Wirtschaft
17.05.2017 05:02

Die Kündigungskultur in der Schweiz lässt zu wünschen übrig

  • Wer am Arbeitsplatz seine Sachen packen muss, wird nicht immer ordentlich verabschiedet.
    Wer am Arbeitsplatz seine Sachen packen muss, wird nicht immer ordentlich verabschiedet. | Symbolbild: Getty
ARBEITSMARKT ⋅ Nur etwa die Hälfte der Kündigungsgespräche verläuft einigermassen zufriedenstellend. Zu oft werde improvisiert, bemängeln Fachleute. Arbeitgeber und -nehmer kündigen aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Rainer Rickenbach

rainer.rickenbach@luzernerzeitung.ch

Bei den Kündigungen gehe die Schere weit auseinander, sagt Jörg Neumann von Neumann Zanetti & Partner. «Einige Unternehmen haben für Kündigungen der Angestellten und des Arbeitgebers eine gute Kultur entwickelt. In anderen gehen diese Trennungen aber himmeltraurig, rücksichtslos und ohne Vorbereitung über die Bühne», sagt der Geschäftsführer.

Seine Erkenntnisse hat er aus einer Umfrage bei knapp 600 Schweizer Unternehmen und Mitarbeitenden gewonnen, die kürzlich aus gegensätz­lichen Perspektiven mit Kündigungen konfrontiert waren. In die Umfrage ebenfalls einbezogen sind normale Kündigungen von Angestellten, die ihre Stelle wechseln. Neumann Zanetti & Partner in Meggen coacht Unternehmen in Fragen der Personalführung und betreibt Marktforschung.

Nur knapp die Hälfte führt Austrittsgespräche

Dass bei beruflichen Trennungen nicht alles rund läuft, zeigt sich daran, dass nur die Hälfte der befragten Arbeitnehmer mit den Kündigungs- und Austrittsgesprächen zufrieden ist – sofern diese überhaupt stattgefunden haben. Denn nicht einmal die Hälfte der Firmen (47 Prozent) nimmt sich überhaupt die Mühe, Austrittsgespräche zu führen. Wenn sie dann doch stattfinden, sind sie meistens Aufgabe der direkten Vorgesetzten, obwohl gerade sie bei über der Hälfte der Trennungen die Ursache für das berufliche Aussteigen darstellen. «Wenn man sich vor Augen hält, wie teuer Fluktuationen die Unternehmen zu stehen kommen, ist es erstaunlich, wie unprofessionell und unstrukturiert viele Arbeitgeber mit Kündigungen umgehen», sagt Neumann.

Bei einem Austritts- und erst recht bei einem Kündigungsgespräch müssten Leute aus der Personalabteilung oder sonst ein Vertreter der Unternehmensführung nebst dem direkten Vorgesetzten dabei sein. Neumann: «Dem Arbeitgeber fällt kein Zacken aus der Krone, wenn er sich nach den Kündigungsgründen erkundigt. Nur so wird er auf Fehlentwicklungen aufmerksam und kann die nötigen Konsequenzen ziehen.» Vier von zehn Unternehmen räumten bei der Umfrage ein, keinen Plan für Kündigungen zu haben. Es fehlt die Unterstützung der eigenen Personalabteilung, und es gibt in vielen Fällen nicht einmal eine Checkliste, an die sich die Leute halten können, die Austritts- und Kündigungsgespräche zu führen haben. Neumann: «Das wirft die Frage auf: Was machen bei diesen Firmen eigentlich die HR-Leute?» Da in der Schweiz die Hürde für Kündigungen tief angesetzt ist, erstaune die wenig ausgeprägte Kündigungskultur. Haben Mitarbeitende dem Unternehmen erst einmal mitgeteilt, dass sich ihre Wege trennen, stellen 45 Prozent der Arbeitgeber diese Angestellten per sofort frei. «Diese Quote ist enorm hoch», findet Neumann. Es bestünden zwar oft gute Gründe, sofort nach der Kündigung auf die Mitarbeiter zu verzichten – etwa wenn der Angestellte zur Konkurrenz wechselt oder das Verhältnis zum Chef dermassen zerrüttet ist, dass eine produktive Arbeit nicht mehr zu erwarten ist. «Oft mag sich der Arbeitgeber aber einfach nicht mit den Abgängern auseinandersetzen. Die Scheu ist so gross, dass man sogar auf Arbeitszeit und die Möglichkeiten zur Einarbeitung der Nachfolger und die persönliche Information der Kunden verzichtet», sagt Neumann.

Unterschiedlich ist die Wahrnehmung, wenn es um die Arbeitszeugnisse geht. Fast jeder siebte Arbeitnehmer bemängelt, auch nach drei Monaten noch keines erhalten zu haben. Fast alle Arbeitgeber hingegen geben an, das Zeugnis innerhalb dieser Frist ausgestellt zu haben. Einem Teil der Bewerteten dürfte das Zeugnis indes bekannt vorkommen: 11 Prozent der Abgänger müssen die erste Version ihres Arbeitszeugnisses nämlich selber verfassen. «Gründe dafür dürften Konfliktscheu und Bequemlichkeit der Vorgesetzten sein. Doch es kommt einem groben Führungsfehler und einer Geringschätzung gegenüber den Mitarbeitenden gleich», findet Jörg Neumann. Denn das Signal an den Angestellten laute: Er ist es nicht einmal wert, dass man sich Zeit für eine saubere Beurteilung nimmt.

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