Kultur
12.08.2017 10:14

Dem Filmfestival Locarno fehlte es ein wenig an Glanz

  • Der Piazza Grande fehlte auf der Leinwand und der Bühne ein wenig die Grandezza.
    Der Piazza Grande fehlte auf der Leinwand und der Bühne ein wenig die Grandezza. | Bild: Urs Flüeler/KEY (Locarno, 10. August 2017)
BILANZ ⋅ Heute geht das Filmfestival Locarno zu Ende. Im Gespräch mit Christian Jungen, Filmjournalist und Leiter der Kulturredaktion der «NZZ am Sonntag», blicken wir auf die 70. Ausgabe zurück.

Andreas Stock: Seit vielen Jahren berichten wir beide vom Filmfestival Locarno. Diese 70. Ausgabe war zwar ein guter Jahrgang, er hinterlässt aber auch ein schales Gefühl. Es fehlte sowohl im Abendprogramm auf der Piazza Grande also auch im Internationalen Wettbewerb an ein, zwei Filmen, die alles überstrahlten. Was hast Du für einen Eindruck vom diesjährigen Festival?

Christian Jungen: Ich teile diese Einschätzung. Es hat aber nicht nur diesen einen, herausragenden Film nicht gegeben, es fehlte auch an guten, gehobenen Filmen, wie früher «The Full Monty» oder «Das Leben der anderen»; Filme, die Grandezza haben. Mittlerweile ist auch nicht mehr so klar, was ein Film auf der Piazza von einem im Wettbewerb unterscheidet. Und weil man keine Hollywood-Filme mehr bekommt, entsteht ein Vakuum.

Stock: Das ist tatsächlich ein Problem. Letztes Jahr gab es immerhin «Le ciel attendra», der eine gesellschaftliche Brisanz hatte, und es gab den Cannes-Gewinner «I, Daniel Blake» von Ken Loach, der den Publikumspreis gewonnen hat.

Jungen: Das sollte man wieder tun, die besten Filme von Cannes auf der Piazza Grande zeigen. Ich verstehe nicht, warum Festivaldirektor Carlo Chatrian da zögert. Frühere Direktoren haben es auch getan und sind gut gefahren.

Stock: Auf die Piazza gehören Filme, die das Kino feiern und das Publikum begeistern. Darum ist mir unverständlich, dass das poetische Märchen «Wonder­struck» von Todd Haynes nicht auf der Piazza gezeigt wurde. Man hat Haynes auf der Piazza zwar einen Ehrenleoparden verliehen, aber seinen neusten, grossartigen Film zeigte man dort nicht. Doch kommen wir zum Wettbewerbsprogramm. Das war dieses Jahr zugänglicher, ungewöhnliche Erzählformen gab es weniger. Hingegen waren vier Dokumentarfilme zu sehen. Das ist eigentlich zu viel.

Jungen: Wenn es stimmt, dass ein Festival ein Seismograf dafür ist, wie es um die Filmkunst steht, sagt das etwas über eine Krise im Spielfilm aus – das war bereits in Cannes ein Thema. Ich gehe seit 17 Jahren nach Cannes, und dieses Jahr war es der schwächste Jahrgang. Beim Dokumentarfilm steht Locarno wohl weniger in Konkurrenz mit anderen Festivals. Es ist jedoch unglücklich, wenn sich Locarno so aus der Affäre ziehen will. Es gibt hier die Dokfilmreihe «Semaine de la critique». Zudem haben wir in der Schweiz das Dokumentarfilmfestival Visions du Réel, und das Zurich Film Festival hat ebenfalls einen Dokfilm-Wettbewerb. Zu viele Dokumentarfilme weichen das Profil von Locarno auf.

Stock: Es wird dann auch für die Jury schwierig, die Äpfel mit Birnen vergleichen soll, wenn es um die Preisvergabe geht.

Jungen: Es gibt noch ein zweites Indiz für die Krise des Spielfilms. Das ist nun das dritte Jahr hintereinander, in dem jeweils nur ein Schweizer Film im Internationalen Wettbewerb läuft. Das gab es zuvor in der Geschichte des Festivals nicht; selbst in schwachen Jahren waren zwei Schweizer Filme der Normalfall. Es deutet darauf hin, dass es schwierig geworden ist, im Spielfilm noch Qualität zu finden. Also von einem Aufbruch im Schweizer Film, der gerne behauptet wird, merke ich hier nichts.

Stock: Nein, und er zeigt sich auch nicht in anderen Sektionen des Festivals. Es war nicht so, dass irgendwo ein Schweizer Film versteckt gewesen wäre, der in den Wettbewerb gehört hätte. Natürlich hätte man «Das Kongo Tribunal» von Milo Rau nehmen können, das ist ein starker Film. Aber es wäre noch ein Dokfilm mehr gewesen, und er passte in die «Semaine de la critique».

Jungen: Was mich zum Schmunzeln bringt, ist der Umgang von Locarno mit dem Star-Begriff. Nachdem Marco Solari gebetsmühlenartig gesagt hatte, «die Stars sind die Filme», macht man sich eher lächerlich damit, wie man mitten im Sommer in der Ferienzeit vergeblich versucht, prominente Gäste zu bekommen, und dann abgehalfterte Stars wie Nastassja Kinski auf die Bühne bringen muss. Oder findest Du das gut, ist das ein Stück Filmgeschichte für Dich?

Stock: Nein, das ist wirklich schwierig und im Fall von Nastassja Kinski ja eher traurig. Aber der Auftritt von Fanny Ardant oder Mathieu Kassovitz war charmant.

Jungen: Aber ist Kassovitz ein Star? Wenn man auf dem Bahnhof hundert Leute fragt, kennt ihn vielleicht einer. Ich habe früher ja immer Stars gefordert, aber vielleicht sollte sich Locarno überlegen, eher darauf zu verzichten, und sich vom Druck befreien, jeden Abend irgendjemandem noch einen Leoparden in die Hand zu drücken. Was Carlo Chatrian aber sehr gut pflegt, ist die Filmgeschichte. Es kommen namhafte Filmschaffende, von denen frühere Arbeiten gezeigt werden und die über ihre Arbeiten sprechen. Das ist sehr bereichernd.

Stock: Ja, wer sich für Filmgeschichte interessiert, kann Entdeckungen machen. Ob letztes Jahr mit unbekannten deutschen Filmen der Nachkriegszeit oder diesmal mit der Retrospektive zu Jacques Tourneur. Doch noch ein Blick in die Zukunft. Das Filmzentrum «Pala-Cinema» mit den drei neuen, ausgezeichneten Kinosälen sehe ich als wichtigen Schritt für Locarno. Zumal man auch das Jahr über mehr für den Film tun will, mit Seminaren und einem Ableger der Cinémathèque Suisse, das stärkt das Festival. Die Infrastruktur für die nächsten Jahre ist damit gesichert.

Jungen: Ja, ich bin auch begeistert von den neuen Kinos. Jetzt muss man nur noch die Filme dafür bekommen. Denn ein Riesenthema ist die Veränderung auf Produzentenebene, das hat sich bereits in Cannes gezeigt. Netflix und Amazon sind als Filmproduzenten heute bereits mächtiger als die meisten grossen Hollywoodstudios. Locarno hat eine abwehrende Haltung, weil man sagt, das sei kein Kino. Doch dieses Rad kann man nicht mehr zurückdrehen. Woody Allen und Marc Forster drehten für Amazon, Martin Scorsese und David Fincher für Netflix. Und noch etwas anderes, was mir auf der Piazza Grande aufgefallen ist: Früher habe ich hier noch ein jüngeres Publikum gesehen als heute. Hast Du das Gefühl, es gibt eine Erneuerung des Stammpublikums? Gelingt das Locarno?

Stock: Ich bin mir nicht sicher. Auf der Piazza hat es tatsächlich an jungem Publikum gefehlt, was mit dem Programm zu tun haben kann. Ansonsten habe ich junge Menschen gesehen. Aber es ist eine Herausforderung, dass man für ein junges Publikum interessant bleibt. Man hat dieses Jahr einen Beirat mit Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren eingeführt, die dem Festival sagen sollen, was ihnen fehlt und was es für ein junges Publikum braucht.

Jungen: Das Publikum ist im Vergleich zu vor zwanzig Jahren einfach viel anspruchsvoller geworden. Es ist nicht mehr wie damals für uns ein Ereignis, ins Tessin zu reisen. Heute reisen die jungen Filmjournalisten ans Festival nach Toronto. Auch die Möglichkeiten, Filme zu sehen, sind heute viel grösser. Die Filmgeschichte findet man per Mausklick im Internet. Die Stärke von Locarno ist immer noch, dass es ein Fest des Kinos ist. Und es ist nicht gut, wenn dieses Fest ein wenig glanzlos ausfällt, wie in diesem Jahr.

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