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Ein Abend voller Emotionen und ohne Grenzen

Cellist Mischa Maisky feierte seinen Geburtstag mit den Festival Strings Lucerne. Dabei gab es eigenwillige Interpretationen und auch überraschende Klangfarben.
14.01.2018 | 08:20

«Happy Birthday» wünschte Dirigent Daniel Dodds am Freitagabend dem Cellisten Mischa Maisky, der am Mittwoch seinen 70. Geburtstag gefeiert hat (siehe Interview in der Donnerstagsausgabe). Er fühle sich nicht wie 70, sondern eher wie 45, meinte Maisky, und er habe schon seinen 60., nein, 35. Geburtstag vor zehn Jahren in Luzern gefeiert. In diesem Saal mit dem grossartigen Publikum und dem unglaublichen Orchester sei das wunderbar.

Die zahlreichen Besucher feierten den Künstler mit stehenden Ovationen und Bravorufen. Dass Maisky die Zugabe, «Nocturne» von Tschaikowsky, dann auch nicht alleine, sondern mit den Festival Strings Lucerne zusammen spielte, zeigte seine Verbundenheit mit dem Orchester.

Jeder Ton wie ein inniges Wort gestaltet

Mit «Prayer» aus dem Zyklus «From Jewish Life» des Schweizer Komponisten Ernest Bloch hatte Maisky ein hoch emotionales Werk ausgesucht, das in der Fassung mit Streichorchester noch intensiver wirkte als mit Klavier. Vor allem weil die Festival Strings dem Solisten die Klangfarben so zart schwebend unterlegten, dass der Cellist jeden Ton wie ein inniges Wort ausgestalten konnte. Die darauf folgenden Rokoko-Variationen von Tschaikowsky mit ihren vielen Schattierungen sind eine Hommage an Mozart, den der russische Komponist zutiefst verehrte. Schon in der kurzen Orchestereinleitung mit klangschönem Hornsolo zeigten die Festival Strings ihre unglaubliche Flexibilität, über der sich Mischa Maisky in voller Freiheit entfalten konnte.

Seine bisweilen raue Tongebung, seine virtuosen Trillerkaskaden und die Feinheiten im Flageolett beeindruckten und fügten sich zu einer eigenwilligen Interpretation zusammen, die jede Variation zu einer fast opernhaften Inszenierung machte. In Variation 6 schwelgte Maisky in den melancholischen Themen, während die Streicher das heikle Pizzicato traumwandlerisch präzise dazu spielten und die Holzbläser Melodien wie ein Echo aufscheinen liessen, bis sich über dem lang ausgehaltenen tiefen Ton des Cellos das Orchester wie ein Abgesang ausblendete. Vehement virtuos stürzten sich Solist und Orchester dann in die letzte Variation, worauf der oben erwähnte Jubel ausbrach.

Trillerfiguren und unheimliche Bassoktaven

Beginn und Ende des Konzertes waren den Festival Strings vorbehalten. Mit der Suite aus «Belsazar» von Jean Sibelius entführten Daniel Dodds und seine Musiker in orientalische Gefilde, die vom finnischen Komponisten farbenreich komponiert worden sind. Wie aus der Ferne näherte sich die «Prozession». Mit Trillerfiguren der Violinen, unheimlichen Bassoktaven und dem ostinaten Rhythmus von grosser Trommel, Becken, Triangel und Schellenkranz, steigerte sie sich immer mehr und entfernte sich wieder.

Klagend spielten dann Viola und Cello solistisch zu wiegenden Streicherklängen das «einsame Lied», bevor sich in der «Nachtmusik» wundersame Melodien der Flöte über liegenden Streicherklängen zart emporschwangen. «Khadras Tanz» lebte von pulsierend leichtfüssigen Rhythmen, die transparent von den Streichern ausgespielt wurden. Dazu charakterisierten die Holzbläser die Dramatik des tödlich endenden Tanzes. Die Festival Strings machten diese Suite zur faszinierenden Reise in unbekannte Gefilde voll überraschender Harmonien und Wendungen.

Nach der Pause zeigten Dodds und Orchester ihre Klangkultur und ihren transparenten Stil eindrücklich in Mozarts Sinfonie Nr. 36 C-Dur KV 425. «Linzer» genannt, weil Mozart sie in vier Tagen in Linz komponiert hatte, bestach sie in dieser Interpretation durch den weichen und doch kraftvollen Streicherklang, der bis in kleinste Verzierungen kompakt war. Oboe und Fagott glänzten im Menuett mit feinem Zwiegesang, Trompeten und Pauken setzten subtile Akzente.

Wie Dodds die zuweilen melancholisch dramatischen Harmonien vorbereitete und ausmalte, war phänomenal. Zupackend und zugleich filigran ging er das Presto an. Spielerisch schien es an diesem beglückenden Abend ohnehin keine Grenzen zu geben.

 

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch

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