zurück
DIGITAL

So schaffen Smartphone-Nutzer ihre eigene Augmented Reality

Für die Marketing- und Werbebranche bietet erweiterte Realität viele Möglichkeiten, Aufmerksamkeit für ein Produkt zu erregen. Bei einer Schweizer App stellen die Nutzer sogar selbst solche Inhalte her.
30.03.2017 | 05:00

Andreas Lorenz-Meyer
wirtschaft@luzernerzeitung.ch

So könnte die Unterkunftssuche in fünf Jahren aussehen. Ein Tourist steht in einer fremden Stadt vor einem Hotel. Auf der Nase hat er eine Brille mit eingebautem Display sitzen. Es zeigt an, dass noch 27 Betten frei sind. Die Übernachtung kostet 79 Franken, Frühstück inklusive. Akzeptabel, denkt der Tourist, betritt das Hotel und checkt ein. Erweiterte Realität, auf Englisch Augmented Reality (AR), nennt sich die Technik, die uns digitale Informationen zur Umgebung liefert. Während Virtual Reality (VR) bedeutet, dass man komplett in künstliche Welten abtaucht, verliert man bei AR also nicht den Bezug zum Hier und Jetzt. Es wird lediglich mit nützlichen oder unterhaltsamen Zusatzdaten garniert.

Wie immer bei solchen Technologien werden beeindruckende Zahlen genannt (siehe Grafik). Auf 80 Millionen verkaufter AR-Geräte bis 2020 hofft das US-Unternehmen Microsoft. Seine eigene Hololens-Computerbrille lässt interaktive 3-D-Projektionen im Blickfeld erscheinen. Erweiterte Realität geht aber auch ohne Brille, verspricht das französische Start-up Hololamp. Sein gleichnamiges Produkt sieht aus wie eine Schreibtischlampe. Mit dem Unterschied, dass drinnen High-Tech steckt: Kameras, ein Projektor, spezielle Software. Hololamp projiziert dreidimensionale Bilder auf die Schreibtischoberfläche. Und zwar so, dass sie aus jedem beliebigen Blickwinkel dreidimensional wirken. Verändert sich der Betrachtungswinkel, weil man den Kopf bewegt, verändert sich auch das Bild. Ans Laptop angeschlossen, läuft die noch nicht erhältliche Wunderlampe mit den Betriebssystemen Windows 10 und OS X.

«Wir sind wohl unserer Zeit voraus»

Smartphone-Nutzer zu Produzenten von AR-Inhalten machen – das ist die Idee des Basler Start-ups Tagxy. Bei der gleichnamigen App kann man Objekte wie Litfasssäulen und Orte mit digitalen Inhalten – Bildern, Videos oder Beschreibungen – versehen. Dahinter stecken Algorithmen, welche sich Objekte oder Umgebungen merken können, erklärt Tagxy-Co-Gründer Jonas Schwarz.
Neue User gewinnt die App vor allem bei Standort-Marketing-Aktionen wie dem virtuellen Adventskalender. Im Dezember 2015 und 2016 konnte man sich an den jeweiligen Orten Bilder vom verschwundenen Basel auf dem Display anzeigen lassen. Auch bei der Aktion anlässlich der Nationalratswahlen 2015 machten die Leute mit. Da konnte man das Smartphone auf das Wahlplakat eines Politikers halten und bekam dessen politisches Profil angezeigt. Viele Tagxy-User probieren erst einmal, wie AR überhaupt funktioniert. Sie platzieren Fotos auf Visitenkarten, Getränkeflaschen, Hausfassaden und Kinderzeichnungen. Oder sie markieren das parkierte Auto, um es wieder zu finden.

Der ursprüngliche Ansatz des Start-ups lautete: Augmented Reality für alle. Jeder sollte Inhalte mit seinem Smartphone in wenigen Sekunden erstellen, diese in der realen Umgebung platzieren und die Inhalte kommentieren und teilen können. Mit etwas über 3000 Usern liegt man jedoch noch einiges hinter dem selbstgesteckten Ziel von 20000. Schwarz: «Mit Tagxy sind wir wohl unserer Zeit voraus. Das Verständnis, dass man die reale Welt mit digitalen Inhalten bestücken kann, gibt es noch nicht. Die Leute sind gewohnt, digitale Inhalte in geschlossenen Systemen zu konsumieren.» Für dieses Jahr ist eine neue, einfachere App geplant.

Vielleicht trifft sie den Punkt, den Schwarz als «Magic» bezeichnet. Ein Feature, das erweiterte Realität zum Massenprodukt macht. Nur wenn die Leute verstehen, dass digitale Information in der realen Welt erlebbar ist, könne sich AR auch etablieren. Augmented-Anwendungen gibt es etliche. Die Oakley-Airwave-Brille versorgt Skifahrer während der Abfahrt mit Informationen. Unter anderem wird die Geschwindigkeit angezeigt. Orientierung verschafft der «Personal Indoor Assistant». Die Technische Universität Wien entwickelte diese Navigations-App, die einem in grossen, unübersichtlichen Gebäuden zeigt, wo es langgeht. Ins Livebild der Smartphone-Kamera werden dabei automatisch Wegweiser eingeblendet. Dem Produktverkauf dient die App eines Brillenherstellers, die aus dem Bildschirm einen Anprobierspiegel macht. Kaufinteressenten schauen hinein und überprüfen den Sitz der Brille, die ihnen auf die Nase projiziert wird. Auch wenn man sich bewegt, bleibt die Brille dort, wo sie hingehört.

AR ist mittlerweile ein ideales Instrument für Werbung und Marketing, sagt Philippe Jeanrenaud, Managing Director der Westschweizer Firma Vidinoti. «Die Technik bietet Produktherstellern die Chance, sich stärker mit ihrem Publikum zu vernetzen, indem sie einen interaktiven, mit Augmented-Elementen angereicherten Kommunikationskanal schafft. Die reale Welt vermischt sich dabei mit virtuellen Inhalten.» Das habe den Vorteil, dass sich Produkte wie Make-up oder Möbel, die gerade physisch nicht verfügbar sind, trotzdem einfach und wirkungsvoll ausprobieren lassen.

Interesse an Technologie nimmt zu

Wie AR funktioniert, demonstrierte Vidinoti in der Druckerei Saint Paul in Fribourg im September 2015, als Besucher ins Innere der Druckmaschinen schauen konnten. In die Mitte der Maschinen war ein Trigger-Bild platziert. Scannte man dieses Bild mit einer speziellen App, startet ein 360-Grad-Video. Es zeigte, wie das Papier die gesamte Druckmaschine durchläuft. Das Innenleben wurde als Overlay, als digitale Überlagerung, auf der realen Druckmaschine sichtbar. So erzeugt man Aufmerksamkeit für sein Produkt. Bei der Ausstellung im Nationalmuseum Zürich setzte Vidinoti die Tango-Technologie ein.

Diese gehört dem Unternehmen Google. Hier kommen Kameras und Tiefensensoren zum Einsatz, um ein Modell des Raumes um den Betrachter herum zu bauen. Für die Ausstellung positionierte Vidinoti virtuelle Erläuterungen über dem physischen Objekt, einem Modell des Gotthard-Gebiets. Beim Scannen des Objekts erscheinen Städtenamen, Flüsse und Kantonsgrenzen auf dem Smartphone- oder Tablet-Bildschirm. Und zwar so, dass der Betrachter den Eindruck hat, die Erläuterungen wären Teil des Objekts.

Das Interesse an AR-Lösungen nehme zu, sagt Jeanrenaud. Das Unternehmen gewinnt jetzt auch mehr Kunden im Ausland. Die Schweizer Kunden kommen hauptsächlich aus Zürich und der Westschweiz. Die Erwartungen an die Technik sind unterschiedlich. Einige wollen die reale Welt, Magazine oder Bücher mit der virtuellen verbinden. Dann lässt sich zum Beispiel ein Video aus einer Gärtnerei-Zeitschrift heraus starten. Anderen Kunden geht es um ganz neue Ansichten und Erfahrungen, die neugierig machen sollen aufs Produkt. Wie die Overlays in der Druckerei Saint-Paul. Jeanrenaud glaubt an den Wachstumsmarkt. Was man heute sieht, sei nur der Beginn von erweiterter Realität in der Marketing- und Werbewelt.

Virtuelle und erweiterte Realität bei «Also»

Der Emmer IT-Logistiker Also hat Ende Februar nach eigenen Angaben den weltweit ersten Geschäftsbericht in Augmented Reality vorgestellt.

Mit einer kostenlosen App kann man die Geschäftszahlen von Also, die auf einem ganz normalen Papierblatt gedruckt sind, dreidimensional visualisieren lassen. Ausserdem kann man mit einer entsprechenden Brille, in die man ein Smartphone hineinsteckt, per Virtual Reality in diverse Videos eintauchen, die das Geschäftsmodell von Also genauer erklären. (mim)

Leserkommentare
Weitere Artikel