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LITERATUR

Othmar Betschart vermittelt eine Geschichte auf emotionale Weise

Zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation hat Oberstufenlehrer Othmar Betschart aus Sins eine historische Erzählung verfasst. Anhand einer fiktiven Geschichte zeigt er auf, welche Wirren zu dieser Zeit im Freiamt herrschten.
11.01.2018 | 16:18

Nicht nur den Kraftort an der Spitze der Anhöhe Tschampani in Sins, an dem seine historische Erzählung beginnt und endet, teilt der Autor Othmar Betschart mit seinem Helden Adam Huwiler. Auch der Wohnort, welcher dem vor vielen Jahren zugezogenen Muotathaler zur Heimat geworden ist, entspricht jenem Adams. «Unser Haus steht ungefähr dort, wo das Kellehus der Familie Küng stand», erzählt er, nämlich an der Kellengasse, die ihren Namen dem alten Heimetli verdankt.

Die Erzählung «S’Kellehusers» spielt sich zwischen 1528 und 1531 ab vor dem Hintergrund der Reformation, des Konflikts zwischen den reformierten Städten Zürich und Bern und der katholischen Innerschweiz. Den uneinigen Keil zwischen den Fronten stellte damals das Freiamt dar, dessen Söhne dem Bürgerkrieg geopfert wurden. Die fiktive Handlung gipfelt in der blutigen Auseinandersetzung bei Kappel am Albis.

Anna und Adam Huwiler leben mit den beiden Söhnen Jodok und Domini im Sinser Kellehus. In der Familie Huwiler spielt sich im Kleinen ab, was im Grossen die damalige Zeit bewegte. Adam selbst hat als impulsiver junger Mann Söldnerdienste in Mari­gnano geleistet und dabei Traumatisches erlebt, sodass er vom Krieg nichts mehr wissen will. Seine Söhne Jodok und Domini könnten unterschiedlicher nicht sein. Impulsiv, stur und kraftvoll wie der Vater der eine, besonnen und zartfühlend wie die Mutter der andere. Keiner der beiden hört auf die Eltern, jeder sucht und findet seinen eigenen Weg, Jodok im Kampf, Domini in der Lehre Zwinglis. Eine schwere Tragödie trifft die Familie und eint sie, der Kreis schliesst sich.

Lebendiger Geschichtsunterricht

Das 80-seitige Buch entstand im Rahmen einer Intensivweiterbildung, an welcher der Oberstufenlehrer Othmar Betschart im letzten Halbjahr teilgenommen hatte. Das Projekt wird durch Beiträge aus dem Kulturfonds Sins und der Raiffeisenbank Oberfreiamt unterstützt. «Meine Frau Myriam ermunterte mich dazu, nachdem ich schon länger über dieser Idee gebrütet hatte», erzählt er. Ihr widmet er denn auch sein Werk. Betschart versteht Geschichte nicht als reine Faktenlehre: «Erst wenn man die Vergangenheit versteht, kann man auch die Gegenwart richtig einordnen und die Zukunft besser gestalten», ist er überzeugt. Um für seine Schüler historische Zusammenhänge auf emotionaler Ebene erlebbar zu machen, erzählt er ihnen oft Geschichten, singt mit ihnen Lieder und zeigt Relikte aus der betreffenden Zeit. Das ist eines der Ziele, die er auch mit dieser Erzählung verfolgt. Ausserdem will er aufzeigen, dass mehr als ein Religionskrieg hinter den damaligen Auseinandersetzungen steckte: «Wie auch in den aktuellen Konflikten waren damals geopolitische Machtkämpfe die wahren Ursachen für den Zwist. Religion ist das einfachste Mittel, um die Massen zu radikalisieren und die Feinde zu verteufeln.» Ein zeitloses Phänomen.

In der Erzählung ist es schliesslich Adam, der versteht, wie tief eine natürliche Frömmigkeit das Innerschweizer Bergvolk durchdringt, wie stark es mit dem katholischen Glauben und dessen Traditionen verwurzelt ist. «Die Veränderung brauchte einfach mehr Zeit, als die Reformatoren dem Volk gewährten.» Hier kommt ein Stück Autobiografie zum Vorschein: «Mein Vater war ein tiefgläubiger Mann, ohne sich der theologischen Sinnfrage zu stellen. Der Glaube war für ihn Bestandteil seines Lebens und Überlebens.»

Schmerzhafter Ablösungsprozess

Adam trägt aber nicht nur Züge von Betscharts Vater, sondern auch seine eigenen. «Der Ablösungsprozess meiner eigenen Kinder und meiner Schüler, der unbedingte Wille der jungen Leute, ihre eigenen Erfahrungen zu machen, widerspiegelt sich in der Erzählung.» Ebenso wie der Charakter seiner Frau Myriam, die wie Anna den ruhigen Pol der Familie darstellt. Othmar Betschart findet eine Sprache, welche zwar zeittypische Ausdrücke aufnimmt, aber nicht antiquiert wirkt oder gar die Konsultation eines Wörterbuchs erfordert. Begriffe wie Rodel für Heer, Waglertaler für Freiämter, Büttel für Diener oder Reisläufer für Söldner erklären sich aus dem Zusammenhang selbst. Der Autor findet genau den richtigen Ton, um die historische mit der modernen Zeit seiner Leser zu verknüpfen. Besonders für die Einheimischen interessant sind die Bedeutungen von Flurnamen, welche die Geschichte erläutert. Chalchtare heisst heute noch der Waldabschnitt zwischen Sins und Auw. Dort betreibt Familie Huwiler eine Kalkbrennerei, wie sie höchstwahrscheinlich in genau dieser Form dort tatsächlich betrieben wurde, daher der Flurname Chalchtare. «Auch einen Kalksteinbruch muss es dort gegeben haben», fand der Autor anhand verschiedener Recherchen heraus. «Beweisen lässt es sich allerdings nicht.» Auch Familien- und Vornamen aus der Gegend und der damaligen Zeit setzt er ein. Und nochmals eine autobiografische Anlehnung: «Dominik, oder die Kurzform Domini, ist der Name meines Sohnes.»

 

Cornelia Bisch

cornelia.bisch@zugerzeitung.ch

Hinweis

Das Buch «S’Kellehusers» kann beim Autor bezogen werden: othmar.betschart@datazug.ch

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