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«Tatort»: Blade Runner in Berlin

Der sechste «Tatort» aus Berlin mit den Kommissaren Nina Rubin und Robert Karow (Meret Becker und Mark ­Waschke) ist ein düsteres Kunstwerk, das sich nicht auf den ersten Blick erschliesst.
10.12.2017 | 05:02

Keinen einzigen Sonnenstrahl fängt die Kamera von Eva Katharina Bühler (Regie: Florian Baxmeyer) ein – gedreht wurde vor allem in der Unterwelt der U-Bahn, in einem Tiefbunker und in einer Eisengiesserei.

Alles ist in Bewegung in dieser grauen Welt. Gleich zu Beginn trommelt ein Freak im kalten Ambiente der U-Bahn den Wahnsinn der Handlung ein. Es geht um eine verkohlte Leiche am Stadtrand und drei ähnliche Fälle in der Vergangenheit. Es geht um Retortenbabys und Replikanten. Ja, genau: Replikanten. Vor ähnlich ­düsterem Setting wie in den gleichnamigen Kinoproduktionen jagt auch hier eine Art «Blade Runner» eine spezielle Art Mensch: die, die im Reagenzglas ihren Anfang nahm.

Der «Blade Runner» aus Berlin ist psychisch krank und wird genial gespielt von Christoph Bach. Er betreibt einen Schlüssel­dienst in der U-Bahn und lebt in seiner eigenen Wahnwelt – fremdgesteuert von einem, dem daran gelegen ist, eine ganze Reihe ehemaliger Retorten­babys 30 Jahre später wieder aus der Welt zu schaffen.

Klingt schräg? Ist es auch. Doch die Stärke dieses Krimis ist nicht seine Plausibilität. Stark sind Machart und Ideen. Gott zu spielen kommt nicht gut, scheinen die Berliner zu sagen. Ganz konservativ. Gott spielen hier mehrere – und fallen auf die Nase damit. Gar nicht konservativ sind Bilder und Musik dieser Grossstadt­fiktion. Lösen epische Streicher das irre Getrommel ab, während ein Feuer den Wahn wegfrisst, dann springt da ein (göttlicher) Funke von grosser Kunst.

Susanne Holz

Hinweis

«Tatort» Berlin: «Dein Name sei Harbinger». Heute, 20.05, SRF 2.

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