Wirtschaft
14.07.2017 07:50

Das Alter ist gefragt und umworben

  • Ein längeres Erwerbsleben kann dem demografisch bedingten Fachkräftemangel in gewissen Branchen entgegenwirken. Auch die Sozialversicherungen können so entlastet werden.
    Ein längeres Erwerbsleben kann dem demografisch bedingten Fachkräftemangel in gewissen Branchen entgegenwirken. Auch die Sozialversicherungen können so entlastet werden. | Bild: Gabriele Putzu/Keystone
ARBEITSMARKT ⋅ Aufgrund der Demografie werden der Schweiz in wenigen Jahren wichtige Fachkräfte fehlen. Um die Lücke zu füllen, sollen Arbeitnehmer ab 50 Jahren einspringen. Dafür braucht es aber Anpassungen.

Ernst Meier

Ältere Arbeitnehmer werden häufig speziell erwähnt, wenn es ums Thema Jobsuche und den Arbeitsmarkt allgemein geht. So haben es zum Beispiel Infor­matiker ab dem 50. Lebensjahr schwer, einen geeigneten Job zu finden, wie die Statistiken zeigen. Vielfach wird es für sie bereits ab 45 Jahren schwieriger auf dem Stellenmarkt. Auch die Lohnvorstellungen stehen dabei vielerorts im Weg. Ähnlich ist die Situation auch bei Angestellten aus der Finanzbranche. Und Mütter, die gerne in Teilzeit arbeiten würden oder die nach einigen Jahren des Unterbruchs wieder in die Arbeitswelt einsteigen wollen, stehen ebenfalls oft vor grossen Herausforderungen.

Nun könnte jedoch gerade diese «Altersschicht» dereinst eine wichtige Rolle spielen, um zu verhindern, dass der Schweizer Arbeitsmarkt in gröbere Schwierigkeiten gerät. Die UBS streicht in ihrer Studie «Outlook Schweiz» die Vorzüge der «Generation Silber auf dem Arbeitsmarkt» heraus. Sie listet aber auch auf, welche Herausforderungen bewältigt werden müssen, um die «Arbeitskräfte 50+» künftig optimal im Arbeitsmarkt einsetzen zu können.

480000 Arbeitskräfte könnten bald fehlen

«In den nächsten zehn Jahren werden in der Schweiz etwa 1,1 Millionen Personen das Alter 65 erreichen und damit gut 690000 Erwerbstätige aus dem Arbeitsmarkt austreten», sagte UBS-Ökonomin Veronica Weisser an der gestrigen Medienveranstaltung in Zürich. Ohne Zuwanderung würden lediglich etwa 480000 Erwerbstätige nachrücken und die Pensionierten ersetzen können. «Wenn zudem die Beschäftigung wie bis anhin weiter wächst, fehlen der Schweiz über die kommenden zehn Jahre 480000 Vollzeit arbeitende Personen», erläuterte Weisser. Damit drohe der Schweiz eine gefährliche Lücke: «der demografisch bedingte Fachkräftemangel».

Die Probleme des Arbeitsmarktes werden durch eine weitere Gegebenheit erschwert. Wegen der Bevölkerungsstärke der Babyboomer ist ausserdem die Personengruppe der 55- bis 64-Jährigen im Vergleich zu früheren Generationen deutlich gewachsen. «Entsprechend sind immer mehr Menschen mit einem Alter über 50 – die ‹Generation Silber› – von Arbeitslosigkeit und einer erschwerten Re­integration in den Arbeitsmarkt betroffen», erklärte Ökonomin Weisser. Gelinge es, diese Generation länger im Erwerbsleben zu halten beziehungsweise Stellensuchende wieder in den Arbeitsmarkt einzubinden, könne dem demografischen Fachkräftemangel entgegengewirkt werden, ist Veronica Weisser überzeugt. Zudem würde dadurch den steigenden Ausgaben der Sozialversicherungen entgegenwirkt werden, sagt Weisser.

Flexiblere Arbeitsverträge

Laut der UBS-Studie wird es künftig eine grosse Herausforderung sein, die «Generation Silber» auf die freiwerdenden Fachstellen vorzubereiten und es möglich zu machen, dass die freien Jobs auch mit ihnen entsprechend besetzt werden können. Ältere Arbeitslose sind bekanntlich schwerer zu vermitteln. Die Frage ist demnach, welche Anpassungen es braucht, um die «Generation Silber» im Job zu behalten, respektive Arbeitslose zu integrieren.

Die UBS-Ökonomen schlagen vor, dass Firmen mit einer flexiblen Ausgestaltung der Arbeitsverträge auf die sich verändernden Bedürfnisse älterer Mitarbeitender eingehen. Eine Möglichkeit wäre auch die Verlängerung der Kündigungsfrist zu Gunsten des Arbeitnehmenden, gekoppelt an die Verlängerung des Erwerbslebens über 65 hinaus oder einen gestaffelten Ausstieg aus dem Berufsleben. «Für Unternehmen würde dies die Planungssicherheit erhöhen», ist Veronica Weisser überzeugt. Eine andere Möglichkeit sei die Integration der Bildung beziehungsweise Weiterbildung in das Entlöhnungssystem, sagte sie: «Beispielsweise an Stelle zusätzlicher Ferien, Lohnerhöhungen oder Boni.» Dadurch könnte die Attraktivität des Mitarbeitenden für das Unternehmen auch bei steigenden Lohnnebenkosten erhalten bleiben.

Laut der gestern vorgestellten UBS-Studie werden nicht alle Branchen im gleichen Ausmass vom künftigen Fachkräftemangel betroffen sein. Während Sektoren, die sich im Strukturwandel befinden, schrumpfen könnten, dürfte in Bereichen wie zum Beispiel im Gesundheitswesen der Arbeitskräftemangel deutlich steigen, heisst es.

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