Schweiz
08.04.2017 04:37

Scheitern eines Schweizer Revolutionärs

  • Robert Grimm hat unter anderem den Aufruf zum Generalstreik 1918 verfasst. Hier ist er um 1920 bei einer Rede vor dem Bundeshaus in Bern zu sehen. Bild: Keystone
    Robert Grimm hat unter anderem den Aufruf zum Generalstreik 1918 verfasst. Hier ist er um 1920 bei einer Rede vor dem Bundeshaus in Bern zu sehen. Bild: Keystone
SOZIALISMUS ⋅ Der Schweizer Robert Grimm – und nicht Lenin – war noch im Frühling 1917 der führende Kopf der internationalen Antikriegs-Linken. Doch er ruinierte seine Position mit einer geheimdiplomatischen Mission.

Simon Thönen

Mit dem Einverständnis des deutschen Oberkommandos reist im April 1917 ein sozialistischer Revolutionär im Zug durch Deutschland. Das Ziel ist Petersburg. Nein, diesmal handelt es sich nicht um Lenin. Nur eine Woche nach dem Anführer der russischen Bolschewiki ist auch der Schweizer Sozialdemokrat ­Robert Grimm auf dem Weg dorthin. Grimm ist damals der führende Kopf der Zimmerwaldner Bewegung, jener Minderheit der europäischen Sozialdemokraten, die sich nicht damit abfinden will, dass die meisten Genossen den Krieg ihrer Regierungen unterstützen.

Das Entsetzen darüber, dass die Arbeiter den Klassenkampf vergessen haben und sich willig «auf die Schlachtbank» führen lassen, eint Grimm und Lenin. Doch sie mögen sich nicht, weder persönlich noch politisch. Grimm und die Mehrheit der Teilnehmer der zwei internationalen Konferenzen im bernischen Zimmerwald und Kiental wollen den Weltkrieg beenden. Auch sie sind überzeugt, dass das Proletariat die Macht erobern muss. Ob dies auf demokratischem oder revolutionärem Weg geschehen soll, lassen sie aber offen. Für Lenin jedoch gibt es nur den Weg: den sofortigen bewaffneten Aufstand und den nahtlosen Übergang vom Weltkrieg in den Bürgerkrieg.

Noch aber ist Lenin ein in seinem Heimatland Russland kaum bekannter Exilpolitiker, dem es nicht einmal gelungen ist, die eigene Partei hinter sein radikales Programm zu scharen. Grimm hingegen ist international als Kopf der Kriegsgegner bekannt. In Russland, wo gerade der Zar gestürzt wurde, verfolgt man unterschiedliche Ziele. Grimm will einen Friedensschluss mit Deutschland, um die Februarrevolution zu unterstützen. Er befürchtet eine Gegenrevolution, falls der für die russische Armee bereits verlorene Krieg andauert. Auch Lenin agitiert gegen den Krieg. Dies jedoch mit dem Ziel, die provisorische Regierung zu stürzen und mit seinen Bolschewiki die Macht zu ergreifen – im Alleingang.

Auch der Bundesrat ist verstrickt

Doch auch Grimm handelt im Alleingang – und in verheerender Selbstüberschätzung. Um die Ziele der Zimmerwaldner zu erreichen, bedient er sich der Geheimdiplomatie, welche er und seine internationalen Genossen doch gerade als eine der Kriegsursachen anprangern. Die Aktion wird gründlich schiefgehen – und nebenbei in der Schweiz auch den damals starken Mann im Bundesrat, den Freisinnigen Arthur Hoffmann, stürzen. Der deutschfreundliche Hoffmann und der Revolutionär Grimm lassen sich, wenn auch aus gegensätzlichen Motiven, auf ein Spiel zu zweit ein. Es ist so riskant, dass sie es vor Bundesratskollegen beziehungsweise Genossen verheimlichen. Dass der aufstrebende Kopf der oppositionellen Sozialdemokraten mit dem deutschfreundlichen Schweizer Aussenminister Kontakt aufnimmt, um zuerst – in revolutionärer Solidarität – die Reise Lenins nach Russland zu planen und danach seine eigene, ist nachvollziehbar – über Deutschland führt der einzig mögliche Weg. Doch Grimm und Hoffmann gehen noch viel weiter: Sie wollen in enger Absprache mit dem deutschen Botschafter in Bern, Gisbert von Romberg, einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Russland ermöglichen. Hoffmann und Grimm sollten dies später, wenig glaubwürdig, bestreiten. Bekannt wird das Ausmass der Geheimaktion erst Jahrzehnte später, als die Rapporte von Botschafter Romberg nach Berlin zugänglich werden.

Grimm hat vor seiner Abreise sogar ein Gespräch mit Romberg geführt: Er wünscht ein Friedensangebot von deutscher Seite mit «Verzicht auf Annexionen und Kriegsentschädigungen», das die Friedenspartei in Russland stärkt. Die Kommunikation soll über die vermeintlich sicheren Kanäle der Schweizer Botschaft in Petersburg und via Hoffmann erfolgen. Am 22. Mai 1917 kommen sie in Petersburg an – und werden begeistert begrüsst. Die Situation ist widersprüchlich. Die Sehnsucht nach Frieden ist gross – doch ein Separatfrieden mit Deutschland unpopulär. Grimm, der kein Russisch spricht, obschon er in erster Ehe mit einer Exilrussin verheiratet war, merkt, dass seine Möglichkeiten als Agitator begrenzt sind.

Geheimaktion ebnet den Weg für russische Militäroffensive

Um die sozialistischen Minister, die neu in die russische Regierung eingetreten sind, zu beeinflussen, bestellt er ein indirektes deutsches Friedensangebot. Am 26. Mai sendet er via Schweizer Botschaft ein chiffriertes Telegramm an Bundesrat Hoffmann. Die Aussichten für einen Frieden seien günstig, falls keine deutsche Offensive erfolge, rapportiert Grimm. Er bittet Hoffmann, ihn über die «Kriegsziele der Regierungen» zu unterrichten, «da die Verhandlungen dadurch erleichtert würden».

Hoffmann schickt sein chiffriertes Antworttelegramm am 3. Juni – einem Sonntag, damit möglichst wenige seiner Mitarbeiter davon erfahren. Deutschland werde keine Offensive unternehmen, solange eine Übereinkunft mit Russland möglich sei, teilt er mit. Der Rest ist das offiziöse deutsche Friedensangebot: Deutschland strebe keine Gebietsgewinne an, versichert Hoffmann. Auch wenn angetönt wird, dass Teile Polens und des Baltikums, die vor dem Krieg zu Russland gehörten, unter einer Art Autonomie abgetrennt werden sollen. Am 8. Juni informiert der Schweizer Botschafter in Petersburg Grimm über den Inhalt. Doch der kann damit nichts mehr anfangen. Schon am folgenden Tag muss Grimm dem Botschafter mitteilen, dass zwei russische Minister, mit denen er gesprochen hat, bereits wussten, dass Hoffmann ihn über die deutschen Kriegsziele informiert hatte. Um sich und Hoffmann nicht zu diskreditieren, stritt Grimm dies ab – und sollte sich mit dieser Lüge in der Folge immer tiefer in Widersprüche verstricken. Am 16. Juni wird das Telegramm via eine Stockholmer SP-Zeitung der Weltpresse zugespielt. Unter dem Druck von Grossbritannien und Frankreich, die der Schweiz unneutrales Verhalten vorwerfen, reicht Hoffmann am 18. Juni seinen Rücktritt als Bundesrat ein.

Die chiffrierte Depesche war vermutlich via einen Portier der Schweizer Botschaft in die Hände des französischen Rüstungsministers Albert Thomas gelangt. Thomas ist einer jener Sozialisten, die den Krieg fortsetzen wollen, ein Gegner der Zimmerwaldner. In Petersburg lobbyiert er, um Russland im Krieg zu halten. Der Schweizer Chiffrierschlüssel war wahrscheinlich schon zuvor geknackt worden. Grimm wurde bereits am 15. Juni aus Russland ausgewiesen. Er hatte mit der Geheimaktion seiner Sache geschadet. Nicht zuletzt die Ausweisung Grimms macht nun den Weg frei für eine russische Militäroffensive. Sie endet im Desaster – und ebnet den Bolschewiki den Weg zur Macht. Grimm sollte nachträglich mit seiner in Petersburg ausgesprochenen Warnung Recht behalten: «Wenn der Friede nicht sehr bald geschlossen wird, wird auf diesen Strassen noch sehr viel Blut fliessen, und zwar proletarisches.» Doch seine Genossen in der Zimmerwaldner Bewegung können seine Geheimaktion nicht gutheissen, auch wenn sie ihm achtbare Motive zugestehen. International ist Grimm politisch erledigt. Umso einfacher ist es für Lenin, die Zimmerwaldner Bewegung, die trotz klarer Antikriegshaltung die Brücken zur sozialdemokratischen Mehrheit nie abgebrochen hatte, durch die unversöhnliche Kommunistische Internationale zu ersetzen. Die Spaltung in Kommunisten und Sozialdemokraten wird die europäische Linke schwächen und 1933 die Machtübernahme Hitlers in Deutschland erleichtern.

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