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ESSAY

Die Freiheit im Showbusiness

Am nächsten Donnerstag hat am Luzerner Theater eine Inszenierung Premiere, die über persönliche und politische Freiheit populärer Sängerinnen nachdenkt. Was Beyoncé, Nina Simone, Whitney Houston und Aretha Franklin unter Freiheit verstehen.
13.01.2018 | 10:10

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

Nichts wird neben der Liebe so häufig besungen wie die Freiheit. Der Musik-Streamingdienst Spotify listet für das Wort eine Unmenge an Songeinträgen. Und so inflationär das Wort verwendet wird, so vage bleibt es in den Kontexten seiner Verwendung. Eine Leerstelle, in die jede Epoche etwas anderes projiziert.

Die deutsche Regisseurin Julia Wissert zeichnet mit der am nächsten Donnerstag am Luzerner Theater erstmals gezeigten Inszenierung «Göttinnen des Pop» die Lebenslinien von Sängerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts nach. Sie fragt: Wie viel Freiraum hatten und haben Frauen wie Beyoncé, Nina Simone, Whitney Houston oder Billie Holiday bei ihrer Karrieregestaltung? Wie definieren sie Freiheit für sich und andere? Und was hat diese persönliche Freiheit mit der Freiheit zu tun, die sie besingen?

Frei oder fremdgesteuert?

Wer sich mit den Biografien dieser Sängerinnen auseinandersetzt, führt sich das Paradox vieler Showbusinesserfolge vor Augen: Der auf der Bühne performte freie künstlerische Ausdruck ist oft das Ergebnis einer fremdgesteuerten Karriere.

Die 2012 verstorbene Whitney Houston war die erste afroamerikanische Pop-Ikone für ein weisses Publikum. Nachfolgenden afroamerikanischen Sängerinnen wie Beyoncé Knowles hat sie den Weg an die Chartspitze geebnet. Doch über ihr Image bestimmt haben andere: ihre Mutter, eine ambitionierte Gospelchorleiterin, und ihr Management, das ihre Vergangenheit als imagefeindlich betrachtete und jede zu soullastige Musik aus ihren Alben verbannte, um sie so zur «rassenlosen» Sängerin zu stilisieren.

Der Dokumentarfilm «Whitney – Can I Be Me?» (2017) hat die verzweifelte Suche der Sängerin nach Authentizität in der zweiten Hälfte ihrer Karriere gut nachgezeichnet. Befreiung suchte sie zuletzt im Drogenkonsum. Ebenso wie die Jazzsängerin Billie Holiday (1915–1959). Die grosse Dame des Jazz starb 44-jährig in einem Krankenhaus, umringt von Polizisten, die sie wegen Drogenbesitzes festnehmen wollten. An ihr Bein soll sie Fünfzigernoten im Wert von knapp 800 Dollar geklebt haben. Mit dem Geld für ihre eigene Beisetzung bewahrte sich die in Armut aufgewachsene Sängerin eine gewisse Unabhängigkeit.

Im Fall von Nina Simone (1933–2003) lenkte der Rassismus die Karriere in ungewollte Bahnen. Eigentlich wollte Simone die erste klassische Konzertpianistin der USA werden. Doch das Konservatorium lehnte sie ab wegen ihrer Hautfarbe. Aus finanzieller Not begann sie in Clubs sich aufs populäre Fach zu ver­legen. Dort fing sie notgedrungen auch zu singen an. Auch wenn die Welt sie heute dafür liebt: Freie Karrierewahl sieht anders aus.

Gesellschaftliches Engagement

Kein Wunder, haben sich Sängerinnen wie Simone, Billie Holiday («Strange Fruit») oder auch Are­tha Franklin für die Bürgerrechtsbewegung eingesetzt. Letzterer gelang mit ihrer Interpretation des Songs «Respect» die Hymne der amerikanischen Bürgerrechts- und Frauenbewegung.

Wo Whitney Houston sich vergeblich Freiräume in einer Welt zu erobern suchte, in der alle an ihrem Erfolg mitverdienten – wer in diesem Popzirkus hätte ein Interesse daran gehabt, den Star kürzertreten zu lassen? –, hat der bestbezahlte weibliche Popstar unserer Zeit, die Sängerin Be­yoncé Knowles, die Kontrolle über ihre millionenschwere Marke fest in ihre eigenen Hände genommen; den Vater als Manager hat sie schon 2011 gefeuert. Das gibt ihr bei der Erfindung neuer Narrative diejenigen Freiräume, die Houston nie besass. Als Sexsymbol, Mutter, Ehefrau und Feministin bildet Beyoncés Marke die ganze Bandbreite weiblicher Identitäten ab. Freiheit heisst für sie auch freizügig. Die Sängerin spielt in der provokativen Zurschaustellung ihrer Rundungen und mit ihren Songtexten vol­- ler sexueller Anspielungen mit dem Klischee der sexualisierten schwarzen Frau, einem Phantasma weisser Männer, das schon Maler des 19. Jahrhunderts um­getrieben hat.

2014 bekannte sie sich an den MTV Video Music Awards zum Feminismus. Zum Song «Flawless» inszenierte sie sich vor dem in grossen Lettern geschriebenen Wort «Feminist» und sampelte für ihre Performance Zitate aus der Rede der nigerianischen Autorin Chimamanda Ngozi Adichie. 2017 produzierte sie zum internationalen Mädchentag ein Video zum Song «Freedom».

Beyoncé, die ihr strenges Diät- und Fitnessregime für sich als «befreiend» erlebt, hat den Kapitalismus perfekt verinnerlicht. Wie frei sie bei ihrer Stra­tegie, die widersprüchlichen Bedürfnisse des Marktes zu befriedigen, wirklich ist, wird kontrovers diskutiert. Denn letztlich zelebriert sie ihre weibliche Selbstermächtigung in einem patriarchalischen System, dem sie in erster Linie zu gefallen sucht. Auch ihr fehlt ein Spielraum mit eigenen Regeln, der Billie Holiday in ihrer Biografie «Lady Sings The Blues» einst vorschwebte: «Mein ganzes Leben habe ich darum gekämpft, etwas so singen zu können, wie ich es singen wollte. Bevor ich sterbe, möchte ich einen Ort, wo mir niemand sagt, wann ich wieder dran bin.»

Hinweis

«Göttinnen des Pop». Luzerner Theater, Box. Premiere: 18. 1., 20.00. Bis 31. 3. Tickets über: www.luzernertheater.ch

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