Schweiz
04.05.2017 12:12

Bischof Huonder: Progressive Katholiken sind schockiert über Papst-Entscheid

  • Bischof Vitus Huonder
    Bischof Vitus Huonder | Keystone
BISTUM CHUR ⋅ Der Entscheid von Papst Franziskus, Bischof Huonder zwei weitere Jahre im Amt zu lassen, sorgt unter progressiven Katholiken für Entsetzen. Dennoch geben Sie die Hoffnung auf einen Neuanfang im zerstrittenen Bistum nicht auf.

Dominik Weingartner
 

 

Die jüngste Nachricht aus Rom schlägt hohe Wellen in der katholischen Kirche. Der umstrittene Churer Bischof Vitus Huonder bleibt zwei weitere Jahre im Amt. Dies, obwohl er eigentlich die Altersgrenze von 75 Jahren am 21. April erreicht hat. Papst Franziskus hat Huonders Rücktrittsgesuch zwar akzeptiert, lässt ihn aber bis Ostern 2019 weitermachen. (Zum Interview mit Vitus Huonder »).

Dieser Entscheid sorgt für Aufruhr bei den Kritikern des konservativen Kirchenmanners. Martin Kopp, Generalvikar für die Urschweiz im Bistum Chur, sagt: «Der Entscheid erstaunt mich, weil es nicht üblich ist, dass die Amtszeit von Bischöfen wesentlich verlängert wird. Gerade unter Papst Franziskus nicht.»

Kopp hatte in der Vergangenheit aus seiner kritischen Sicht auf die Amtsführung von Bischof Huonder keinen Hehl gemacht und forderte die Einsetzung eines apostolischen Administrators als Übergangslösung für die Zeit nach Huonder. Dies sollte dem zerstrittenen Bistum einen Neuanfang ermöglichen. Auch nach dem jüngsten Papstentscheid gibt Kopp die Hoffnung auf einen Neuanfang nicht auf: «Der Papst will offensichtlich Zeit gewinnen für eine gute Entscheidung in Chur. Ich habe nach wie vor Hoffnung.» Die zwei verbleibenden Jahre der Amtszeit von Bischof Huonder müsse man Nutzen, um die Nachfolge «sorgfältig vorzubereiten, allseitig, nicht nur in Chur», so der Generalvikar.

Die Einsetzung eines apostolischen Administrators hält Kopp nach wie vor für möglich –einfach erst in zwei Jahren. Die Nachfolgevorschläge, die Bischof Huonder regelmässig nach Rom melden muss, hält Kopp für «nicht allzu bedeutungsvoll. Das ist eine Routineangelegenheit.» Für Martin Kopp ist nach wie vor klar: «Das Bistum Chur braucht einen Neuanfang. Ich vertraue auf den Papst, dass er ein waches Auge hat und Sorgfalt walten lässt.»

«Teilweise enttäuscht» von Papst Franziskus

Bei der Pfarrei-Initiative, die sich für eine Erneuerung der katholischen Kirche einsetzt ist man entsetzt über den Entscheid des Papstes. «Wir sind schockiert», heisst es in einer Medienmitteilung der Initiative. Sprecher Willi Anderau sagt auf Anfrage: «Der Bischof redet von einem Vertrauensbeweis des Papstes, das ist es aber sicher nicht.» In Rom kenne man die Situation im Bistum Chur. «Man weiss, dass die Angelegenheit heikel ist», so Anderau. Schlimm sei, dass erneut viel «Geheimniskrämerei» gemacht werde um die wahren Gründe für den Papstentscheid. «Man lässt die Deutung offen. Ich deute es so, dass in Rom mit Vorschlägen des Nuntius für einen Nachfolger für Bischof Huonder nicht zufrieden ist», sagt Anderau. «Man lässt nachspielen und hofft, dass es in der Nachspielzeit zu einer vernünftigen Lösung kommt. Ich hoffe, es kommt nicht zum Penalty-Schiessen.»

Von Papst Franziskus ist der Sprecher der Pfarrei-Initiative «teilweise enttäuscht.» Man könne den Entscheid aber auch positiv interpretieren, so Anderau. «Der Papst mutet dem Bistum zu, dass man selber zu einer vernünftigen Lösung kommt. Also quasi ein Vertrauensbeweis für die Menschen im Bistum und nicht für Huonder.» Damit das gelingen könne, brauche es aber mehr Kompetenzen für die Basis im Bistum. «Es braucht mehr Transparenz. Die Basis muss mitreden dürfen beim Wahlverfahren», fordert Anderau. Wenn der Papst wolle, dass das Bistum selber eine Lösung findet, müsse er sich auch für solche Reformschritte einsetzen. «Wer A sagt muss auch B sagen», sagt Anderau.

«Es besteht die grosse Gefahr, dass noch mehr Gläubige resignieren»

Werner Inderbitzin, Schwyzer Alt-Regierungsrat und jetziger Aktuar der Biberbrugger Konferenz, sagt, dass man davon habe ausgehen müssen, dass es zu einer «befristeten Amtsverlängerung kommen wird.» Die Biberbrugger Konferenz ist die Vereinigung der Kantonalkirchen des Bistums Chur. Inderbitzin sagt, weiter, dass es überraschend sei, dass die Amtszeit um zwei Jahre verlängert wird. «Eine Erklärung zu diesem Entscheid des Papstes gibt es nicht. Man kann nur mutmassen und allen Spekulationen werden Tür und Tor geöffnet», so Inderbitzin. Und er lässt Unmut durchblicken: Alle die gehofft hätten, dass innert eines Jahres neuer Churer Bischof gewählt werde, der die Voraussetzungen mitbringe, um das «zerrissene Bistum zu einen» würden enttäuscht sein, so Inderbitzin. «Es besteht die grosse Gefahr, dass noch mehr Gläubige resignieren.»

Jetzt soll es der Nuntius richten

Weniger überrascht vom Papst-Entscheid zeigt man sich bei der Allianz «Es reicht!». Andreas Heggli, Mitglied im Koordinationsteam der Allianz sagt: «Das war eine der Varianten mit der man rechnen musste.» Die Allianz hatte wie Generalvikar Kopp die Einsetzung eines apostolischen Administrators gefordert. «Nach aller Wahrscheinlichkeit wird es diesen auch in zwei Jahren nicht geben», sagt Heggli. Diese Variante sei vom Tisch. Die Forderungen der Allianz richteten sich demnach an den nächsten Bischof. «Wir brauchen einen Brückenbauer, jemanden der von der Seelsorge her kommt, die Lebensrealität der Menschen kennt und weiss, wo den Leuten der Schuh drückt und als Kirche darauf reagiert», so Heggli.

Bei der Wahl Huonders im Jahr 2007 standen dem Churer Domkapitel drei Kandidaten auf dem Wahlticket. Neben zwei unbekannten Kirchenmännern stand der Name des langjährigen Generalvikars des Bistums Chur, Vitus Huonder, auf der Liste. Die Wahl wurde deswegen im Nachgang als Farce bezeichnet. Droht dieses Szenario auch bei der Wahl des Nachfolgers von Bischof Huonder? «Es mag vielleicht überraschend klingen, aber ich vertraue dabei auf den päpstlichen Nuntius», sagt Andreas Heggli. Der päpstliche Gesandte in Bern, Thomas E. Gullickson, gilt als erzkonservativ. Nuntius Gullickson habe bei einem Gespräch mit Allianz in Bern durchblicken lassen, dass er Spielchen wie 2007 verhindern will. «Er hat Kritik an der letzten Bischofswahl geäussert und versichert, dass er das nächste Mal eine echte Wahl ermöglichen will. Er will drei wählbare Kandidaten auf die Liste setzen, was allerdings noch nichts über deren Eigenschaften sagt», so Heggli. 

Wichtig sei aber vor allem, betont Heggli, dass sich nun die Schweizer Bischofskonferenz der verfahrenen Situation im Bistum Chur und auf die «verheerenden Auswirkungen auf die katholische Kirche in der Schweiz generell» annehme. «Die Bischofskonferenz muss ihre vielen Kanäle nutzen, um für einen Neuanfang im Bistum Chur einzutreten», fordert Heggli.

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