Luzern
21.12.2016 05:00

Freie Kanti-Wahl in Frage gestellt

  • Kurz vor Schulbeginn an der Kanti Alpenquai in Luzern. Bild: Pius Amrein (Luzern, 22. August 2016)
    Kurz vor Schulbeginn an der Kanti Alpenquai in Luzern. Bild: Pius Amrein (Luzern, 22. August 2016)
LUZERN ⋅ Der Kanton muss an den Gymnasien für möglichst gut gefüllte Klassen sorgen – auch mit Blick auf die leeren Kassen. Dem Spardruck könnte ein Privileg der Kantonsschüler zum Opfer fallen.

So viele Schüler wie möglich, so wenige wie nötig: Der politische Anspruch an die Klassengrössen in den Gymnasien wird zwangsläufig dann zum Thema, wenn es ums Sparen geht. So geschehen letzte Woche im Luzerner Kantonsparlament. Die Planungs- und Finanzkommission hat in einem Antrag gefordert, die durchschnittliche Klassengrösse um einen Schüler aufzustocken – um damit 1,5 Millionen Franken pro Jahr zu sparen.

Der Antrag ist im Plenum zwar gescheitert. Doch der Spardruck wird dadurch nicht kleiner. Kantonsrat Guido Roos (CVP, Wolhusen), der den Ablehnungsantrag zum Antrag der Kommission gestellt hatte, erinnerte an die anstehende Organisationsentwicklung, bei welcher der Kanton dauerhaft 40 Millionen Franken sparen muss – davon allein 15 Millionen in der Bildung. «Darum ist es denkbar, dass die Regierung prüft, die freie Gymi-Wahl einzuschränken», erklärt Roos gegenüber unserer Zeitung. Die Regierung habe nun die erforderliche Zeit, um zu überlegen, wie auch in Zukunft optimale Klassengrössen erreicht werden können. Roos als Vater würde seinen eigenen Kindern ab dem siebten Schuljahr einen längeren Weg zumuten. Schliesslich «könne man den Bären nicht waschen, ohne dass sein Fell nass werde», so Roos weiter. Damit spricht er die Tatsache an, dass man nicht Dutzende von Millionen im Kanton Luzern sparen könne, ohne dass dies jemand «zu spüren» bekomme.

«Massnahme ist nicht spruchreif»

Wie realistisch ist die Massnahme? Immerhin könnte sie Folgendes bedeuten: Wer die Kanti Sursee mit Schwerpunktfach Italienisch besuchen will, es dafür aber nicht genügend oder zu viele Anmeldungen gibt, könnte vom Kanton nach Luzern oder Beromünster geschickt werden. Dort gibt es Kantonsschulen, die Italienisch als Schwerpunktfach anbieten.

Aldo Magno, Leiter der kantonalen Dienststelle Gymnasialbildung, erklärt auf Anfrage: «Sie ist nicht spruchreif und auch nicht die einzig taugliche Massnahme, um die Schülerbestände klassenübergreifend auszugleichen.» Entscheidend sei bei der Bildung neuer Klassen auf die Bestände zu achten, um so in den kommenden vier Jahren eine gute Auslastung zu erzielen. Denkbar sei es auch, beim Übertritt in das Obergymnasium Klassen zusammenzulegen, wenn die Bestände dies erfordern. Generell würden die Klassengrössen laufend optimiert, wie Magno versichert. Er bestätigt, dass der Aufwand bei einem Eingreifen in die Wahlfreiheit der Schüler aufgrund der unterschiedlichen Schwerpunkt- und Ergänzungsfächer wohl gross ausfallen dürfte. Dies sei aber nicht das Hauptkriterium bei der Schulwahl, so Magno. Dafür wäre die recht­liche Hürde klein: Die Wahlfreiheit ist lediglich in der Verordnung zum Gesetz über die Gymnasialbildung verankert, könnte also vom Regierungsrat eigenhändig geändert werden.

Derzeit verfügen die Klassen aller acht Luzerner Gymnasien über durchschnittlich 19,9 Schüler. Die Spanne reicht von 17,9 Schülern an der Kanti Seetal bis 21,6 Schülern an der Kanti Alpenquai. Für das nächste Schuljahr ist ein kantonaler Durchschnitt von 20,4 vorgesehen. Damit dürfte sich Luzern im schweizweiten Vergleich im Mittelfeld befinden (siehe Tabelle).

St. Gallen redet seit rund 20 Jahren mit

Luzern wäre nicht der erste Kanton, der den Schülern den Kanti-Standort vorgibt. In St. Gallen gibt es diese Praxis seit rund 20 Jahren, wie Adrian Bachmann vom St. Galler Amt für Mittelschulen auf Anfrage erklärt. Zwar gelte auch im Ostschweizer Kanton grundsätzlich freie Schulwahl. «Konkret geben die Schüler respektive deren Eltern bei der Anmeldung an, welche Schule und welches Schwerpunktfach in Frage kommen. Zeichnen sich halb volle oder zu grosse Klassen ab, können die Betroffenen entscheiden, ob sie an der gewünschten Schule ein anderes Schwerpunktfach belegen oder aber an einer anderen Schule das gewünschte Fach ­haben wollen.»

Solche Eingriffe nimmt der Kanton in 80 bis 100 Fällen pro Jahr vor. Dies bei durchschnittlich 1200 Neueintritten. Zu lange Wege – etwa vom südlichen in den nördlichen Kantonsteil – werden vermieden. «Niemand muss an einer anderen Kanti vorbeifahren», versichert Bachmann. Denn der Kanton kontaktiere zuerst immer jene Schüler, die ungefähr in der Mitte zweier Gymnasien wohnen.

Auch wenn sich die Massnahme bewährt habe, erhalte Bachmann wegen ihr jährlich zwischen 30 und 50 Anrufe. «Oft handelt es sich um offene Fragen, die rasch geklärt werden können.» Es sei halt eine Herausforderung, zwischen den Wünschen der Politik und jenen der Schüler einen Mittelweg zu finden.

Gegen Sparübungen mit dem Rasenmäher

Auch die Politik müsse gut abwägen, in welcher Hinsicht – regionalpolitisch, pädagogisch oder ökonomisch – eine neue Massnahme sinnvoll ist. Dies sagt die Luzerner SP-Kantonsrätin He­lene Meyer-Jenni auf Anfrage. Die Bildungskommission, welche sie präsidiert, habe noch keine inhaltliche Diskussion über eine Einschränkung der Wahlfreiheit von künftigen Kantischülern geführt. Die SP-Fraktion spricht sich laut Meyer aber klar gegen «Rasenmäher-Sparübungen» aus: «Die Luzerner Gymnasien sind derzeit dezentral organisiert, was auch einen hohen regionalpolitischen und gesellschaftlichen Wert hat. Darum müssen Optimierungen sehr differenziert angegangen werden; politisch unsorgfältige Eingriffe führen nur zu Widerstand.»

Alexander von Däniken
alexander.vondaeniken@luzernerzeitung.ch

Braucht es Noten für das Arbeitsverhalten?

Ist der Zeugniseintrag über das Arbeits- und Lernverhalten ein zahnloser Tiger oder nicht? In dieser Frage schafft der Bildungsrat des Kantons Zürich jetzt Klarheit: Ab dem Schuljahr 2019/2020 sollen Zuverlässigkeit, Fleiss und Pünktlichkeit gleich viel zählen wie andere Schulfächer. Jedenfalls für Schüler, die nach der achten oder neunten Klasse ans Kurzzeitgymnasium wechseln wollen.
Bisher entscheidet in Zürich nur eine Aufnahmeprüfung, ob ein Schüler am Gymnasium aufgenommen wird. Mit der neuen Regelung sollen nun auch die Zeugnisnoten zählen – und zwar zur Hälfte. Nebst Fächern wie Englisch, Französisch oder Mathematik wird das Arbeitsverhalten den Vornoten zugerechnet und macht einen Zwölftel der Endnote aus. Das berichtet der «Tages-Anzeiger».
Luzerner Bildungsexperten sind sich einig: Das Zürcher System braucht es hier nicht. Und zwar nicht nur, weil Luzern keine Gymi-Prüfungen kennt. Aldo Magno leitet die Dienststelle Gymnasialbildung. Auf Anfrage sagt er: «Es ist bei uns zwar keine eigene Zeugnisnote, aber das Arbeitsverhalten kommt genügend zum Tragen.» Will in Luzern ein Schüler ans Gymnasium, führt der Lehrer zusammen mit ihm und seinen Eltern ein sogenanntes Zuweisungsgespräch. «Dabei diskutieren sie auch das Arbeits- und Sozialverhalten», so Magno. Das Benehmen wird mit den Begriffen «übertroffen», «erreicht», «teilweise erreicht» und «nicht erreicht» beschrieben. Dieses Verfahren gebe es in Luzern schon seit vielen Jahren, und man fahre sehr gut damit.

Diese Meinung teilt Charles Vincent. Er ist der Leiter der Dienststelle Volksschulbildung, welche die Sekundarschule 1 betreut: «Nicht nur die Schulnoten sind entscheidend. Es braucht eine ganzheitliche Betrachtung – und dazu gehören auch das Arbeits- und das Sozialverhalten.» Vincent betrachtet die Idee aus Zürich skeptisch. Das Arbeitsverhalten mit einem fixen Notenwert zu beschreiben und es gleichwertig wie andere Fächer zählen zu lassen, findet er schwierig: «Es kann ja auch sein, dass ein Schüler in der Oberstufe zwar gute Noten hat, aber unterfordert ist und daher sein Arbeitsverhalten zu wünschen übrig lässt.» Wenn die Note Arbeitsverhalten und möglicherweise eine schlechte Tagesform an der Aufnahmeprüfung dazu führten, dass der Schüler nicht aufgenommen werde, «ist das für einen Lernweg unglücklich».

Kilian Küttel
kilian.kuettel@luzernerzeitung.ch

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