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Eine Nacht im Zelt

Übrigens

Kulturredaktor Michael Graber über seinen Kampf mit dem Zelten.
19.06.2017 | 05:00

Zu den Dingen, von denen ich dachte, dass ich sie nie mehr im Leben machen müsse, gehörte Zelten. Letztmals zeltete ich in den frühen Nullerjahren am Open Air St. Gallen, davor zahlreiche Jahre in der Pfadi. Und seien wir ehrlich: Richtig lustig war es nie. Spätestens wenn am Morgen die Sonne brannte, wurde es ungemütlich. Und wie es in einem Zelt mit nachtaktiven Menschen riecht, kann man sich ja denken – oder vielleicht lieber nicht.

Mit einsetzendem Arbeits­leben hatte ich genügend Geld, um Zelt gegen Hotelzimmer einzutauschen. Mit Bett, Dusche und WC. Ade Zelt, jubilierte ich. Bis vor zwei Wochen. Die Spielgruppenleiterin meines Sohnes hatte die Idee, dass doch alle Väter mit ihren Kindern im Wald zelten könnten.

Und der Sohn wollte tatsächlich dahin. Es sei doch sicher lustig. Also: Zelt organisiert, Schlafsack entstaubt, Luftmatratze eingepackt. Über dem Feuer wurden Würste gebraten und Teigwaren gekocht, die Kinder rannten mit Taschenlampen rum, wir diskutierten. Kurz: Es war richtig schön. Jetzt erinnerte ich mich, was jeweils der Reiz am Zelten war: alles, was ausserhalb des Zelts stattfindet.

Als ich zum Sohnemann ins Zelt stieg, war ich zufrieden. Und daran änderte sich auch nichts, als um halb fünf die Vögel in einen kollektiven Schreikrampf verfielen und an Schlaf nicht mehr zu denken war. Doch: Dieses Zelten ist noch toll. Noch toller wäre es ohne Zelt. Aber alles kann man halt nicht haben.

Michael Graber

michael.graber@luzernerzeitung.ch

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