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KLASSIK

Mischa Maisky : «Ich musste wieder lernen zu leben»

Mischa Maisky feiert seinen 70. Geburtstag leicht verspätet mit einem Konzert morgen im KKL. Und er verrät, warum er nicht der beste, aber der «glücklichste Cellist» der Welt ist.
11.01.2018 | 07:58

Interview: Roman Kühne

kultur@luzernerzeitung.ch

Mischa Maisky, Sie feierten gestern Ihren 70. Geburtstag. Hat dies eine Bedeutung für Sie?

In absoluten Zahlen ja, aber Alter ist immer relativ. Für mich war der 7. November 1972 der Start in mein richtiges, zweites Leben. Es war der Tag, als ich, nach zwei Jahren Gefangenenlager, aus der Sowjetunion in die westliche Welt ausreiste. Ich musste alles wieder lernen, hatte seit zwei Jahren nicht mehr auf dem Cello gespielt. Zum ersten Mal fühlte ich mich richtig frei. Irgendwie war es wie nach einem Schlaganfall. Ich musste erst wieder sprechen, kommunizieren, ja leben lernen.

Also fühlen Sie sich erst knapp 46 Jahre alt?

Ich war 24 Jahre alt, als ich aus der Sowjetunion kam, und ich habe mich sehr alt gefühlt. Ich hatte den Eindruck, alles verpasst zu haben, auch in der Musik. Ich traf auf 11-Jährige, die Konzerte gaben, während ich mich erst wieder ans Cello herantasten musste. Der Komiker George Burns sagte zu seinem 90. Geburtstag: «Ich hatte ein wunderbares Leben, und ich hoffe, dass die zweite Hälfte sogar noch besser wird.» Er hat mit 97 Jahren noch einen langjährigen Vertrag für Auftritte in Las Vegas unterzeichnet. Diese Haltung finde ich grossartig. Meine grösste Ambition ist lange zu leben, aber jung zu sterben, jung im Geiste, voll von Ideen, Leben und Musik.

Hallen die zwei Jahre Lager bis heute nach?

Nachdem meine Schwester nach Israel ausgewandert war, stand ich in Russland unter verstärkter Beobachtung. Bald wurde ich unter einem Vorwand ins Gefängnis geworfen und ins Arbeitslager gesteckt. Für 14 Monate habe ich Zement geschaufelt, statt Cello zu spielen, mein «Beitrag» zum sowjetischen Aufbau. Der Wechsel in den Westen war viel prägender als die Zeit im Lager. Ich würde mich nie als den «besten Cellisten» bezeichnen. Wenn ich mein Leben anschaue, so fühle ich mich als «glücklichster Cellist» der Welt. Aber wenn einem plötzlich ein zweites Leben geschenkt wird, ist die Dankbarkeit sehr stark.

Zu diesem Glück trugen auch Ihre zwei Cellolehrer bei?

Ich durfte mit zwei grossen Cellospielern der damaligen Zeit studieren, in Russland mit Mstislaw Rostropowitsch und in den USA mit Gregor Piatigorsky. Beide waren auch tolle Menschen. Rostropowitsch war immer schon mein Idol und in meinem ersten Leben wie ein zweiter Vater. Er hat mir ein paar Jahre vor seinem Tod bestätigt, dass ich wie sein Sohn für ihn sei, sein hochbegabter Sohn (lacht). In Amerika war ich vier Monate bei Piatigorsky. Dies scheint kurz, aber wir verbrachten jeden Tag Stunden miteinander. Es war die beste Zeit meines Lebens. Wir haben musiziert, diskutiert und Schach gespielt.

Das Menschliche war Ihnen immer sehr wichtig?

Unbedingt. Dies ist die Grundvoraussetzung für mein Musizieren. Bei mir gehen Musik und der Mensch immer zusammen. Ich habe über 20 Konzerte mit Leonard Bernstein gegeben. Er war ein grossartiger Musiker, aber fast noch faszinierender als Mensch. Oder meine Freundschaft zum Pianisten Radu Lupu, mit ihm habe ich noch als Student die kompletten Beethoven-Sonaten aufgeführt. Das Poster von diesen Konzerten ist das einzige, was mir von Russland blieb.

Auch mit Martha Argerich treten Sie, unter anderem in Luzern, häufig auf.

Seit 42 Jahren treten wir zusammen auf. Diese Bekanntschaft allein würde reichen, um ein erfülltes, wertvolles Leben zu führen. Vom Moment an, als wir uns trafen, war es so natürlich, mit ihr zu spielen. Obwohl wir einen völlig verschiedenen Hintergrund haben, hat es bei uns gepasst, persönlich und musikalisch. Wir verbringen Nächte mit Gesprächen, aber wenn wir musizieren, fällt kaum ein Wort. Wir fühlen uns beide sehr frei, sind spontan. Wir wissen, dass der andere nicht nur folgen wird, sondern dich schon vorwegahnt. Martha Argerich ist für mich eine der grössten Musikerinnen überhaupt.

Ihren 70. Geburtstag feiern Sie morgen mit einem Konzert in Luzern, wie schon den 60.

Ich habe eine starke Bindung zu Luzern. Eines meiner Kinder wurde in Luzern geboren. Und schon vor 10 Jahren, bei meinem 60. Geburtstag, konzertierte ich in Luzern. Damals hat Benjamin Yusupov ein Cello-Konzert für mich geschrieben, das ich zusammen mit dem Luzerner Sinfonieorchester aufgeführt habe.

Morgen spielen Sie mit den Lucerne Festival Strings im KKL Tschaikowsky und Ernest Bloch.

Ich wollte, neben dem Klassiker, noch etwas Schweizerisches machen. Ich habe sein Werk «From Jewish life» (1924) kürzlich mit Klavier aufgenommen, zusammen mit meiner Tochter. Ich mag Bloch sehr gut. Der Schweiz-Amerikaner ist ein stark unterschätzter Komponist. Vor allem seine «Hebräische Rhapsodie» ist ein fantastisches Werk.

Hinweis

Festival Strings Lucerne und Mischa Maisky, Freitag, 12. Januar, 19.30 Uhr, KKL, Luzern.
www.festivalstringslucerne.org

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