Luzern
17.07.2017 19:30

Erst viel üben, dann ein eigenes Velo kaufen

  • Zwei Migrantinnen nehmen am Velokurs von Pro Velo beim St.-Karli-Schulhaus teil. (© Bild: Nadia Schärli (Luzern, 21. Juni 2017))
    Zwei Migrantinnen nehmen am Velokurs von Pro Velo beim St.-Karli-Schulhaus teil. | Bild: Nadia Schärli (Luzern, 21. Juni 2017)
LUZERN ⋅ Pro Velo Luzern bietet Velofahrkurse für Migrantinnen an. Dabei zeigt sich: Velofahren zu lernen, ist für Erwachsene komplex. Die Kurse bieten aber mehr als ein sicheres Gefühl auf dem Sattel.

Etwas wackelig fährt die Frau mit dem blauen Velohelm auf den aufgemalten Fussgängerstreifen auf dem St.-Karli-Schulhaus-Platz zu. Sie sollte eigentlich ­anhalten und den Fussgänger über die ebenfalls aufgemalte Strasse lassen. Doch sie schafft es nicht, rechtzeitig zu bremsen, das Gleichgewicht zu halten. Sie hüpft noch während der Fahrt vom Velo und fällt fast um.

Damit solche Szenen vermieden werden können, bietet Pro Velo Luzern Velofahrkurse für Migrantinnen an. Für die zehn Abende zahlen die zwölf Frauen – 30 Anmeldungen gingen ein – 50 bis 100 Franken, abhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Dieser tiefe Preis ist möglich, weil Pro Velo Luzern von Sponsoren unterstützt wird.

Kurs wird zweimal pro Jahr angeboten

«Schweizer Frauen brauchen das nicht, die lernen alle in der Schule Velo fahren. Doch viele Migrantinnen sind entweder noch nie oder schon lange nicht mehr Velo gefahren. Sie wollen wir unterstützen, das Velo als Alltagsfortbewegungsmittel ganz selbstverständlich zu nutzen», erläutert Daniela Tanno von Pro Velo Luzern. Bereits 2013 hat die Organisation einen solchen Kurs lanciert. Damals als Teil einer Bachelor-Arbeit einer Studentin, die viele Erkenntnisse hervorbrachte. «Das wollten wir wieder aufgreifen, haben das Konzept aber etwas verändert», so Daniela Tanno. Es sei wichtig, dass die Frauen so lange in den Kurs kommen können, bis sie sich im Verkehr sicher fühlen. Nun wird der Kursblock mit zehn Kursabenden zweimal pro Jahr angeboten.

Die Migrantinnen lernen erst, das Gleichgewicht auf dem Velo zu halten. Dazu werden die Pedalen abgeschraubt, und sie fahren dann wie mit einem Laufvelo herum. «Velofahren ist sehr komplex. Geradeausfahren können die Teilnehmerinnen noch schnell, aber die Manöver sind schwierig», weiss Tanno. Eine der freiwilligen Helferinnen fährt voraus, die Migrantin hinterher. Das geht schon gut. «Jetzt biegen wir links ab und strecken die Hand aus», sagt die Helferin. «Links, das kann ich nicht», antwortet die Migrantin. Kurven fahren, auf den Punkt bremsen, Anfahren, all das muss geübt sein, bevor man am Verkehr teilnimmt. «Wir sind sehr privilegiert, dass wir Velo fahren als Kinder in der Schule lernen», betont die Helferin.

Mebrith (25) aus Eritrea sitzt heute zum zweiten Mal auf einem Velo. «Geradeaus ist okay», meint sie lachend. Sie habe etwas Angst gehabt, aber hier könne sie ja üben. Hagos (30) aus Eritrea hat keine Angst. «Ich möchte viel üben und später ein Velo kaufen», sagt sie.

Trotz Anstrengung wird viel gelacht

«Wo willst du hin?», fragt die Helferin. Die Migrantin fährt ­etwas steil in die Kurve und gerät auf die – auf dem Pausenplatz aufgemalte – Gegenfahrbahn. «Du bist gerade in ein Auto gefahren», erklärt die Helferin lachend. Überhaupt, auch wenn es an diesem Sommerabend heiss ist und die Frauen zwei Stunden lang Velo fahren: Es wird viel gelacht. «Es kommen nicht immer alle, und auch der Umgang mit Pünktlichkeit ist anders, als wir es uns in der Schweiz gewohnt sind», sagt Daniela Tanno. Doch es herrsche eine sehr tragende, herzliche Atmosphäre. Unfälle gibt es eigentlich keine: «Die Frauen sind nicht so mutig. Nur eine fiel etwas unglücklich seitwärts vom Velo und schlug sich das Knie auf.»

Rosanna (53) hatte als Kind in Italien zweimal einen Velounfall. «Danach hatte ich Angst und bin nicht mehr gefahren», erzählt sie. Gerade ist sie von der Rundfahrt durch das Quartier zurückgekommen. Es brauche schon viel Konzentration bei all den Fussgängern und Autos, erzählt Rosanna. «Ich fühle mich immer sicherer, der Kurs hilft mir sehr.» So geht es auch Prashikas Mutter (58). Prashika hat ihre Mutter zum Kurs angemeldet und hilft selber beim Kinder­hütedienst. «Es tut ihr gut, etwas Neues zu lernen, es gibt ihr Selbstvertrauen, sie hat ihre Angst überwunden», freut sich die Tochter. Erst muss sich ihre Mutter aber erholen, denn vom Velofahren tun ihr die Knie weh.

Natalie Ehrenzweig

 

Hinweis

Infos und Anmeldung unter: www.proveloluzern.ch

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