen geborene, heute in Österreich lebende Geiger Julian Rachlin (42). Beeindruckend war das lebendige Spiel zwischen Solist und Orchester. Davon zeigten sich auch andere Kritiker beeindruckt: Der Vertreter aus Deutschland fand das Orchester «gut», die Autorin aus Russland «sehr gut» und jener aus Mexiko «das Beste, was ich beim Festival gehört habe».

Das LSO hatte bei seiner letzten Südamerika-Tournee 2014 in Brasilien, Argentinien und Uruguay Halt gemacht. Diesmal blieb es an einem Standort, in Bogotá, hatte dort aber gleichwohl einen Konzertmarathon zu bewältigen: Es präsentierte innert weniger Tage drei unterschiedliche Programme mit jeweils einem Solisten: Neben dem erwähnten Violinkonzert führte es mit dem Cellisten Alexander Buzlow das Cellokonzert Op. 8 von Alexander Gretschaninow auf und mit dem Pianisten Kirill Gerstein Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1. Dabei war es nicht konkurrenzlos. So wirkte der letzte Satz von Tschaikowskys Vierter in der Interpretation des LSO zwar technisch ausgereifter, aber weniger mitreissend als die Version, die das Philharmonische Orchester von Bogotá präsentierte.

Das Festival mit fünf einheimischen und drei ausländischen Orchestern, internationalen Solisten, Kammermusik- und Ballettensembles ist auch ein Zeichen für die wirtschaftliche Prosperität Kolumbiens. So wird der 2013 erstmals durchgeführte Anlass zu einem Bruchteil durch öffentliche Mittel finanziert, während die Wirtschaftskammer von Bogotá, Firmensponsoren sowie die im Land einflussreiche Unternehmerfamilie Santos die finanzielle Hauptlast tragen.

Jesus-Statuen und «Star Wars»-Krieger

Die wirtschaftliche Liberalisierung seit den 1990er-Jahren ging mit einer gesellschaftlichen Öffnung einher. Letztere wurde einem bei der Karfreitagsprozession in der Altstadt vor Augen geführt: Mit viel Pomp wurden Marien- und Jesusstatuen getragen, doch mussten sich diese die Aufmerksamkeit mit Strassenmusikern, Breakdancern, einem als «Star Wars»-Krieger verkleideten Künstler und einem Clown teilen, der Kinder mit Ballonherzen beglückte. Die Volksfeststimmung erwies sich somit auch hier als Eldorado für Kreative; vom Strassenklamauk über katholisches Zeremoniell bis zur romantischen Tschaikowsky-Sinfonie scheint in Bogotá fast alles seinen Platz zu haben.

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