Kultur
12.09.2017 05:00

Die geschundene Seele im 12. Luzerner Tatort «Zwei Leben»

TATORT ⋅ Der zwölfte Tatort aus Luzern erzählt, was für Wunden Selbstmörder hinterlassen können. Das macht er auf eine eindringlich-berührende Art. Der eigentliche Kriminalfall bleibt dagegen etwas blass.

Michael Graber

michael.graber@luzernerzeitung.ch

Und dann? Dann ist Herbst! Der Luzerner Tatort «Zwei Leben» vertreibt auf intensive Art den Sommer mit einer dichten, persönlichen Geschichte. Eine mit wenig Licht und viel Schatten. Eine, die einem kaum kalt lässt.

Beni Gisler (Michael Neuenschwander) fährt Car. Er fährt Car, weil er nicht mehr Zug fahren will. Mehrere Selbstmörder hatten sich vor einen von ihm gesteuerten Zug geworfen und so erst ihn und dann auch seine Familie zerbrochen. Es geht um ein «zweites Leben». Gisler sucht in der neuen Tätigkeit die Normalität. Als dann plötzlich ein Mann auf seiner Windschutzscheibe aufschlägt, verabschiedet sich die Normalität und das erste Leben holt Gisler auf die brutalstmögliche Art wieder ein. Er rastet aus und tritt wie ein Wilder auf den bereits toten Mann ein. Daneben hält ein Beobachter lieber mit dem Handy drauf, anstatt zu helfen. Schöne neue Welt.

«Zweites Leben» und «Zweites Sterben»

Der Tote – es wird rasch klar – ist nicht freiwillig gesprungen. In seinem Blut findet sich eine hohe Konzentration eines Beruhigungsmittels. Zudem weist er seltsamerweise frappante Ähnlichkeiten mit einem Luzerner Bauunternehmer auf, von dem man eigentlich dachte, dass er einige Jahre zuvor beim Tsunami in Thailand gestorben ist – auch hier ist das offensichtliche Motiv «zweites Leben», oder vielleicht hier eher «zweites Sterben».

Ermittlungen bei der Familie des Baulöwen werfen mehr Fragen auf, als Antworten gegeben werden. Und nach und nach kommen die Kommissare Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) einem grossen Schuldenberg und einem noch grösseren Betrug auf die Spur. Am Schluss ist dann selbstverständlich alles noch einmal ein wenig anders.

Aber ganz ehrlich: Der eigentliche «Fall» ist der Rahmen für die Geschichte rund um Beni Gisler. In sehr entschleunigten Szenen spürt man förmlich, wie die Welt von Gisler komplett in Trümmern liegt. Kommissar Flückiger und der Busfahrer kennen sich von der gemeinsamen Zeit im Militär, ihr Gespräch in der schummrig-dunklen Wohnung von Gisler ist maximal beklemmend. Die Sitzungen mit der Psychologin (Stephanie Japp) sind dicht inszeniert und zeigen einen Menschen zwischen Implosion und Explosion. Keine der Varianten ist wirklich schlau.

Lähmende Machtlosigkeit

Regisseur Walter Weber und die beiden Autoren Felix Benesch und Mats Frey nehmen sich in «Zwei Leben» sehr gefühlvoll der geschundenen Seele von Gisler an. Es ist die oft vergessene (oder zumindest zu selten erzählte) Geschichte von jenen Menschen, die zurückbleiben, wenn jemand beschliesst zu gehen. Jene Menschen, die auf unfreiwillige Art Teil an diesem finalen Akt geworden sind.

Wie im Fall von Gisler oft gepaart mit einer kompletten und lähmenden Machtlosigkeit – niemand käme ernsthaft auf die Idee, einem Zugfahrer die Schuld am Tod eines Selbstmörders zu geben. Wunden bleiben trotzdem zurück. Auch wenn sie nicht immer sofort auf den ersten Blick erkennbar sind.

Während Gisler emotional zerbricht, reagiert die Spuren­sichererin mit Zynismus, gepaart mit Gleichgültigkeit («Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Suizide wir dieses Jahr schon hatten.»). Jeder hat seinen eigenen Umgang mit dem schwierigen Thema – falsch ist irgendwie jeder. Nach «Zwei Leben» ist man aber deutlich näher bei Gisler, und das ist eine wertvolle Leistung des «Tatort»-Teams.

Da verzeiht man es auch, dass der Rest der Folge nie die Intensität der Gisler-Geschichte erreicht. Der eigentliche Krimi plätschert einfach so dahin und bleibt dabei konventionell. Einige Szenen wirken gar ein bisschen unnötig, der ständig nörgelnde Polizeichef (Jean-Pierre Cornu) etwa, oder die sehr blasierte Familie des zweifach gestorbenen Bau­löwen. Durch stimmungsvolle Bilder (die aber zum Glück nie Werbespots für Lucerne Tourismus sein wollen) und einen ebensolchen Soundtrack schafft es «Zwei Leben», nie in die Belanglosigkeit abzustürzen.

Der Kommissar will sesshaft werden

Während in den elf vorherigen Luzerner «Tatorten» die Nebenschauplätze teilweise eher nerviges Beigemüse waren (wir erinnern uns leicht ratlos an die lesbische Affäre von Kommissarin Ritschard), tragen sie dieses Mal einen grossen Teil zum guten Gesamteindruck bei. Sogar Flückigers Liebelei. Ganz am Ende steht er plötzlich mit gepacktem Koffer vor Evelines Wohnung und will der Beziehung (endlich) etwas Verbindliches geben. Fertig Hausboot, hallo gemeinsame Wohnung. Vielleicht nicht gerade ein «zweites Leben», aber zumindest ein neues.

Aber auch dieser kurze Lichtblick soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese «Tatort»-Folge schwere Kost ist. Eine, die einem etwas auf den Magen schlagen kann. Aber gerade im Herbst darf es ja s mal etwas deftiger sein. Und der Herbst ist da.

Hinweis

«Tatort – Zwei Leben». Sonntag, SRF 1, 20.05

Bilderserien zum Artikel (1)

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    12. Tatort aus Leben - «Zwei Leben»: Der Trailer

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