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BIOTECHNOLOGIE

Nahrung für die ganze Welt: «Geneditierung kann helfen»

Eingriffe ins Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen rufen oft Skepsis hervor. Unternehmerin Rachel Haurwitz aber sieht Chancen im Kampf gegen Hunger und Krankheiten.
06.05.2017 | 08:01

Interview: Thomas Griesser Kym

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Rachel Haurwitz, Kritiker betrachten die Geneditierung ähnlich skeptisch wie die klassische Gentechnik. Was entgegnen Sie ihnen?

Es gibt viele Wege, um Organismen genetisch zu verändern. Es braucht eine lebhafte und offene Debatte darüber, was in Ordnung ist und was nicht. Ausserdem ist die Akzeptanz unterschiedlich je nach Region und nach Kultur. Geneditierung ist aber anders als klassische Gentechnik, wie wir sie seit 20 Jahren kennen. Im Unterscheid zu dieser bringen wir keine neuen Gene in einen Organismus ein, sondern arbeiten an der Veränderung des Erbguts in einem Organismus.

Was ist denn aus Ihrer Sicht in Ordnung?

Wir bei Caribou verfolgen eine harte Linie. Wir editieren keine menschlichen Embryonen. In anderen Ländern wird an der Veränderung des Erbguts an Embryonen geforscht, aber nicht bei uns.

Inwieweit kann Geneditierung dazu beitragen, die Welt zu ernähren?

Geneditierung kann helfen, Nutzpflanzen zu entwickeln, die viel robuster sind gegenüber dem Klimawandel, also etwa gegenüber sengender Hitze oder langer Dürre. Oder widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Krankheitserreger. Neue Verfahren, die den Züchtungsprozess beschleunigen und zielgenauer machen, können da von grossem Vorteil sein. Im Endeffekt können grössere, stabilere Ernten unter Einsatz von weniger Herbiziden und Pestiziden möglich sein.

Wie sieht es mit Tieren aus?

Wir forschen auch an Tieren, etwa an der Züchtung von Schweinen, die resistent sind gegen ein ziemlich fieses Virus. Solche Schweine führen zu geringeren Kosten und höheren Fleischerträgen.

Kritiker der klassischen Gentechnik weisen immer darauf hin, die Sicherheit der Nahrungsmittel könnte beeinträchtigt sein. Würden Sie gentechnisch veränderte Tomaten essen?

Ja, ohne Bedenken. Das Thema wird natürlich kontrovers diskutiert. Aber es ist erwiesen, dass gentechnisch veränderte Nahrung sicher und gesundheitlich unbedenklich ist.

Muss man dem Konsumenten sagen, was er auf den Teller bekommt?

Unbedingt. Deklaration ist wichtig. Hier muss völlige Transparenz herrschen, damit der Konsument wählen kann, was er kaufen und essen will.

Ein Spin-out Ihrer Firma beschäftigt sich auch mit menschlichen Krankheiten. Kann Geneditierung dazu beitragen, eines Tages erblichen Krebs und andere Erbkrankheiten zu heilen?

Wir befinden uns noch in einer sehr frühen Phase. Erste klinische Tests wurden vergangenes Jahr in China durchgeführt, dieses Jahr folgen solche in den USA. Ich bin enthusiastisch und setze grosse Hoffnungen darauf. In 10 bis 15 Jahren werden wir neue medizinische Technologien haben, die zumindest einige Arten von Krebs und andere Krankheiten heilen können.

Und Aids?

Auch hier steckt die Forschung in einer sehr frühen Phase. Aber ich erinnere an den US-Übersetzer Timothy Ray Brown, der als «The Berlin Patient» bekannt wurde und an Aids litt. Als er elf Jahre später auch an Blutkrebs erkrankte, erhielt er zu dessen Bekämpfung eine Stammzelltransplantation. Diese hat ihn auch von Aids befreit, denn die Ärzte verwendeten Knochenmark mit einem veränderten Gen. Anschliessend war bei Brown das HI-Virus nicht mehr nachweisbar.

Wie sieht es mit möglichen Nebenwirkungen aus bei Veränderungen der Gene?

Das ist die zentrale kritische Frage. Verfahren müssen wirksam sein und sicher. Nur was sicher ist, wird auch akzeptiert.

Sie sind als junge Frau in einer Hightech-Branche tätig, die nach wie vor von Männern dominiert wird. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ich bin oft mit anderen Firmen in Meetings, bei denen ich die einzige Frau im Raum bin. Es ist ein paar wenige Male vorgekommen, dass ich mich nicht respektiert gefühlt habe. Aber das hatte eher mit meinem Alter zu tun als mit meinem Geschlecht. Aus Gesprächen auch mit älteren Kollegen weiss ich: Diskriminierung kann es überall geben.

Ihr Unternehmen arbeitet auch mit Novartis zusammen. Wie ist Ihr Eindruck von der Schweizer Pharma- und Biotechbranche?

Novartis war einer unserer ersten Investoren. Ich habe grossen Respekt vor diesem Unternehmen. Die Schweizer Biotechbranche ist überschaubar. Die meisten Start-ups in diesem Geschäft werden derzeit in den USA gegründet.

Womit und wo beschäftigen Sie sich in zehn Jahren?

Keine Ahnung. Ich möchte es gerne sehen, dass unsere Technologie in die Lancierung neuer Produkte mündet. Ich glaube schon, dass ich der Biotechbranche noch lange treu bleibe. Ich bin mit sehr viel Leidenschaft in diesem Geschäft dabei, und es ist spannend, immer wieder Geld aufzutreiben, Teams zu bilden und so weiter.

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