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STREET PARADE

Wenn das Leben laut wird

Der zum 26. Mal stattfindende Monsteranlass am Zürcher Seebecken steht auch für akustischen Exzess. Doch überdrehte Lautstärke ist ein uraltes Mittel der Manifestation.
12.08.2017 | 10:10

Beda Hanimann

Ein anderes Wort für Street Parade? Noch in dreissig Kilometern Entfernung vom Zürichsee auf den Höhen des Tösstals hört man jeweils das Wummern der Boxen, da ist das Synonym angebracht: Ein anderes Wort für Street Parade ist laut. «Die Masse pulsiert im Rhythmus der Technomusik. An die 30 riesige Wagen, die so genannten Love Mobiles, tuckern durch die Menschenmenge, beladen mit wattstarken Anlagen, Discjockeys und Tanzenden. Dumpfe Rhythmen in hämmernd schnellen Schlägen dominieren den Sound.»

So steht es im Buch «Schweizer Feste und Bräuche» des Volkskundlers Albert Bärtsch. Dass die Zürcher Street Parade neben dem Geisslechlepfen in Schwyz, dem Silvesterchlausen in Urnäsch oder dem Chalanda­marz im Engadin als Teil der «Volksfestkultur im Jahresablauf» (dies der Untertitel des Buches) gewürdigt wird, überrascht nur auf den ersten Blick. Tatsächlich hat der Auftritt der Raver durchaus Berührungspunkte mit alten Bräuchen.

Von den Kuhschellen zur Soundanlage

Die Volkskunde definiert eine eigene Kategorie von Lärmbräuchen. Als Klangerzeuger kamen dabei alle erdenklichen Gerätschaften des Alltags in Frage. Laut Bärtsch wurden im alpinen Raum schon im 12. Jahrhundert Kuhschellen als Lärm- und Klanginstrumente für rituelle Auftritte verwendet. Das elektronische Wummern am Zürcher Seebecken ist im Grunde nichts weiter als die Weiterentwicklung dieses Gebarens mit modernen Mitteln.

Meist wurden die alten Lärmbräuche in Verbindung gebracht mit dem Vertreiben von Dämonen und dem Überwinden von Winterkälte und Unfruchtbarkeit. Besonders die zahlreichen Fasnachtsbräuche, Klassiker des Lärm-Genres, sind darüber hinaus überdrehte Proteste gegen das Gängige, ein Ausbrechen aus dem gewohnten Ablauf. Lärmbräuche sind meist Einspruch, Aufstand, Widerstand, Aufbegehren, eine Gegenwelt zum Alltäglichen. Die Street Parade mit ihren aufreizenden Kostümen oder Anti-Kostümen, mit ihrem alle Grenzen sprengenden Sound inmitten der Geschäftshäuser passt bestens in diese Reihe. «Wenn in Zürich Street Parade ist, wird die Provokation zum Normalfall», schreibt Beat A. Stephan im Buch «Feste im Alpenraum».

Die Hierarchie der Akustik

Andere Experten interpretieren den Hang zum Lärm allgemeiner. Der angeblich kultische Lärm werde ausserhalb des klassischen Brauchtums überall laut, «wo exaltierte Massen ausser Rand und Band geraten», heisst es etwa in Hans Mosers Aufsatz «Volksbräuche im geschichtlichen Wandel». Das sei heute auch in Fussballstadien und Discos der Fall. Oder eben an der Street Parade. Für Sieglinde Geisel, Autorin eines Buches mit dem Titel «Nur im Weltall ist es wirklich still», ist Lärm ein Ersatz für Macht, «die einem im wirklichen Leben versagt bleibt». Er sei ein Mittel, um uns zumindest für eine kurze Zeit «von den Hemmungen und Beschränkungen der Zivilisation zu befreien».

Dass Lärm und akustische Überdrehtheit dabei eine zentrale Rolle spielten und spielen, lässt sich mit der in der Gesellschaft verankerten Hierarchie der Akustik erklären. Das «Pst!» von Eltern und Lehrern, wenn die Kleinen mal wieder zu laut werden, spricht für sich. Es suggeriert, dass das Leise der Normalzustand ist, gesellschaftliche Konvention, das Laute dagegen deren Missachtung. Das wird mannigfach untermauert durch unseren Sprachgebrauch. Der Begriff leise steht oft auch für natürlich, zivilisiert, feinsinnig, überlegt oder diskret, während laut Eigenschaften wie unnatürlich, rücksichtslos, rebellisch, grob oder impulsiv versinnbildlicht.

Da ist es kein Wunder, dass das Laute sich anbietet, um aufzubegehren, auf sich aufmerksam zu machen, Gängiges in Frage zu stellen oder lächerlich zu machen. Und es ist auch logisch, dass Lautstärke das Symbol der Macht ist. Wer laut wird, stellt sich selbstbewusst gegen die Gesellschaftsnorm. Oder demonstriert, dass er bestimmt.

Lärm ist das Geräusch der anderen

Nun ist jedoch die Sache mit dem Lauten so eindeutig nicht. Laut und leise sind nicht minus und plus, sondern das ist eine stufenlose Skala. Lautstärke ist zwar mess- und also reglementierbar, letztlich aber bleibt sie subjektiv. Das ist der Grund für die unerschöpflichen Diskussionen und Streitereien darüber, ob die laute Musik an einem Sommerfest der Ausdruck von Lebensfreude ist oder doch nur pure Rücksichts­losigkeit. Im unterschiedlichen Umgang mit dem Lauten manifestiert sich seit je auch die menschliche Individualität. Kurt Tucholsky ist da nur beizupflichten. «Lärm», notierte er, «ist das Geräusch der anderen.»

Video: Street Parade: Wie sicher sind die Besucher?

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(Laura Zimmermann/sda, 12.08.2017)


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