zurück
BISTUM CHUR

Die Provokateurin von Bischof Vitus Huonder

Die umstrittene deutsche Autorin Birgit Kelle schiesst scharf gegen Abtreibung, Kinderkrippen, Patchwork- und Regenbogenfamilien. Die Plattform bietet ihr der Churer Bischof Vitus Huonder – mit dem Wort zum Tag der Menschenrechte.
25.11.2017 | 05:00

Kari Kälin

Im persönlichen Gespräch wirkt er zurückhaltend, fast scheu. Im Kontrast dazu stehen Vitus Huonders öffentlichkeitswirksame Provokationen. So hat er zum Beispiel schon schwulenfeindliche Zitate aus dem Alten Testament bemüht. Jetzt landet der 75-jährige Oberhirte des Bistums Chur einen neuen Coup. Das bischöfliche Wort zum Tag der Menschenrechte, das am kommenden 10. Dezember von den Kanzeln verlesen werden soll, hat er an die umstrittene deutsche Journalistin Birgit Kelle ausgelagert. Nicht alle dürften sich über diese Art kirchlicher Frauenförderung, übrigens eine Premiere, freuen.

Kelle, konvertierte Katholikin, vierfache Mutter und Autorin des Buches «Muttertier», ist mit ihrer Haltung zur Familienpolitik zum Feindbild der Feministinnen avanciert. Kelle plädiert für den Verzicht auf Karriere zu Gunsten der Kinder, sie wettert gegen Kinderkrippen und kämpft für staatliche Zuschüsse für Hausfrauen. Dem Sexismusaufschrei nach einer Verfehlung des FDP-Politikers Rainer Brüderle entgegnete sie mit dem Satz: «Dann mach doch die Bluse zu.»

Kelle äussert sich im «Wort des Bischofs», das unserer Zeitung vorliegt, zum Thema Kinderrechte – und verbindet das mit einer beissenden Kritik am «Gender Mainstreaming», das sie als Konzept zur Verwässerung des Mann- und Frauseins anprangert. Konkret geisselt Kelle Lehrpläne, die in europäischen Klassenzimmern die «sexuelle Vielfalt» und «sexuelle Freizügigkeit von Kindsbeinen an» propagierten.

Kampf gegen Abtreibung und Leihmutterschaft

Scharfe Kritik übt Kelle am Recht auf Abtreibung. Es fehle eine weltweite Charta für das Recht, überhaupt geboren zu werden. Wenig Gefallen findet sie an staatlichen Bemühungen, im Namen des Kindswohls und Wirtschaftswachstums Kinderkrippen zu fördern. Sie fühlt sich an totalitäre Staaten erinnert, die den Eltern Kinder entreissen, um sie in «staatlicher Obhut nach staatlichen Vorstellungen grosszuziehen».

Kelle knöpft sich auch Patchwork- und Regenbogenfamilien vor. Das Recht der Kinder, bei ihren biologischen Eltern und nicht in einer «zusammengewürfelten modernen Familienkonstellation» aufzuwachsen, sei nicht gegeben. Und im Namen der «Gendergerechtigkeit» entstünde unter dem hübschen Pseudonym Leihmutterschaft eine neue Form von Kinderhandel. Der Bauch der Mutter werde als Brutstätte benutzt und das Kind danach an Fremde verkauft. «Ein perfider Service, der gerne vor allem durch homosexuelle Paare genutzt wird, die naturgemäss kein Kind zeugen können. Aber durchaus bereit sind, eines zu kaufen», schreibt Kelle.

Lob von Huonder

Bischof Huonder äusserte sich auf Anfrage unserer Zeitung nicht zu Birgit Kelles Worten zum Tag der Menschenrechte. Im seinem Vorwort dazu lobt er sie aber. Er hoffe, so Huonder, dass Kelles Stellungnahme der Abwehr einer grossen Gefahr für die Menschheit diene. Die Worte der Ehefrau und Mutter hätten ihn berührt.

Ob die Botschaft aus dem Bistum Chur auch bei der breiten Öffentlichkeit auf positive Resonanz stossen wird, steht auf einem anderen Blatt. Schon einmal, vor vier Jahren, nutzte Vitus Huonder den Tag der Menschenrechte als Plattform gegen den Genderismus. Dabei prangerte er etwa die Adoption von Kindern durch Homosexuelle, die Ehe für alle oder die «(Homo-)Sexualisierung der Kinder in Kindergarten und Schule» an. Ein Vorstandsmitglied der Schwulenorganisation Pink Cross sagte damals, Huonder betreibe billige Polemik ohne jede Menschenfreundlichkeit. Und: «Wenn solch billiger Populismus von Kanzeln verkündet wird, schadet das dem Ansehen der Kirche.»

Artikel zum Thema
Leserkommentare
Weitere Artikel