Panorama
19.05.2017 07:54

Leo Karrer: «Es braucht solche Foren»

  • Leo Karrer, emeritierter Professor für Pastoraltheologie, wünscht sich auch in der Schweiz einen Kirchentag. «Die Kirche Schweiz hat wichtige Impulse zu geben», sagt er.
    Leo Karrer, emeritierter Professor für Pastoraltheologie, wünscht sich auch in der Schweiz einen Kirchentag. «Die Kirche Schweiz hat wichtige Impulse zu geben», sagt er.
GROSSANLASS ⋅ Es ist ein Ereignis mit internationaler Ausstrahlung: Über den Deutschen Evangelischen Kirchentag spricht ein Kenner aus der Schweiz. Er sagt, warum er auch hier eine ähnliche Veranstaltung begrüssen würde.

Interview: Vera Rüttimann

redaktion@luzernerzeitung.ch

Der Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin und Wittenberg vom 24. bis 28. Mai 2017 wird ein grosses Ereignis. Leo Karrer, emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg im Üechtland, ist durch eigene Erfahrungen ein Kenner der deutschen Kirchenszene und solcher Grossanlässe. Er wagt einen Blick zurück und nach vorn.

Zum Kirchentag in Berlin werden über 100000 Dauergäste erwartet. Welche Veranstaltungen werden besonders für Aufmerksamkeit sorgen?

Die Frage, wie Europa mit dem Zustrom der Flüchtlinge umgeht, wird im Zentrum vieler Diskussionen stehen. Und anders als noch beim Katholikentag in Leipzig im vorigen Jahr wird es diesmal eine Diskussion mit einer Politikerin der Alternative für Deutschland (AfD) geben. Das finde ich richtig, dass gerade auch diese Gruppe in den gesellschaftlichen Diskurs einbezogen wird. Gut finde ich auch, dass es im Französischen Dom am Gendarmenmarkt eine «ReformierBar» geben wird. Ein Projekt, an dem die Berliner Reformierten, die Waldenser, die Zürcher Reformierten und das Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich beteiligt sind. Spannend werden wohl auch Podien zu Themen wie «#SmartChurch – Kontinent Internet ohne Kirche?». Gespannt bin ich zudem auf die Rede von Ex-US-Präsident Barack Obama am Brandenburger Tor. Wird auch er geistig Mauern einreissen wie Ronald Reagan, der 1987 an dieser Stelle forderte: «Tear down this wall!»?

Der Kirchentag in Berlin und Wittenberg findet teils auf dem Gebiet der ehemaligen DDR statt. Welchen persönlichen Bezug haben Sie zu dieser Stadt und zur Ex-DDR?

Ich war mehrfach in der DDR. Mitte der Siebzigerjahre schmuggelte ich einmal Bücher für Leute im Ordinariat nach Ostberlin. Ich hatte sie in meinen Mantel­taschen versteckt. Ich weiss heute noch, wie angespannt ich war, als ich die Grenze am Checkpoint Charly passieren musste. Dank meines Schweizer Passes ging das gerade noch gut.Die Teilung betraf auch meine Familie. Mein Schwager stammt aus Heiligenstadt im katholischen Eichsfeld. Als der Katholikentag 1956 in Köln war, flüchtete er nach Westdeutschland. Danach konnte er nicht mehr zurück zu seinen Verwandten. Zudem habe ich Freunde aus der ehemaligen DDR, u. a. Frank Richter, den heutigen Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche in Dresden. Ein unvergessliches Erlebnis war mir im wieder vereinten Berlin die kirchlich verbotene ökumenische Mahlfeier in der Gethsemanekirche am ökumenischen Kirchentag 2003, wonach Gotthold Hasenhüttl, welcher der Mahlfeier vorstand und den ich gut kenne, leider die Lehrerlaubnis entzogen wurde.

Welche Hoffnungen setzen Sie in dieses fünftägige Grossereignis?

Ich hoffe, dass die Menschen am Kirchentag in Berlin Mut und Kraft schöpfen können für den Langstreckenlauf ihres Lebens und dass sie erkennen, dass sie nicht alleine sind mit ihren Sehnsüchten. Es braucht Foren wie die Kirchentage und die Katholikentage, an denen ihre Anliegen wahrgenommen werden und sie eine Stimme erhalten. Bezüglich des Reformationsjubiläums 2017 hoffe ich, dass man am Kirchentag in Berlin und Wittenberg nicht nur einen rein geschicht­lichen Rückblick macht, sondern auch «Megafon» ist für die Herausforderungen der heutigen Zeit.

«Du siehst mich» lautet die Losung des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags. Welche Botschaft will er damit aussenden?

Eine tolle Losung! Es hat für mich folgende Bedeutungen: einander wahrnehmen, einander nicht vergessen und sich auf die Realitäten einlassen, die sich zeigen. Bei dieser Losung kommt mir auch die Bibelstelle von Exodus mit dem brennenden Dornbusch in den Sinn, wo Moses die Stimme aus dem brennenden Dornbusch fragt: Wie ist dein Name, wer bist du? Die Stimme sagt: «Ich bin der ‹Ich-bin-da›. Das bedeutet: Gott sieht die Not der Ägypter und verspricht, dass er mit ihnen den Weg der Befreiung mitgeht.»

Seit vielen Jahren plädieren Sie für einen gemeinsamen Kirchentag der deutschsprachigen Länder.

Ich kenne viele kirchlich engagierte Personen aus der Schweiz, die zum Kirchentag in Berlin reisen werden. Das zeigt mir: Solche kirchlichen Grossanlässe faszinieren auch bei uns! Ich denke, es geht vielen wie mir: Katholikentage und Kirchentage waren für mich immer schon eine enorme Horizonterweiterung und ein geniales Forum, wo man der ganzen Vielfalt von Projekten, Bewegungen und Vereinen begegnen kann. Eine Arbeitsgruppe um den Europapolitiker Sven Giegold und die Schweizer Theologin Christina Aus der Au beschäftigt sich seit 2013 mit der Idee eines europäischen Kirchentags, die ich sehr begrüsse. Erst einmal würde ich mir jedoch einen kirchlichen Grossanlass wünschen – das kann ein Kirchentag oder ein Katholikentag sein –, an dem sich zunächst Länder wie Deutschland und Österreich und die Schweiz beteiligen. Die Kirche Schweiz könnte dabei durchaus selbstbewusst auftreten, denn sie hat wichtige Impulse zu geben.

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