Schweiz
19.05.2017 08:50

Kapuziner setzen Kommission ein

  • Nach Angaben von Provinzial Agostino Del-Pietro ist eine «neutrale Untersuchungskommission» eingesetzt worden.
    Nach Angaben von Provinzial Agostino Del-Pietro ist eine «neutrale Untersuchungskommission» eingesetzt worden. | Bild: Pius Amrein (Luzern, 5. November 2013)
SEXUELLER MISSBRAUCH ⋅ Der Fall des pädophilen Paters Joël A. wird von einer neutralen Kommission untersucht. Diese soll prüfen, ob im Umgang mit dem fehlbaren Priester Fehler gemacht wurden.

Dominik Weingartner und Balz Bruder

Die Schweizer Kapuziner machen Ernst mit der Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in ihrem Orden. Wie der Schweizer Provinzial Agostino Del-Pietro auf der Webseite der Kapuziner mitteilt, sei eine «neutrale Untersuchungskommission» eingesetzt worden, welche die «Vorfälle und die getroffenen Massnahmen» rund um den pädophilen Pater Joël A. überprüfen soll (wir berichteten).

Der heute 76-jährige Pater hat über Jahrzehnte Dutzende Kinder vergewaltigt. Während die Schweizer Fälle 2008 für verjährt erklärt wurden, ist Joël A. in Frankreich, wo er ebenfalls tätig war, 2012 verurteilt worden. Doch der pädophile Pater war bereits 2005 in die Schweiz zurückgekehrt, nachdem gegen ihn in Frankreich ein Strafverfahren eröffnet wurde – auf Geheiss des damaligen französischen Provinzials, wie die Schweizer Kapuziner heute behaupten. Diese Vorgänge sollen nun untersucht werden. «Alle Entscheide werden überprüft», sagt Kapuziner-Sprecher Willi Anderau auf Anfrage.

Auch Einsicht in französische Akten?

Die Kommission besteht aus drei Personen: Alexandre Papaux, Anwalt und ehemaliger Kantonsrichter, Francis Python, emeritierter Professor für Zeitgeschichte, und Yves Mausen, Professor für Rechtsgeschichte und Religionsrecht. «Die Kommission hat vollständigen Zugang zu den Archiven, sowohl zu jenen der Kapuziner als auch zu jenen der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg», heisst es in der Mitteilung der Kapuziner. Unklar ist, ob die Kommission auch Zugang zu den Akten der Diözese Grenoble erhalten wird. «Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass Grenoble den Zugang verwehren wird», sagt Anderau.

Wann die Untersuchungsergebnisse vorliegen werden, ist offen. Anderau spricht von «mehreren Monaten», die die Kommissionsarbeit in Anspruch nehmen werde. Im Interesse der Schweizer Kapuziner sei es, dass die Ergebnisse möglichst rasch vorlägen, so Anderau. Denn: Bald soll in Deutschland die deutschsprachige Ausgabe des Buches von einem der Opfer von Joël A. erscheinen.

Weitere Kommission mit Genugtuung beschäftigt

Das Thema ist nicht nur bei den Kapuzinern, sondern bei den Katholiken generell in Arbeit. Die Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) hat letztes Jahr das Fachgremium «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» geschaffen. Die von Rechtsanwältin Liliane Gross, stellvertretende Generalsekretärin der Katholischen Kirche im Kanton Zürich, präsidierte unabhängige Kommission Genugtuung befasst sich mit den Ansprüchen von Opfern verjährter Delikte. Derzeit bekannt sind rund 20 Fälle – die exakten Zahlen kennt die SBK aufgrund der noch laufenden Erhebung nicht. Aber: Es ist, wie von den Bischöfen Anfang Jahr in Aussicht gestellt, davon auszugehen, dass erste Genugtuungszahlungen bis Mitte Jahr erfolgen werden. Nach Aussage von Kommissionspräsidentin Gross sind bisher sechs Anträge eingegangen, in vier Fällen wurde entschieden, in drei Fällen wird eine Zahlung aus dem mit 500 000 Franken dotierten Fonds erfolgen. Bei den beiden hängigen Fällen sind noch offene Punkte zu klären.

Gross ist bezüglich der Umsetzung der Vorgaben und des Umgangs mit dem schwierigen Thema zuversichtlich, auch wenn die Arbeit in menschlicher Hinsicht herausfordernd sei, zumal es um zum Teil sehr tragische Schicksale gehe, mit denen die Kommission konfrontiert werde.

Kommentare

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19.05.2017 18:51

Bis heute fehlen international verbindliche Standards für Aufarbeitungsprojekte. Trotzdem hoffe ich, dass folgende Punkte berücksichtigt worden sind:

"1. Die zu Beauftragenden erklären sich vorab gegenüber ihren AuftraggeberInnen und der Öffentlichkeit zu etwaigen Interessenkonflikten
2. Der Auftrag wird im Originalwortlaut veröffentlicht
3. Auftraggeber und Auftragnehmer deklarieren explizit, wie sie den Schutz der Persönlichkeitsrechte der Menschen gewährleisten wollen, deren Daten oder Wissen im Zuge der Untersuchung genutzt werden"

Zitat aus einem Fachartikel, den zwei Missbrauchsbetroffene zum Thema "Aufarbeitung" verfasst haben. Titel: "Kindesmissbrauch aufarbeiten – Von der individuellen zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit einem verbreiteten Unrecht", Maren Ruden, Jörg-Alexander Heinrich, erschienen in der Zeitschrift "Trauma", Heft 4/2016 (Themenschwerpunkt „Sexueller Kindesmissbrauch“) S. 74 - 84, Verlag Asanger

Angelika Oetken ⋅ Beiträge: 20
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19.05.2017 19:04

Steht eigentlich fest, dass Joël A. tatsächlich im klinischen Sinne an Pädophilie erkrankt ist? Auch wenn der Begriff häufig als Synonym für alle Formen der Missbrauchskriminalität gebraucht wird, handelt es sich bei der Mehrzahl der Täter (und Täterinnen) um Menschen, die zwar Kinder und Pubertisten missbrauchen, aber sexuell nicht auf ein kindliches Körperschema fixiert sind. Diese Leute beuten Kinder sexuell aus, misshandeln sie in sexualisierter Weise bzw. missbrauchen, weil sie in ihrer Sexualität und/oder ihrer Persönlichkeitsentwicklung tiefgreifend gestört und beschädigt sind und ihnen bewusst ist, dass unsere Gesellschaft zu schwach ist, um Heranwachsende zu schützen.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch wurden

Angelika Oetken ⋅ Beiträge: 20
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19.05.2017 22:28

„Gross ist bezüglich der Umsetzung der Vorgaben und des Umgangs mit dem schwierigen Thema zuversichtlich, auch wenn die Arbeit in menschlicher Hinsicht herausfordernd sei, zumal es um zum Teil sehr tragische Schicksale gehe, mit denen die Kommission konfrontiert werde.“

Falls die drei beauftragten Experten wirklich unabhängig arbeiten dürfen, dann wird es ihnen vermutlich bei der Aufklärung der Sexualstraftaten und den Umständen, unter denen sie begangen werden konnten gehen, wie fast allen intergeren Menschen, die einen tieferen Einblick in die Missbrauchskultur der beiden großen christlichen Kirchen erhalten. Besonders, wenn es um Sexualstraftaten gegen Kinder geht, die innerhalb abgeschlossener Gefüge verübt werden. Wahrscheinlich werden die Fachleute entsetzt sein ob so viel Verantwortungslosigkeit, Kinderhass und menschlicher Kälte wie sie sie sich im Zuge der Untersuchung offenbaren wird.

Angelika Oetken ⋅ Beiträge: 20
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19.05.2017 23:36
als Antwort auf das Posting von Angelika Oetken am 19.05.2017 22:28

Ein echtes Wunder wäre es, sollte sich herausstellen, dass es sich bei dem routinierten Missbraucher Pater Joël A. um einen Einzeltäter handelt. Wer sich einen Überblick über Missbrauchskriminalität, wie sie an von Orden geführten Einrichtungen geschah und mutmaßlich immer noch geschieht machen will, sollte Homepages besuchen, wie sie die Betroffeneninitiativen „Eckiger Tisch“, „Eckiger Tisch Bonn“, „Missbrauchsopfer-Josephinum-Redemptoristen“, „Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer“ und „Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg“ führen.

Angelika Oetken ⋅ Beiträge: 20
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26.05.2017 12:15

Dieses Problem sollte mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden!
Hatten denn diese Bischöfe und Priester überhaupt kein Gewissen?

Manfred Eberling ⋅ Beiträge: 526
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