Wirtschaft
30.03.2017 05:00

Manager spitzen die Ohren: Schrecken und Nutzen der Digitalisierung

  • Technologie-Pionier Kevin Ashton.
    Technologie-Pionier Kevin Ashton. | Bild: Sandra Blaser (29. März 2017)
TAGUNG ⋅ Die Schweizer Wirtschaftselite traf sich an den «X.Days» mit Vordenkern wie Kevin Ashton. Ein Patentrezept für den Umgang mit dem digitalen Wandel gab es trotzdem nicht.

Martina E. Medic

martina.medic@luzernerzeitung.ch

Technologie-Pionier Kevin Ashton (49) filmt sein ihm zuwinkendes Publikum per Smartphone und twittert das Video gleich auf der Bühne. «Ich werde analysieren, wer aufmerksam zuhört», droht der britische Technokrat schmunzelnd. Dies war der Auftakt zu den «X.Days», einer ­Konferenz, welche die NZZ-Mediengruppe, zu der auch diese Zeitung gehört, zum Thema digitaler Wandel durchführte.

Manager von ABB, Swiss, IBM, der Post, Finma und weiteren bedeutenden Unternehmen und Institutionen reisten am 28. und 29. März nach Interlaken, um sich von rund 30 geladenen Digitalexperten inspirieren zu lassen. Auf dem Programm standen ­Referate zu Themen wie neue Formen der Zusammenarbeit, Onlinesicherheit, Robotertechnik und künstliche Intelligenz.

Ashtons Verheissung

Patentrezepte oder überhaupt Strategien lieferte ausgerechnet der Stargast der Konferenz, Kevin Ashton, nicht. Dafür sagte er die digitale Zukunft voraus. Diese klingt nicht mehr so absurd wie einst: Bis 2030 wird jeder ein selbstfahrendes Auto besitzen. Die Lebenserwartung unserer Grossenkel wird sich auf 100 Jahre erhöhen. Auch den Klimawandel werden wir überleben. Und in 20 Jahren werden sich die meisten Computer dank Radio Frequency Identification (RFID) selbst mit Strom versorgen – so lauten Ashtons Prognosen.

Die RFID-Technologie ermöglicht die kontaktlose Informationsübertragung. Diese wird zum Beispiel bei Kreditkarten oder im biometrischen Reisepass verwendet. Solche Sensoren gehören zum von Ashton geprägten Begriff «Internet der Dinge». Dies meine nicht etwa den Kühlschrank, der Milch nachbestelle, sondern Computer, welche mittels Sensoren ihre Welt immer besser wahrnehmen. Daten aus Flug- oder Schifffahrtrouten, Internet und weiteren Netzwerken können zu einem grösseren Netzwerk verknüpft werden, welches «wir beobachten und verwalten können», so Ashton. Eine Bemerkung, die Ängste weckt.

Je grösser die digitale Vernetzung, desto kleiner die Privatsphäre. Dies bekräftigt der Ratschlag für die an den «X.Days» anwesenden Manager und Unternehmer nun von der ehemaligen Digitalmanagerin bei der US-amerikanischen Elite-Universität Harvard, Perry Hewitt: «Sammelt Daten, um die Kunden­bedürfnisse zu verstehen, und entscheidet aufgrund dieser Daten, nicht nach Althergebrachtem.» Hewitt erklärt ferner: «Das Digitale verwischt Trennlinien.»

Trennlinien gibt es manchmal aus gutem Grund, zum Beispiel jene zwischen Privatleben und Berufsalltag. Vermengt sich beides, steht der Betreffende unter krankmachendem Erwartungsdruck. Die Daten: Jeder vierte ­Erwerbstätige fühlt sich ziemlich oder stark erschöpft. Rund 300000 stehen laut einer Studie der Universität Bern aus dem Jahr 2014 kurz vor dem Burn-out. Sind dies Indizien für eine Sinnkrise, die wir durch das ständige Vernetzt-sein-Müssen erleben?

Das Los der Unternehmen

Technokraten versprechen sich durch den digitalen Wandel eine bessere Zukunft. TatsäcManager horchen den hlich erleichtern Internet und Smartphones unseren Alltag erheblich: Wir können per App einen Fahrer bestellen (Uber), günstig bei ­Unbekannten übernachten (Airbnb), online einkaufen (Amazon), kostenlos mit Kollegen in Hongkong telefonieren (Skype), mit Schulfreunden in Kontakt bleiben (Facebook) oder – wie Kevin Ashton im eingangs erwähnten Video – innerhalb Sekunden ein Video mit Tausenden Anhängern teilen.

Das schwere Los der Unternehmen ist, aus diesen Datenströmen die nächsten Kundenbedürfnisse herauszulesen – auch für sie gilt: Wer zu lange offline bleibt, schliesst sich vom «Internet der Dinge» aus. Manche Kunden ­wollen hingegen daran teilhaben. Solange man ihnen die Möglichkeit dazu gibt, steht auch dem ­digitalen Wandel nichts im Weg.

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