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VIERWALDSTÄTTERSEE

Berufsfischer fürchten um ihre Existenz

Der grösste See der Zentralschweiz ist nährstoffarm. Entsprechend wenig Futter finden die Fische. Für die Berufsfischer heisst das: Die Fangmengen bleiben bescheiden. Daher dürfte künftig die Zahl der Berufsfischer weiter abnehmen.
21.01.2018 | 08:05

Thomas Heer

thomas.heer@luzernerzeitung.ch

Mit 114 Quadratkilometern ist der Vierwaldstättersee das zweitgrösste Gewässer, dessen Gebiet vollständig auf Schweizer Territorium liegt. Genug Raum also, so könnte man annehmen, um einer Vielzahl von Berufsfischern eine Lebensgrundlage zu bieten. Das aber ist Wunschdenken. Noch genau neun Berufsfischerbetriebe finden sich rund um den Vierwaldstättersee. Vor rund zwei Jahrzehnten waren es noch 19. Und die Zahl dürfte weiter schrumpfen. Davon jedenfalls ist Michael Näpflin, Präsident des Berufsfischerverbandes Vierwaldstättersee, überzeugt.

Der Grund für den rückläufigen Trend liegt zum einen in der demografischen Situation. Denn einige Berufsfischer sind über 70 Jahre alt. Nachfolger zu finden, scheint schwierig. Der Grund ist das eigentliche Problem der Berufsfischerei auf dem Vierwaldstättersee: die seit Jahren dürftigen Fangergebnissen und die damit verbundene unsichere wirtschaftliche Basis.

Die goldenen Jahre sind längst vorbei

Wenn Michael Näpflin eine Bilanz übers 2017 zieht, nennt er es ein «durchzogenes Jahr». Vor allem, was die Grossfelchen betrifft, spricht der 46-Jährige von einem «grossen Dämpfer in den Monaten August und September». Näpflins Einschätzung wird auch von seinem Berufskollegen Nils Hofer geteilt. Der Fischer aus Meggen wirft noch einen Blick in die Vergangenheit und erwähnt, dass die Fangmengen bis Mitte der 1980er-Jahre, verglichen mit heute, das Drei- bis Vierfache betrugen. Die ­heutige, weit weniger günstige Situation wird in Kreisen der Berufsfischer in direktem Zusammenhang mit dem Nährstoffangebot im Wasser gesehen.

Denn vor drei oder vier Jahrzehnten lag der Phosphorgehalt im Vierwaldstättersee beim Fünf- oder Sechsfachen des heutigen Gehalts von 5 Milligramm pro 1000 Liter Wasser. Diesen Wert mass die Luzerner Dienststelle Umwelt und Energie im letzten Jahr. Phosphor wird für das Pflanzenwachstum benötigt, also auch für das pflanzliche Plankton im Seewasser. Dies wiederum ist die Nahrungsbasis des Zooplanktons und bildet die Lebensgrundlage gewisser Fischgattungen, die ihrerseits für Arten wie Felchen oder Forellen als Beutetiere dienen.

Dieser Kreislauf läuft im Sempachersee viel hochtouriger. Und zwar weil der Phosphorgehalt dort mit 29 Milligramm pro Kubikmeter Wasser fast sechsmal höher liegt als im Vierwaldstättersee. Entsprechend besser fällt die Fischernte aus. Im langjährigen Durchschnitt liegen diese pro Hektar bei rund 42 Kilo Felchen, der wichtigsten Fischart für die Berufsfischerei. Zum Vergleich: Im Vierwaldstättersee beträgt der Wert etwa 6,5 Kilo pro Hektar.

So erstaunt es nicht, dass auf dem 14,5 Quadratkilometer grossen Sempachersee drei Berufsfischer eine Existenz finden. Wohingegen, wie bereits erwähnt, am fast zehnmal grösseren Vierwaldstättersee lediglich noch neun Profibetriebe existieren.

Weniger Ertrag und höhere Kosten – bei stabilen Preisen

Einer, der seit vielen Jahren am Sempachersee berufsmässig als Fischer unterwegs ist, heisst Hans-Ueli Zwimpfer. Er sagt: «Ich bin zufrieden mit dem vergangenen Jahr.» Gemäss Zwimpfer gingen ihm 2017 zirka 25 Tonnen Fische in die Netze.

Die gute Ausgangslage im Sempachersee hat aber auch ihren Preis. Nach wie vor muss das Gewässer belüftet werden, und die natürliche Fortpflanzung ist nicht gewährleistet. In den unteren Wasserschichten gibt es schlicht zu wenig Sauerstoff, als dass Jungfische nach dem Schlüpfen überleben könnten. Der Sempachersee wird durch den Besatz künstlich ausgebrüteter Fische in Schwung gehalten.

Verhältnisse wie im Sempachersee wünscht sich der Nidwaldner Berufsfischer Michael Näpflin daher nicht. Er betrachtet einen Richtwert von 10 Milligramm Phosphor pro Kubikmeter Wasser als erstrebenswert. Er fasst die Situation folgendermassen zusammen: «Aufgrund des nährstoffarmen Wassers bleibt die Situation von uns Berufsfischern angespannt. Wir stehen im internationalen Wettbewerb, und die Preise für unsere Produkte steigen nicht in dem Mass wie die Kosten für die Betriebsmittel.»

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