Wirtschaft
19.05.2017 08:07

Schweizer Messenger-App sagt Whatsapp Kampf an

  • So sieht die Oberfläche von Drotr aus.
    So sieht die Oberfläche von Drotr aus. | Bild: PD
CHAM ⋅ Eine neue App namens Drotr will es mit dem US-Riesen Whatsapp aufnehmen. Punkten wollen die Macher aus Cham mit einer Simultanübersetzung.

Johannes Brinkmann (SDA)

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Verkehrte Welt: Während die Swisscom am Mittwoch ihre Messenger-App iO wegen der harten Konkurrenz durch Whats­app beerdigt hat, sorgt nun eine schweizerisch-ukrainische Messenger-App namens Drotr für frischen Wind. Ziel der App sei, dass die Menschen sich verständigen können, auch wenn jeder in seiner eigenen Sprache kommuniziere, sagte der Chef der Firma TIW (Technology improves the world), Eugen von Rubinberg, gestern beim offiziellen Start der App in Zürich.

Diese Übersetzungsfunktion biete noch kein anderer Messenger an. So kann man einen Text beispielsweise auf Russisch schreiben und der Empfänger bekommt ihn übersetzt auf Deutsch. Das funktioniert derzeit für geschriebene Texte in 104 Sprachen. In 44 Sprachen übersetzt Drotr sogar Gespräche von Videokonferenzen simultan. Laufend sollen weitere Sprachen hinzukommen, wie Rubinberg sagt.

Holprige Übersetzungen

In der Praxis hapert es allerdings mit der Qualität, wie bei der Ansprache von Drotr-Erfinder Alexander Konovalov deutlich wurde. Der Ukrainer sprach auf Russisch, die App gab dann beispielsweise Sätze von sich wie: «Um zu beginnen, ich möchte Ihnen sagen, ein bisschen Geschichte.» Oder: «Jetzt möchte ich Head­liner Kommunikationsplattform präsentieren.»

Allerdings gab es auch korrekte Übersetzungen. Im Grossen und Ganzen war einigermassen verständlich, was Konovalov mitteilen wollte. «Wir können nicht garantieren, dass Drotr eine absolut fehlerfreie Übersetzung liefert – noch nicht», so Konovalov.

Die Übersetzungstechnologie sei noch am Anfang. «Wir sprechen im Moment nicht von einer literarischen Übersetzung oder von Fachbegriffen.» Das erste Ziel sei, dass die Menschen miteinander sprechen. «Auf diesem Niveau sind wir angekommen», sagte Konovalov. Hier sei man Skype oder Google voraus. Der Ukrainer hat mit der Entwicklung der App im Jahr 2013 begonnen. Mittlerweile ist auch der aus einer Familie mit russisch-deutsch-niederländischen Wurzeln stammende Rubinberg eingestiegen. Der 33-Jährige besitzt zusammen mit Konovalov je die Hälfte an dem Gemeinschaftsunternehmen TIW mit Sitz in Cham und einem Büro in Zürich. Rubinberg wuchs in Kirgistan auf und kam mit fünf Jahren nach Deutschland, wie er am Rande der Medienkonferenz erzählte. Mit 16 gründete er eine Handelsfirma, die Elektronikgeräte wie beispielsweise Fernseher von China nach Deutschland verkaufte. Dieses Unternehmen hat Rubinberg gemäss eigenen Angaben gut veräussert. Das Geld investierte er in deutsche IT- und Industriebeteiligungen. Mehrere Millionen seien in die Entwicklung von Drotr geflossen, sagte Rubinberg, der vor zehn Jahren mit seiner Firma in die Schweiz gekommen ist.

Und jetzt soll mit dem offiziellen Start der App die nächste Stufe gezündet werden: Derzeit liefen Verhandlungen mit privaten und institutionellen Investoren für die weitere Expansion, sagte er. Man beabsichtige, 100 Millionen Franken zusammenzubekommen.

15 Angestellte in Cham

In der Schweiz beschäftigt die Firma TIW derzeit 20 Angestellte, davon arbeiten 15 in Cham. Weitere würden gesucht, hiess es gestern. Die Entwicklung der App geschehe allerdings in der ukrainischen Hauptstadt Kiew, wo 50 Mitarbeiter tätig sind. In der Schweiz seien Programmierer knapp und ausserdem deren Löhne zu hoch, was sich TIW nicht leisten könne, sagte Rubinberg. Wie Drotr in Zukunft Geld verdienen will, blieb allerdings vage: Die App solle kostenlos und werbefrei bleiben, sagte Rubinberg. Auch wolle man im Gegensatz zu US-Konkurrenten keine Daten der Nutzer verkaufen.

Stattdessen ist vorgesehen, den Messenger mit weiteren Funktionen zu erweitern. So soll man beispielsweise mit Drotr Geschenke wie etwa einen Blumenstrauss mit nur wenigen Klicks verschicken können. Damit müssen die Nutzer nicht mehr auf andere Internethändler zugreifen.

«Aus der Kooperation mit solchen Partnern erwarten wir für uns Verdienstmodelle», sagte Eugen von Rubinberg. Alexander Konovalov erklärte, innert drei Jahren die Gewinnschwelle erreichen zu wollen.

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