Schweiz
10.04.2017 07:10

Steuergelder für staatliche Zuckerforschung

  • Schon mit dem morgendlichen Müesli wird oft viel zu viel Zucker gegessen.
    Schon mit dem morgendlichen Müesli wird oft viel zu viel Zucker gegessen. | Bild: Getty
ERNÄHRUNG ⋅ Das Volk konsumiert zu viel Zucker, findet der Bund. Nun tüftelt er selber an Rezepturen für weniger süsse Frühstücks-Cerealien und Joghurt – obwohl die Nahrungsmittelindustrie das Gleiche tut.

Kari Kälin

Die Schweizerinnen und Schweizer mögen es süss. Pro Tag konsumieren sie im Durchschnitt 120 Gramm Zucker, 70 Gramm mehr, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt.

Zu viel Zucker macht dick – und krank. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veranschlagt die ­direkten sowie indirekten Folgekosten von Übergewicht, Fettleibigkeit und Diabetes auf jährlich rund zehn Milliarden Franken.

Das BAG und das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) haben deshalb die «actionsanté» ins Leben gerufen. Ein wichtiges Ziel: Die Wirtschaft soll gesündere Lebensmittel herstellen. Einen Meilenstein feierte Bundesrat Alain Berset (SP) am 4. August 2015. An der Weltaustellung in Mailand unterzeichnete der Gesundheitsminister mit zehn Unternehmen eine Absichtserklärung. Die Vorgabe: Bis 2018 sollen die Nahrungsmittelhersteller den Zuckergehalt in Frühstücks-Cerealien – als Müesli, Cornflakes und Co – sowie Joghurt senken, dies auf freiwilliger Basis. Mit an Bord sind zum Beispiel Nestlé, die Migros, Coop und der Milchverarbeiter Emmi.

Studie für bis zu 250 000 Franken

Der Bund begnügt sich dabei nicht in der Rolle des Ermunterers an der Seitenlinie, sondern betreibt gleich selber Lebensmittelforschung. Vor wenigen Tagen hat er einen Auftrag zur Erarbeitung einer Studie zum Thema Zuckerreduktion in Frühstücks-Cerealien öffentlich ausgeschrieben. Im Kern geht es um die Frage: Wie viel weniger Zucker können Frühstücks-Cerealien enthalten, damit die Kunden sie geschmacklich immer noch gut finden?

Die Anforderungen an die Studie, die bis Mitte 2019 erstellt sein muss, sind umfassend. Das Unternehmen, das den Zuschlag erhält, muss Frühstück-Cerealien mit weniger Zucker herstellen und sie danach von Konsumenten testen lassen. Zudem verlangt das BLV einen Schlussbericht und einen Leitfaden mit Empfehlungen zuhanden der Cerealien-Hersteller. Der Bund rechnet mit Kosten zwischen 150 000 und 250 000 Franken für die Studie.

Auf amtlichen Support können auch die Joghurtproduzenten zählen. Der Bund hat seiner eigenen Forschungsanstalt Agroscope den Auftrag gegeben, entsprechende Studien für Joghurt zu erstellen. Das Projekt werde derzeit definiert, die Kosten seien noch nicht bekannt, sagt BLV-Sprecherin Eva van Beek. Agroscope verfügt über Erfahrung in der Joghurtforschung. Die Anstalt führte schon früher Beliebtheitstests mit mehr und weniger gezuckerten Joghurts durch.

Derzeit enthalten Frühstücks-Cerealien pro 100 Gramm im Durchschnitt 17,6 Gramm Zucker, bei Joghurt sind es 9,4 Gramm. Dies geht aus einer Bestandesaufnahme des BLV hervor. Um wie viele Gramm das BLV den Zuckergehalt genau senken will, hat es noch nicht definiert. Es möchte aber die Unternehmen unterstützen, den Zuckergehalt in ihrer Produktion in «relevantem Umfang» zu senken, wie van Beek sagt.

In der Mailänder Erklärung listet der Bund gemeinsame Forschungsarbeiten als Formen der Zusammenarbeit auf. Bloss: Ist es eine Aufgabe der öffentlichen Hand, die Beliebtheit von weniger gezuckerten Frühstücks-Cerealien und Joghurt zu ergründen, wovon möglicherweise Milliardenkonzerne wie Nestlé profitieren? Liegt es nicht im eigenen Interesse der Lebensmittelindustrie, auf dem Markt mit gesünderen, aber gleichwohl geschmackvollen Produkten zu punkten? Die Antwort des BLV fällt ausweichend aus. Es er- arbeite Grundlagen als Basis für die Arbeiten der Unternehmen, um sie bei ihren freiwilligen Anstrengungen zu unterstützen, sagt Eva van Beek.

Klarer äussert sich Gesundheitspolitiker Joachim Eder. Der Zuger FDP-Ständerat hat zwar nichts gegen zuckerärmere Lebensmittel einzuwenden. Um dieses Ziel zu erreichen, brauche es aber keine Steuergelder. «Es liegt in der Verantwortung der Wirtschaft, gesunde Produkte herzustellen. Das kann auch ein Marketingtrumpf sein», sagt Eder. Zudem habe die Lebensmittelindustrie in der Vergangenheit immer wieder innovative Produkte auf den Markt gebracht.

Eine Umfrage unserer Zeitung bei Nestlé, Emmi, Migros und Coop bestätigt Eders Befund. Die Unternehmen haben in letzter Zeit diverse Anstrengungen unternommen, um den Zuckergehalt in ihren Produkten zu reduzieren.

Auch der Luzerner CVP-Ständerat Konrad Graber, Präsident der gesundheitspolitischen Kommission, setzt ein Fragezeichen hinter die staatlichen Forschungsaktivitäten zur Zuckerreduktion bei Frühstücks-Cerealien und Joghurt. «Die Firmen kennen die Bedürfnisse der Konsumenten besser. Es ist erfolgversprechender, wenn die Privatwirtschaft Forschung betreibt», sagt Graber. Das Grundanliegen der Mailänder Erklärung teilt Graber aber. Der Milchverarbeitungskonzern Emmi, deren Verwaltungsratspräsident Graber ist, hat das Abkommen mit dem Bund denn auch unterzeichnet.

Lobende Worte für die staatliche Lebensmittelforschung findet derweil die Genfer SP-Na­tionalrätin Laurence Fehlmann Rielle. «Das ist eine gute Investition, weil die Forschung des Bundes nicht von den Interessen der Nahrungsmittelindustrie geleitet, sondern unabhängig ist.» Fehlmann Rielle wirft den Nahrungsmittelherstellen vor, sich nicht genügend stark für eine Zuckerreduktion in Lebensmitteln einzusetzen. Sie begrüsst zwar die Erklärung von Mailand, bemängelt aber, dass diese keinerlei Verpflichtungen vorsieht.

Zuckersteuer in der Romandie hoch im Kurs

Fehlmann Rielle kämpft sogar für eine Zuckersteuer. «Das ist das effizienteste Mittel, um den Zuckergehalt zu drosseln.» Beim Bundesrat stiess sie mit diesem Anliegen bis jetzt aber auf taube Ohren. In der Romandie ertönt der Ruf nach einer Zuckersteuer indes immer lauter. Die Waadtländer Regierung will Süssgetränke besteuern, um die Zahnarztkosten für Kinder zu berappen. Und der Grosse Rat des Kantons Neuenburg hat eine Standesinitiative zu Gunsten einer Zuckersteuer gutheissen.

Kommentare

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10.04.2017 11:37

Der Bund soll doch das Geld mir geben. Dafür verrate ich ihm mein Rezept. Seit Jahren mache ich meine Frühstücksflocken selber und das ohne Zucker. Sie schmecken der ganzen Familie.

Evelin Buholzer, ⋅ Beiträge: 1
» antworten
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11.04.2017 12:07

Unsere Gesellschaft ist gemäss zuverlässiger und seriöser Studie zu schwer und die Anzahl der Übergewichtigen steigt stetig. Die daraus resultierenden zusätzlichen Gesundheitskosten ist dementsprechend absehbar. Dass das BAG nun auf diese Problematik aufmerksam macht, ist aus meiner Sicht korrekt und folgerichtig. Gesundheitsförderung hat einen direkten Zusammenhang mit unseren stets steigenden Gesundheitskosten. Dass sich aber gerade die Politik und die Lebensmittelbranche nicht einig sind ist eine Tragödie in sich. Es scheint, als wären die Umsätze sprich Gewinnoptimierung sowie VR Mandate höher zu gewichten als die Gesundheit der Bevölkerung. Es benötigt nicht eine zusätzliche Steuerquelle, eine Aufklärungskampagne und Gesundheitsförderprogramme würden erste Schritte in die richtige Richtung sein.

Martin Zemp, Meggen ⋅ Beiträge: 45
» antworten

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