Wirtschaft
07.12.2016 05:00

Zehn Jahre Youtube: Vom Start-up zur Medienmacht

  • Ein Youtube-Angestellter in Japan, wo die Videoplattform eine starke Präsenz hat.
    Ein Youtube-Angestellter in Japan, wo die Videoplattform eine starke Präsenz hat. | Bild: Kiyoshi Ota/Getty (Tokio, 30. März 2013)
INTERNET ⋅ Vor zehn Jahren übernahm Google den Online-Videokanal youtube.com für 1,65 Milliarden Dollar. Das damals keine zwei Jahre alte Unternehmen entwickelte sich zum grossen Player im Mediengeschäft.

Der Mega-Deal wurde in einem Restaurant am Rande des Highways eingefädelt. Alles sollte möglichst unauffällig über die Bühne gehen. Vor etwas mehr als zehn Jahren, im Oktober 2006, kaufte der Internet-Riese Google für 1,65 Milliarden Dollar die Videoplattform Youtube. Es war der bis dato teuerste Zukauf in der Google-Geschichte – und vielleicht einer der schnellsten Deals dieser Art. Die Übernahme habe sich innerhalb von 72 Stunden abgespielt, erinnerte sich Youtube-Mitgründer Steve Chen auf dem diesjährigen South-by-Southwest-Festival in Texas. «Von den ersten Übernahmegesprächen bis zur Bekanntgabe nach Börsenschluss am Montag.»

Der damalige Google-Chef Eric Schmidt verkündete: «Das ist der nächste Schritt in der Evolution des Internets.» Nur 19 Monate zuvor, im Februar 2005, hatten die drei ehemaligen PayPal-Mitarbeiter Chen, Chad Hurley und Jawed Karim Youtube gegründet, das eigentlich als Dating-Plattform starten sollte. «Die Idee war, dass sich die Leute mit Kurzvideos vorstellen», sagte Chen. Nachdem sich aber nach fünf Tagen niemand gemeldet habe, sei der Dienst für alle möglichen Videos geöffnet worden. «Somit kamen dann auch die süssen Katzenvideos und alles andere.»

Deal wurde im Restaurant eingefädelt

Nach den Anlaufschwierigkeiten setzte der Erfolg rasant ein: Youtube zählte nach eineinhalb Jahren etwa 100 Millionen Videoabrufe pro Tag. Mehrere Interessenten klopften bei dem Start-up an, das mit 65 Mitarbeitern im kalifornischen San Bruno agierte. «Aber Google war die richtige Wahl», sagte Chen rückblickend. Das Start-up habe Hilfe bei der Internationalisierung, aber auch in technischen Bereichen gebraucht. Mehr als 50 Prozent der User kamen nach Angaben des heute 38-Jährigen bereits von ausserhalb der USA.

Bei einem Geheimtreffen zwischen Steve Chen, Eric Schmidt und Google-Gründer Larry Page wurde der Deal abgestimmt. Als unauffälliger Treffpunkt wurde ein Restaurant nahe des Highways zwischen dem Google-Standort in Mountain View und San Bruno gewählt. «Ich war zu nervös, um überhaupt etwas zu essen», erinnerte sich Chen. In den kommenden Jahren entwickelte sich die Plattform zum Massenphänomen. 2012 knackte der koreanische Rapper Psy mit «Gangnam Style» als erster die Marke von einer Milliarde Abrufen. 2014 konnte man zuschauen, wie auf der ganzen Welt Menschen zu Pharrell Williams’ Hit «Happy» tanzten. Und Youtube-Stars – von LeFloid bis zu Bibi mit ihrem «Beauty Palace» – sind die Teenie-Idole von heute. Zehn Jahre nach der Übernahme durch Google hat Youtube heute mehr als eine Milliarde Nutzer. Der Dienst steht in 88 Ländern und in 76 Sprachen zur Verfügung. Minütlich werden weltweit mehr als 400 Stunden Material hochgeladen.

Wie 2006 prognostiziert, entwickelt sich die mobile Nutzung zum grossen Geschäft: Heute erfolgt mehr als die Hälfte aller Youtube-Aufrufe über Smartphones und Tablet-Computer, die durchschnittliche Wiedergabezeit beträgt auf mobilen Geräten über 40 Minuten. Allerdings, so gigantisch die Zahlen sind – ob und wie viel Geld Google letztendlich mit Youtube verdient, ist unbekannt. Analysten der Credit Suisse schätzen den Umsatz in diesem Jahr auf 6 Milliarden Dollar. Bei der Bank ist man überzeugt, dass der Videokanal jährlich um 35 Prozent wachsen und demnächst schwarze Zahlen schreiben wird. Laut den Prognosen würde Youtube im Jahr 2020 ein Viertel zum Konzernumsatz beisteuern.

Künstler fordern Lizenzzahlungen

Doch die Zukunft von Youtube scheint nicht nur rosig zu sein: Prominente Künstler wie Lady Gaga, Coldplay oder Ed Sheeran beschwerten sich erst im Sommer bei der EU-Kommission, dass der Dienst durch seine Gratisangebote die Musik entwerte. Die Branche kritisiert, dass Youtube, gemessen an seiner Grösse, viel zu wenig Geld abgebe. Es müsse klargestellt werden, dass auch Online-Plattformen wie Youtube Lizenzen für ihre Inhalte zahlen müssen – so, wie es Spotify oder Apple Music tun, fordern Musiker- und Künstlerverbände. Youtube verweist auf sein «Content ID»-System, eine Art digitalen Fingerabdruck zur Piraterie-Bekämpfung. Darüber werden Rechte­inhaber benachrichtigt, wenn ihre Inhalte auf Youtube auftauchen. Sie können dann entscheiden, ob das Material gesperrt wird – oder sie an den Umsätzen, die aus dem Werbeumfeld generiert werden, beteiligt werden.

Ein weiterer Vorwurf, der Youtube – aber auch Facebook und Twitter – gemacht wird, ist, nicht effizient genug gegen problematische Inhalte wie etwa islamistische Propaganda oder Hasskommentare vorzugehen. Nach Angaben des Videodienstes löschte der Konzern 2015 rund 92 Millionen Inhalte. Von diesen stand nur ein Bruchteil (1 Prozent) im Zusammenhang mit Hasskommentaren oder terroristischen Inhalten, wie es heisst. Grösstenteils handelte es sich um Spam, pornografisches oder sonstiges Material, das gegen die Yotube-Richtlinien verstiess. Doch die wahrscheinlich grösste Herausforderung für Youtube ist die verschärfte Marktsituation. Googles grosser Konkurrent Facebook mit seinen 1,6 Milliarden Mitgliedern setzt inzwischen massiv auf Video und konnte sich dort zuletzt besonders im Bereich Live-Streaming positionieren. Und auch andere Netzwerke wie Snapchat, Twitter und Instagram haben Videos längst in ihr Angebot integriert.

Jenny Tobien/DPA, Ernst Meier

 

Videos zum Artikel (8)

  • Youtube-Star von heute: Bibi mit ihrem «Beauty Place»

  • Youtube-Star von heute: LeFloid

  • Youtube: PSY - Gangnam Style

  • Youtube: Pharrell Williams - «Happy»

  • Youtube: Felix Baumgartners Basejump

  • Youtube: Me at zoo

  • Youtube: Evolution of Dance

  • Youtube: Charlie bit my finger - again !

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