Schweiz
13.11.2017 07:34

Alain Bersets Triumphzug

PORTRÄT ⋅ Alain Berset feiert nächsten Monat seine Wahl zum Bundespräsidenten. Er wird die Schweiz 2018 hervorragend repräsentieren. Was der SP-Bundesrat wirklich kann, muss er aber in seinen Dossiers zeigen.

Tobias Gafafer

Es wird ein grosser Auftritt, wie ihn Alain Berset liebt. Anfang Dezember dürfte das Parlament den 45-Jährigen mit einem Glanzresultat zum neuen Bundespräsidenten wählen, zum jüngsten seit langem. Niemand bezweifelt, dass er die Herausforderung mit Bravour meistern wird. Berset wird das Präsidialjahr nutzen, um die Schweiz überall ins beste Licht zu rücken. Die Rolle scheint ihm geradezu auf den Leib geschneidert. Er ist in seinem Element, wenn er vor einer Menge spricht. Als brillanter Rhetoriker hat er sie im Griff. Und er kommt gut an.

Selbst politische Gegner zollen ihm Respekt. Thomas Müller, SVP-Nationalrat und Rorschacher Stadtpräsident, konnte den Bundesrat für die vergangene 1.-August-Feier als Redner verpflichten. Es war ein Volltreffer. «Die Besucher waren begeistert», sagt er. «Berset holte sie von Beginn weg ab.» Er sprach erst von Bratwürsten und davon, ob man diese mit oder ohne Senf esse. Er sprach vom Wandel der früheren Industriestadt, bevor er den Bogen zur AHV schlug. Danach genoss er mit Gattin Muriel das Bad in der Menge. «Berset wie ein Popstar empfangen», titelte ein Onlineportal.

Einen grossen Empfang plant auch Freiburg, um Berset im Dezember gebührend zu feiern. Vier Halte wird der Extrazug der SBB mit den Gästen aus Bern einlegen. An vier Stationen, die den Brückenkanton repräsentieren, aber ebenso Bersets Parcours prägten.

Düdingen, Sensebezirk

Düdingen, der erste Halt, liegt vor der Saane, ist deutschsprachig und nach Bern orientiert. In der Sprachenfrage geht es für die Romandie und für den Innenminister um viel. Hier konnte er im Juni einen wichtigen Erfolg verbuchen. Der Thurgauer Grosse Rat machte eine Kehrtwende, nachdem er den Französischunterricht auf Primarstufe 2014 abschaffen wollte. Gewiss, ohne das Engagement der Erziehungsdirektorin Monika Knill (SVP) hätte sich dieser nicht bewegt. Doch kaum jeder Magistrat hätte so hoch gepokert, wie es Berset tat, indem er eine Drohkulisse aufbaute.

Die Zweisprachigkeit ist auch ein Faktor, der erklärt, warum Freiburger wie Berset in Bern oft einflussreich sind. Sie ermöglicht es, in zwei Kulturen zu Hause zu sein, auf zwei Seiten ein Netzwerk zu pflegen. «Wer nicht ungezwungen ein Glas Weisswein trinken kann, baut keine richtige Beziehung auf», sagt Jean-François Steiert, Freiburger SP-Staatsrat und ein Vertrauter Bersets.

Belfaux-Dorf, Bersets Heimatort

Belfaux, der zweite Halt, steht exemplarisch für den Wandel Freiburgs. Bauernbetriebe und eine Käserei finden sich neben neuen Wohnsiedlungen und Einfamilienhäusern. Die Kirche dominiert das Ortsbild der Agglogemeinde mit 3200 Einwohnern von weitem. Hier lebt Berset mit seiner Familie und seinen Eltern in einem Herrschaftshaus; hier engagierte sich seine Mutter in der Lokalpolitik, der katholischen Kirche und der Leichtathletik. Noch heute politisiert sie für die SP im Kantonsparlament.

Dieses Milieu hat Berset geprägt. Er ist zwar urban und stets adrett gekleidet, hört gerne Jazz- und Popmusik. Als Kulturminister verteilt er Subventionen und schreitet an Festivals über den roten Teppich. Aber Berset hat Wurzeln, die nicht zum SP-Klischee passen. «Er ist ein Stadtmensch, der von seiner Familie das Ländliche mitbekommen hat», sagt Steiert. Dies mag teils erklären, warum er 2003 mit 31 Jahren als jüngstes Mitglied die Wahl in den Ständerat schaffte.

Freiburg, Kantonshauptstadt

Freiburg, der dritte Halt, ist das schwache Zentrum des Kantons. Hier feierte Berset früher im «Café Belvédère», wo Generationen von Studenten gefeiert ­haben. Hier begann im Verfassungsrat 2000 aber vor allem sein kometenhafter Aufstieg. Es ging darum, neue übergeordnete Rechtsnormen auszuarbeiten. Man tat dies lösungsorientierter als in der klassischen Parteipolitik. Auch als Bundesrat gibt sich Berset pragmatisch. Man mache letztlich CVP-Politik, heisst es in seinem Umfeld. Im Poker um die Rentenreform nahmen ihn politische Gegner allerdings als stur wahr. Berset habe gewisse ideologische Züge, die nicht auf Anhieb sichtbar seien, sagt Ständerat Joachim Eder (FDP/ZG).

Für andere bleibt der Sozialminister schwer fassbar. «Berset ist taktisch gewieft und clever. Aber mit Taktik allein löst man keine Probleme», sagt Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt. Mit dem Nein zur Rentenreform musste der SP-Magistrat eine Niederlage verkraften, die wehtat. Bis im Februar will er die Eckwerte für eine Neuauflage vorlegen. In diesem Dossier und im Gesundheitswesen wird sich zeigen, wie gut er wirklich ist. Der Weg scheint noch weit. Eine erste Aussprache war ein seltsamer Anlass. Die 27 Teilnehmer vertraten ihre divergenten Positionen, während ein Mitarbeiter Bersets die Stoppuhr drückte.

Bulle, Greyerzerland

Endstation von Bersets Freiburger Triumphzug wird Bulle. Vor der prächtigen Voralpenkulisse ist ein Bankett geplant. Die Stadt steht für den welschen Kantonsteil, der nach Lausanne orientiert ist. Hier lebt aber auch SP-Präsident Christian Levrat, ein alter Vertrauter. Jahrelang bildeten die beiden ein einflussreiches Polit-Duo. 2011 half Levrat, Berset in den Bundesrat zu bringen. 2007 propagierten sie in einem Buch eine Mitte-links-Allianz mit der CVP. Und setzten die Vision mit Verbündeten wie Christophe Darbellay zielstrebig in die Tat um. Es folgte die Abwahl von SVP-Bundesrat Christoph Blocher und die Wahl Eveline Widmer-Schlumpfs.

Inzwischen haben sich die politischen Gewichte wieder nach rechts verschoben. Die Themen des Innendepartements (EDI) aber blieben für die SP zentral, sagt Jean-François Steiert, der ebenfalls zur roten Freiburger Connection gehört. «Berset hat die Lust nicht verloren.» Zumal der Departementschef eine relativ grosse Entscheidungsmacht habe. Zum Beispiel bei den Medikamentenpreisen, wo es auf Verordnungsstufe um Milliarden gehe. Doch mit Ignazio Cassis (FDP) sitzt nach Guy Parmelin nun ein zweiter Bürgerlicher im Bundesrat, der die EDI-Dossiers gut kennt. Ob die Regierung künftig umstrittene Verordnungen, etwa zu den Prämienrabatten der Krankenkassen, durchwinkt, ist fraglich. Berset drohen in seinem Departement schwierigere Jahre. Vielleicht wird er sich schon bald mit etwas Wehmut ans Präsidialjahr und an die grossen Auftritte erinnern. Und einen Wechsel ins Finanzdepartement anstreben.

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