zurück
VORSORGE

Rentenreform: Wer profitiert und wer verliert

Der Abstimmungskampf um die Rentenreform geht in die heisse Phase. Wie sich diese auf Altersgruppen, Einkommen und Geschlechter auswirkt.
04.08.2017 | 05:00

Tobias Gafafer

Die Altersvorsorge muss reformiert werden. Die demografische Entwicklung setzt die AHV unter Druck, in den nächsten Jahren gehen geburtenstarke Jahrgänge in Pension. Die Lebenserwartung für Männer im Alter von 65 Jahren beträgt heute etwa 20 Jahre und für Frauen 23 Jahre. Zum Vergleich: 1991 waren es noch etwa 16 bzw. 20 Jahre. Die zweite Säule wird unter anderem durch das tiefe Zinsniveau herausgefordert. Diese Ausgangslage bestreitet kaum jemand.

Ziel der Rentenreform war, das Leistungsniveau zu erhalten und das finanzielle Gleichgewicht zu sichern. Umstritten bleibt, ob die Vorlage dies erreicht und die Generationengerechtigkeit wahrt. Für die Gegner von FDP und SVP bezahlen die Jungen die Zeche für eine Scheinreform, die die AHV mit der Giesskanne ausbaut und finanziell nicht nachhaltig ist. Die Mitte-links-Allianz, welche die Reform im Parlament knapp durchbrachte, spricht von einem Kompromiss, der die Finanzierung der AHV und die Renten sichert.

Die AHV gewinnt bei einem Ja vor allem einige Jahre Zeit. Das Umlageergebnis, das Verhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben, bleibt bis 2026 im positiven Bereich. Ab 2027 droht ein Defizit von über 1 Milliarde Franken – trotz Mehreinnahmen von 5 Milliarden. Bleibt es beim Status quo, rechnet der Bund gegen 2020 mit einem negativen Umlageergebnis von rund 1 Milliarde. Ob der Kapitalertrag dieses ausgleichen kann, ist fraglich. Der AHV-Ausgleichsfonds, die Geldreserve des Sozialwerks, bleibt bei einem Ja bis 2030 mit rund 57 Milliarden gefüllt. Ohne die aktuelle Reform und ohne Plan B sind es zum selben Zeitpunkt noch rund 6 Milliarden. Schlecht quantifizierbar sind die Folgen für die zweite Säule. Die Senkung des Mindestumwandlungssatzes im obligatorischen Teil soll die systemwidrige Umverteilung von Aktiven zu Rentnern zumindest reduzieren. Versicherer gehen von über 3 Milliarden pro Jahr aus. Viele Pensionskassen haben den Umwandlungssatz faktisch allerdings bereits stark gesenkt.

Umverteilung zu Gunsten von tieferen Einkommen

Zentral ist, was die Reform für jeden Einzelnen bedeutet. Kaum eine Vorlage wirkt sich so stark aufs Portemonnaie aus. Die Beratungsgesellschaft Libera, die auch die Pensionskasse unserer Mediengruppe verwaltet, hat für unsere Zeitung berechnet, wie drei Jahrgänge und Einkommensklassen sowie die Geschlechter betroffen sind. Das Fazit des Pensionskassen-Experten Matthias Wiedmer: Von der Reform profitieren tiefere Einkommen bis 52000 Franken am meisten. In der zweiten Säule sind sie besser versichert. Bei der AHV gewinnen sie prozentual mehr von der Erhöhung um monatlich 70 Franken, da die Renten plafoniert sind. Ebenfalls zu den Gewinnern gehören Männer, die 60 Jahre alt sind. Sie haben in der beruflichen Vorsorge keine Einbussen, weil sie als Teil der Übergangsgeneration eine Besitzstandgarantie haben. Zudem erhalten sie in der AHV zusätzlich 70 Franken, zahlen dafür über nur wenige Jahre.

Eine Reform, die niemandem wehtut, gibt es nicht. Zu den Verlierern der aktuellen Vorlage gehören die meisten Frauen und Jungen. Die Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 führt zu einer längeren Beitragszeit und einer verkürzten Bezugszeit der Leistungen. Eine Ausnahme sind jüngere Frauen mit tieferen Löhnen, die besser fahren. Junge zahlen tendenziell mehr und länger, erhalten in den meisten Fällen aber weniger Rente.

Rentner zahlen «nur» höhere Mehrwertsteuer

Laufende Renten tastet die Reform nicht an. Dennoch sind die bisherigen Rentner davon betroffen: Sie müssen ebenfalls die höhere Mehrwertsteuer bezahlen. Die Libera hat darauf verzichtet, die Auswirkungen für diese Gruppe zu berechnen. Die Mehrbelastung sei stark vom Konsumverhalten abhängig und vom Alter beeinflusst. Schätzungen gehen aber davon aus, dass ein Rentner pro Jahr über die Mehrwertsteuer gegen 150 Franken zusätzlich für die AHV bezahlt. Schwierig zu quantifizieren sind auch die Lasten für den Steuerzahler. Der Beitrag des Bundes an die AHV beträgt rund 20 Prozent. Sein Anteil ist an die Ausgaben gebunden. 2016 subventionierte er die erste Säule mit über 8 Milliarden.

Artikel zum Thema
Leserkommentare
Weitere Artikel